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Wie Drogen das Gedächtnis beeinflussen

Neuro-Enhancement - Doping fürs Gehirn

Die Welt ist schneller geworden. Und wir? Sind wir schon schnell genug für sie? Hält unsere geistige Leistungsfähigkeit mit den wachsenden Anforderungen des Arbeitsalltags Schritt? Viele Arbeitnehmer beantworten diese Frage offensichtlich mit Nein. Zwei Millionen gesunde Menschen greifen nach einer Umfrage für den DAK-Gesundheitsreport 2009 für bessere Leistungen im Job manchmal zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Medikamenten. Doping fürs Gehirn – Wissenschaftler nennen das "Neuro-Enhancement".

Schritt halten in stressigen Zeiten

Auf der ganzen Welt wird an Medikamenten geforscht, die geistige Fitness steigern. Eigentlich für Menschen, die an alters- oder krankheitsbedingte Gedächtnisstörungen leiden.
Aber auch Gesunde interessieren sich für die Mittel: Studenten, die ihre Prüfungen bewältigen wollen, Manager, die sich durch Stress-Zeiten putschen, Journalisten und Wissenschaftler, die länger wach und konzentriert bleiben müssen, als es ihr Körper erlaubt. Der Hamburger Hirnforscher Professor Stefan Knecht bekommt immer wieder Anrufe von Gesunden. Alle haben die gleiche Hoffnung, sagt Knecht, dass es ein Wundermittel gibt, die ihre Lern- und Vergessensprobleme löst, "dass man nur eine Pille nehmen muss, und schon hat man ein Supergedächtnis und kann Informationen ganz leicht aufnehmen."

Risiken und Nebenwirkungen

Die Medikamente, die es gibt, sind nicht dazu entwickelt worden, durch den Arbeitsalltag zu helfen. Sie sind verschreibungspflichtig und kaum an Gesunden erprobt. "Wir wissen über die Gefahren noch nicht sehr gut Bescheid," sagt Psychologie-Professorin Isabella Heuser von der Charité Berlin. Sie hat für den Bundestag ein Gutachten zusammengestellt, in dem das Wenige zusammengetragen ist, das es bisher an Erkenntnissen gibt. Das Gutachten zeigt auch: Bei vielen Medikamenten sind nicht nur langfristige Nebenwirkungen unbekannt, es ist auch unklar, ob sie bei Gesunden tatsächlich die gewünschte Wirkung erbringen. Über Modafinil, das eigentlich für Menschen mit Schlafkrankheit entwickelt wurde, lässt sich sicher sagen: Es macht auch Gesunde wach. Was die "Anti-Schlaftablette" dabei im Gehirn bewirkt, weiß die Wissenschaft allerdings noch nicht. Bei Ritalin, das vor allem Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verschrieben wird, ist die Wirkung bei Gesunden weniger deutlich. Studien zeigten zwar, dass viele Probanden sich nach der Einnahme aufmerksamer fühlten, sie erbrachten aber oft keine bessere Leistungen. Zum Teil verschlechterten sich ihre Ergebnisse sogar.

Akzeptanz von Gehirndoping?

Bei Menschen, die ohnehin gut lernen, führt Gehirndoping schnell dazu, dass die Leistung sinkt, sagt Stefan Knecht: "Ganz einfaches Beispiel: Wenn wir bestimmte wachheitssteigernde Medikamente geben bei Leuten, die wach sind, dann lernen die schlechter." Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns lässt sich also nicht beliebig steigern. Und trotzdem beschaffen sich viele Menschen verschreibungspflichtige Medikamente - nicht für einen besseren Rausch, sondern für bessere Leistungen. Was hat das für gesellschaftliche Nebenwirkungen? Werden wir in der Zukunft aufmerksamkeitssteigernde Medikamente einnehmen wie heute Kopfschmerztabletten? Oder wird es Dopingkontrollen vor Uni-Prüfungen und im Arbeitsalltag geben? "Es muss ein breiter gesellschaftlicher Dialog stattfinden" fordert Prof. Isabella Heuser, "wir haben Nikotin akzeptiert, ein Gift, das den ganzen Körper schädigt. Diese Psychostimulanzien haben wir nicht akzeptiert, aber wir haben auch noch nicht darüber diskutiert, und das muss passieren."

Autorin: Christine Buth

Stand: 12.08.2015 13:33 Uhr

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