SENDETERMIN So, 05.06.11 | 17:03 Uhr

Der Kampf um sichere Deiche

Lastwagen fahren am Deich entlang
Küstendeiche sind schon heute haushohe Bauwerke

Über tausend Kilometer Deiche schützen Deutschlands Nordseeküste. Es sind schon heute haushohe Bauwerke. Doch der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen. Klimaforscher erwarten für die Zukunft zudem stärkere und häufigere Sturmfluten als bisher. Das stellt Küstenschützer vor gewaltige Herausforderungen.

Verantwortlich für 180.000 Menschen

Küstenschützer Früsmer Ortgies
Früsmer Ortgies ist verantwortlich für die Deiche rund um Wilhelmshaven

Früsmer Ortgies ist Deichgraf. Seine Aufgabe ist es, die Deiche im östlichen Ostfriesland rund um Wilhelmshaven instand zu halten. Damit ist er verantwortlich für die Sicherheit von 180.000 Menschen. Als Mann von der Küste hat Früsmer Ortgies schon viele Sturmfluten erlebt. Bei der Hamburger Sturmflut von 1962 brach auch in Ostfriesland so mancher Deich. "Wir haben damals mit primitivsten Mitteln die Deiche geflickt", erinnert sich Ortgies an die Katastrophe.

Seit 1976, als die Wucht eines Orkantiefs viele Deiche an der Oberelbe zerstörte, kam es in Norddeutschland zu keiner großen Flutkatastrophe mehr - auch dank immer höherer und breiterer Deiche, die seitdem gebaut wurden. Doch die Erderwärmung lässt den Meeresspiegel ansteigen, allein im letzten Jahrhundert waren es 17 Zentimeter im weltweiten Durchschnitt. Weil dieser Trend sich fortsetzen wird, könnten viele Deiche schon bald keinen ausreichenden Schutz mehr bieten. Eine Zukunft, für die sich Deichbauer wie Früsmer Ortgies schon heute wappnen müssen.

Gewaltige Bauwerke - gewaltige Kosten

Schwere Baumaschinen auf der Deichbaustelle
Jeder neue Deichkilometer kostet bis zu fünf Millionen Euro

Ortgies' größte Sorge gilt momentan dem Deich Elisabethgroden in Wangerland in Sichtweite der Insel Wangerooge. Im Jahr 2005 war er veraltet: zu niedrig, seine Böschungen zu steil. Deshalb wurde er erhöht und verstärkt.

Moderne Deiche sind heute gewaltige Ingenieursbauwerke. Sie bestehen aus einem Sandkern und einer Deckschicht aus Lehmboden, sogenanntem Klei. Damit die Wellen einer Sturmflut nicht mit zu großer Wucht auf den Deich schlagen, sind seine Böschungen flach. Solche Maßnahmen machen die Deiche nicht nur immer höher und breiter, sondern auch teuer: Die Kosten für den Bau eines Deichs sind da vergleichbar mit dem Neubau einer Autobahn: 2005 veranschlagte das Land Niedersachsen für den Ausbau des 12 Kilometer langen Deichs Elisabethgroden 35 Millionen Euro.

50 Zentimeter Klimazuschlag

Lastwagen wird mit Lehmboden beladen
100.000 Lastwagenladungen Klei müssen herangekarrt werden.

Der Klimawandel ist inzwischen auch bei den für den Küstenschutz zuständigen Politikern angekommen. Das Land Niedersachsen hat inzwischen einen sogenannten Klimazuschlag von 50 Zentimetern für Küstenschutzmaßnahmen beschlossen. Diese 50 Zentimeter Erhöhung muss Ortgies in Elisabethgroden nachträglich einarbeiten. "Dadurch benötigen wir natürlich erheblich mehr Bodenmaterial", erzählt Früsmer Ortgies, "um dann auch diesen Deich auf die neue Zeit einzustellen". Baumaterial, das bereits heute knapp ist. Die Deichbauer müssen riesige Mengen Klei - hunderttausend Lastwagenladungen - aus dem Hinterland herankarren. Doch die 50 Zentimeter Klimazuschlag des Landes Niedersachsen gelten schon jetzt als überholt. Neueste Berechnungen befürchten einen Meeresspiegelanstieg um einen Meter bis zum Ende des Jahrhunderts. Weitere Deicherhöhungen könnten notwendig werden.

Doch mit jedem Meter, den ein Deich höher wird, wird er auch um zehn Meter breiter. Das lässt die Kosten explodieren. Jeder neue Deichkilometer verschlingt schon heute bis zu fünf Millionen Euro. Auch der Platz für immer größere Deiche wird knapp. Vor Elisabethgroden liegt der geschützte Nationalpark Wattenmeer, das Land dahinter wird von der Landwirtschaft genutzt. Bauland müsste teuer erworben werden oder der Deichbau ginge auf Kosten des Naturschutzes. Der Klimawandel könnte Küstenschützer in Zukunft also an ihre Grenzen stoßen lassen. Doch müssen die Küstendeiche wirklich immer weiter in die Höhe wachsen?

Ein alternatives Konzept - die zweite Deichlinie

Flugaufnahme: Häuser hinter der zweiten Deichlinie
In vielen Küstenorten gibt es schon eine zweite Deichlinie

Nur 50 Kilometer von Elisabethgroden entfernt, in der kleinen Gemeinde Neßmersiel, arbeiten andere Küstenschützer an alternativen Konzepten für den Schutz der Küstenbewohner. Johann Oldewurtel, Chef der Deichacht Norden, ist hier für den Deichbau zuständig. Zusammen mit dem Küstenforscher Jürgen Meyerdirks von der Universität Oldenburg plant Oldewurtel für eine Zukunft, in der Deicherhöhungen vielleicht nicht mehr möglich oder finanzierbar sein könnten. Ihr Konzept haben sie im Rahmen des EU-Forschungsprojekts ComCoast zusammen mit Experten des Landes Niedersachsen und Vertretern der Gemeinde Neßmersiel erarbeitet.

Für sie wäre es denkbar, den Deich in Neßmersiel in Zukunft nicht mehr zu erhöhen. Dafür übernähme dann eine zweite Deichlinie hinter dem Hauptdeich einen Teil des Schutzes. Das Konzept zwingt Küstenschützer zum Umdenken. Was sie bisher unter allen Umständen verhindern wollen, müssten sie dann tolerieren: nämlich, dass extreme Sturmfluten Meerwasser über den Deich drücken. Die zweite Deichlinie würde dann das Wasser zurückhalten. Wichtig ist, dass der Hauptdeich eine solche Überspülung aushält, ohne zu brechen. Sollte das Konzept umgesetzt werden, müssten die Küstenschützer nicht einmal bei null anfangen. Eine zweite Deichlinie existiert bereits in vielen Orten Norddeutschlands. Nämlich dort, wo die Küste in früheren Zeiten verlief, bevor dem Meer weiteres Land abgetrotzt wurde. In Neßmersiel stehen die Häuser im Schutz dieser zweiten Deichlinie. Im Falle einer schweren Sturmflut könnte dann das Wasser bis kurz vor die Häuser ins Land eindringen, aber nicht weiter.

Eine Option für den Klimawandel

Flugaufnahme: Die Gemeinde Neßmersiel im Schutz von zwei Deichlinien
Bis zu den Häusern könnte das Wasser kommen, aber nicht weiter.

Das Land zwischen den beiden Deichlinien wird heute von der Landwirtschaft genutzt. Wenn dieser Bereich in Zukunft ab und an Salzwasser abbekäme, könnte sich diese Nutzung ändern. Unter Umständen müssten die Bauern auf salzresistente Nutzpflanzen umsteigen. Küstenforscher Meyerdirks könnte sich hier auch mehr Raum für den Naturschutz oder eine touristische Nutzung vorstellen. "Wichtig ist, dass man die Bevölkerung vor Ort bei den Planungen einbezieht", erklärt Meyerdirks "In Neßmersiel saßen alle Betroffenen mit am Tisch." Johann Oldewurtel macht sich die Entscheidung nicht leicht, das Land zwischen den Deichen dem Meer preiszugeben – wenn auch nur vorübergehend bei Sturmfluten. "Der traditionelle Küstenschutz muss mit diesem alternativen Küstenschutzgedanken nun in die Diskussion eintreten. Dann muss eine Abwägung stattfinden, welches zu den gegebenen Rahmenbedingungen der bessere Weg ist. Wir wissen ja heute alle nicht, wie schnell der Meeresspiegel wann ansteigen wird."

Nur eines ist sicher: Um die Menschen vor der Gewalt der Sturmfluten zu schützen, darf in Zukunft keine Option ausgeschlossen werden.

Autor: Frank Nischk (WDR)

Stand: 29.10.2015 14:40 Uhr

Sendetermin

So, 05.06.11 | 17:03 Uhr