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Warum Rügen bröckelt

Luftbild von Kap Arkona
Kap Arkona an der Nordspitze Rügens, heiliger Ort der Ranen

Am Kap Arkona hatten die Ranen, die Urbewohner Rügens, einst ein Heiligtum errichtet. Nach nicht einmal einem Jahrtausend hat sich das Meer den Großteil davon geholt. Erdgeschichtliche Prozesse laufen hier auf Rügen im Zeitraffer ab, denn das weiche und brüchige Fundament der Insel, die Kreide, hat ihr zwar mit den weißen Steilküsten ihre berühmtesten Ansichten beschert, ist aber gleichzeitig der Untergang der Insel.

Magischer Tempel

Luftbild von Kap Arkona mit eingeblendeter Grafik des Küstenverlaufs im Jahr 1860
50 Meter Küstenverlust seit 1860

Die Kreidefelsen Rügens ziehen die Menschen seit jeher in ihren Bann. Schon das slawische Volk der Ranen errichtete am Kap Arkona einen Tempel für seine Gottheit Svantevit. Ein mythischer Ort, der zur Landseite durch einen mächtigen sechs Meter hohen Wall abgeschirmt war und wie ein Bollwerk hoch über dem Meer thronte.

Rund 850 Jahre nachdem die Ranen von den Dänen unterworfen und christianisiert wurden, ist vom bedeutenden Heiligtum der Ur-Rügener nicht viel geblieben. Unablässig nagt die Ostsee am weichen Fundament der Tempelanlage. Alleine in den vergangenen 150 Jahren sind von dem Gelände mehr als 50 Meter abgebrochen.

Geologe Martin Meschede und Historiker Fred Ruchhöft untersuchen regelmäßig den Zustand der Steilküste von Rügen. Längst ist das übrig gebliebene Tempelgelände wegen Abbruchgefahr für Besucher gesperrt. Der Bereich, in dem ursprünglich das zentrale Gebäude mit einem Standbild von Svantevit stand, ist bereits vor Jahrhunderten Opfer der Küstenerosion geworden, vermuten die Experten.

Kreide - ein instabiler Untergrund

Die bis zu 120 Meter hohe Kreideküste im Nationalpark Jasmund
Rügens Kreidefelsen- Kalkablagerungen aus einem tropischen Flachmeer

Auch die berühmten weißen Felsen im Nationalpark Jasmund, der nur 20 Kilometer von Kap Arkona entfernt liegt, brechen immer weiter ab. 2005 stürzten die Wissower Klinken, ein Wahrzeichen des Nationalparks, ins Meer. Von den 50.000 Kubikmetern Kreide, die damals abrutschten, ist heute nichts mehr übrig. Die Ostsee hat alles fortgespült und frisst sich nun weiter in das Fundament der Felsen. Frische Abbruchkanten zeigen, dass die Abtragung der Küste weiter voranschreitet.

Der Grund für diesen rasanten Schwund in Jasmund lässt sich durch die Entstehungsgeschichte der Kreidefelsen erklären. Das weiche Material, das man mühelos zwischen den Fingern zerreiben kann, besteht aus Ablagerungen aus einem tropischen Flachmeer, das sich vor rund 70 Millionen Jahren an dieser Stelle befand. Die Kalkschalen winziger Algen, der Coccolithen, sammelten sich am Meeresgrund an und wuchsen im Laufe von Jahrmillionen zu einer mächtigen Schicht Kreide an. Andernorts wurden die Coccolithen zum Beispiel zu Marmor gepresst. Aber im Rügener Untergrund bekam sie nicht genug Druck von darüber liegenden Schichten und konnte nicht so stark aushärten.

Gletscher nehmen Rügen in die Zange

Grafische Darstellung eiszeitlicher Gletscher, die Rügen zusammenpressen
Eisströme aus dem Norden pressen Rügen zusammen

Dass die Felsen in einem Meer entstanden sind, zeigen auch schwarze Feuersteinlagen, die das weiche Sediment durchziehen. Das Mineral bildet sich durch die Umwandlung von abgestorbenen Meerestieren, die man heute noch als Fossilien mitten in der Rügener Kreide findet.

An einigen Stellen zeichnen die Feuersteinbänder regelrechte Gesteinsfalten nach. Eine gewaltige Kraft muss die Felsen also zusammengepresst und verbogen haben.

Tatsächlich erhielt die Kreideküste Rügens während der Eiszeit ihren letzten Schliff. Mächtige Eisströme drangen damals aus dem Norden nach Deutschland vor, pressten die kreidezeitlichen Ablagerungen im Untergrund zusammen, hoben sie an und begruben sie schließlich vollständig unter sich. Das belegen Sand-, Geröll- und Tonschichten, die auf der Kreide deponiert wurden - typische Hinterlassenschaften von Gletschern.

Naturdenkmal auf Zeit

Ein befestigtes Stück der Kreideküste hat sich in einen bewaldeten Hang verwandelt
Menschliche Eingriffe verändern das Gesicht der Steilküste

Mithilfe von Befestigungsmaßnahmen am Fuße der Felsen ließe sich die Küstenerosion auf Rügen verlangsamen. Doch solche Eingriffe würden den Gesamteindruck der Steilküste zerstören, die jedes Jahr Hunderttausende Besucher anzieht.

An einigen Stellen wurden die Felsen bereits stabilisiert - mit drastischen Folgen: Aus der malerischen Steilküste ist dort nach kurzer Zeit ein gewöhnlicher flacher bewachsener Hang geworden. Nur die Gewalt des Meeres hält die Kreide auf Dauer weiß und steil.

So bleibt den Archäologen auf Kap Arkona nichts weiter übrig, als durch Grabungen letzte Funde zu bergen und die Tempelanlage für die Nachwelt dokumentieren, bevor das Meer im Kampf zwischen Wasser und Land endgültig siegt. Denn in erdgeschichtlichen Zeiträumen betrachtet, wird schon bald ganz Rügen wieder in der Ostsee versinken.

Autoren: Florian Breier, Krischan Dietmaier (WDR)

Stand: 24.09.2015 13:57 Uhr

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