SENDETERMIN So, 07.10.12 | 17:00 Uhr

Schlaflos am Bildschirm

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Schlaflos am Bildschirm | Video verfügbar bis 06.10.2017
Ein Frau blickt im Bett liegend auf einen Tablet-PC
Flache Bildschirme begleiten uns sogar ins Bett.

Sie dringen immer tiefer in unser Leben ein: Elektronische Geräte mit dünnen und leichten Bildschirmen sind für viele von uns zu ständigen Begleitern geworden. Für viele Menschen ist der Blick aufs Display sogar die letzte Sache vor dem Einschlafen. Doch neben Zerstreuung und Informationen liefern uns die Displays noch etwas anderes: eine Extraportion künstliches Licht. Kann das der Grund dafür sein, dass immer mehr Menschen Probleme haben einzuschlafen?

Das blaue Licht der Leuchtdioden

Forscherhand zeigt auf Leuchtdioden
Leuchtdioden (LED) haben einen hohen Blaulichtanteil.

Schlafforscher um Professor Christian Cajochen und Dr. Sylvia Frey von der Universitätsklinik in Basel haben besonders moderne Bildschirme mit sogenannter LED-Beleuchtung unter Verdacht. Die in ihnen eingesetzten Leuchtdioden haben im Vergleich zu älteren Bildschirmen einen besonders hohen Anteil von blauem Licht. Die Wissenschaftler wissen aus vielen Untersuchungen, dass Licht eine entscheidende Wirkung auf unsere innere Uhr hat. Die speziellen Lichtrezeptoren im Auge, die unseren Körperrhythmus an den 24-stündigen Wechsel von Tag und Nacht anpassen, reagieren besonders auf die Wellenlängen des blauen Lichts.

Das Bildschirmexperiment

Zwei Versuchspersonen sitzen in einem abgedunkelten Raum vor Bildschirmen
Bildschirmexperiment an der Universität Basel

In einem Experiment untersuchen die schweizerischen Forscher unter kontrollierten Bedingungen, wie stark das Licht eines gewöhnlichen LED-Computerbildschirms unsere innere Uhr beeinflusst. Fünf Stunden vor ihrer gewöhnlichen Schlafenszeit finden sich jeweils zwei Probanden im Institut für Chronobiologie ein und werden für spätere Hirnstrommessungen verkabelt.

Die beiden sitzen für die nächsten Stunden vor zwei unterschiedlichen Monitoren. Das eine ist ein älterer Flachbildschirm mit Leuchtstoffröhren, das andere ein LED-Display, das drei Mal so viel blaues Licht ausstrahlt. Die Probanden sind die ganze Zeit beschäftigt, absolvieren Reaktionstest, geben über ihre subjektive Schläfrigkeit Auskunft und müssen ihre Gedächtnisleistung unter Beweis stellen.

In regelmäßigen Abständen nehmen die Forscher Speichelproben von den Versuchsteilnehmern. So können sie den Pegel des Schlafhormons Melatonin messen, der kontinuierlich ansteigen sollte, je näher die gewöhnliche Schlafenszeit rückt. Im Kontrollraum überwachen die Schlafforscher das Experiment und können über die Messung des Augenblinzelns und der Hirnströme objektiv beurteilen, wie müde die Probanden sind.

LED-Bildschirme halten wach

Messkurve auf Bildschirm, die den Anstieg von Melatonin zeigt.
Die Melatonin-Produktion wird durch LEDs unterdrückt.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Teilnehmer, die vor den älteren Bildschirm sitzen, werden zu ihrer gewöhnlichen Schlafenszeit müde. Sie beginnen mit den Augen zu rollen und ihre Hirnströme werden langwelliger. Ganz anders bei den Probanden vor dem LED-Bildschirm: Obwohl auch sie müde werden sollten, verändern sich Augenblinzeln und Hirnströme kaum.

Zu diesen Beobachtungen passen auch die Ergebnisse der Melatonin-Messung. Durch das Licht der Leuchtdioden im LED-Bildschirm wird die natürliche Bildung des Schlafhormons um rund eine Stunde verzögert. Das Fazit der Schlafforscherin Sylvia Frey: "Wenn man eine Unterdrückung dieses Hormons provoziert, dann verhindert man eigentlich auch, dass der Körper sich vorbereiten kann in einer natürlichen Weise, in einer gesunden Weise auf den Schlaf. Und von daher ist es dann nicht erstaunlich, wenn man Einschlafprobleme hat, gleich nachdem man diesen Bildschirm ausgeschaltet hat und schlafen gehen möchte."

Blaues Licht gezielt einsetzen

Frau sitzt vor Laptop und arbeitet.
Tagsüber kann blaues Licht uns wach halten.

Die Empfehlung der Schlafforscher: Wir sollten das blaue Licht gut dosieren. Tagsüber kann es uns helfen wach zu sein und konzentrierter am Bildschirm zu arbeiten. Man kann die Blaulichtdosis sogar noch verstärken, indem man die Bildschirmfarbe in Richtung Blau-Weiß verstellt. Technisch bedeutet das eine Farbtemperatur von ungefähr 6.500 Kelvin.

Wer in den letzten zwei Stunden vor dem Schlafen die Arbeit am Bildschirm nicht vermeiden kann, sollte das Display wenigstens so rötlich wie möglich einstellen. Am besten für den Schlaf ist aber der Verzicht auf Bildschirmlicht am Abend - erst recht im Schlafzimmer. Wer da noch lesen will, dem empfehlen die Chronobiologen den Griff zur traditionellen Nachttischlektüre - dem Buch.

Autor: Daniel Münter (WDR)

Stand: 07.11.2012 18:52 Uhr