SENDETERMIN So, 12.02.12 | 17:00 Uhr

Eier und Fleisch im Doppelpack - das Zweinutzungshuhn

Industrierasse ohne Sättigungsgefühl

Hühnchenmastanlage mit 38.000 Tieren
Hybridhühner: Nach 30 Tagen schlachtreif

Die Deutschen haben immer mehr Appetit auf Hühnerfleisch. Der Pro-Kopf-Verbrauch hat sich seit 1970 verfünffacht, liegt derzeit bei 12 Kilogramm im Jahr. Aber Masthuhn ist nicht Masthuhn. Ähnlich wie bei den Legehennen gibt es auch hier große Unterschiede in Aufzucht und Haltung. 99 Prozent der Masthühnchen stammen aus Massentierhaltung. Ein Beispiel aus Niederbayern: Im Stall von Landwirt Richard Saxstetter leben 38.000 Tiere der Marke Ross. Diese Industrierasse ist das Ergebnis von fünf Jahrzehnten Hochleistungszucht. Das Sättigungsgefühl der so genannten "Hybridhühner" wurde ausgeschaltet, die Gewichtszunahme beschleunigt. Nach nur 30 Tagen erreichen die Tiere ein Schlachtgewicht von zwei Kilogramm. Der Mäster ist vor allem Stallmanager: Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Luftqualität werden automatisch gesteuert. Pro Hühnchen bleiben dem Landwirt nur ein paar Cent übrig. Die konventionelle Mast rentiert sich nur in hohen Stückzahlen.

Massentierhaltung: Kritik an Haltungsbedingungen und Antibiotika-Einsatz

Arztvisite in der Infektionsabteilung der LMU München
Eine Infektion mit multiresistenten Keimen kann tödlich sein - Antibiotika in der Tiermast können solche Keime verursachen.

Doch das Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung steht immer stärker in der Kritik: Tierschützer verurteilen die Haltungsbedingungen als nicht artgerecht. Anwohner wehren sich gegen neue Mastanlagen, da sie Geruchsemissionen und Feinstaubbelastungen befürchten. Und Verbraucherschützer warnen vor Antibiotika-Rückständen. Wo Tausende von Tieren auf engstem Raum leben, ist ein Einsatz von Medikamenten keine Ausnahme, sondern die Regel. Laut einer aktuellen Studie im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums Nordrhein-Westfalen bekommen 96 Prozent der Tiere Antibiotika. Im Schnitt werden drei verschiedene Medikamente verabreicht. Über die Nahrungskette gelangen Rückstände der Medikamente zum Menschen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht zwar keine akute Gefährdung. Aber der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast bedroht die Gesundheit, weil er die Entstehung multiresistenter Keime fördert. Eine Infektion mit diesen gefährlichen Keimen kann schlimme Folgen haben: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sterben in Deutschland jedes Jahr 15.000 Menschen an solchen "Killerkeimen".

Biohuhn und Zweinutzungshuhn

Sulmtaler Huhn
"Zweinutzungshuhn" als Alternative?

Wie sieht es aus mit Bio-Masthühnchen? Sie bekommen sehr selten Antibiotika und leben artgerechter. Sie haben mehr Platz und sogar einen Wintergarten. Das hat seinen Preis: Das Fleisch ist fast doppelt so teuer. Aber auch Bio-Rassen sind fast ausnahmslos hoch gezüchtete Hybridtiere. Genau das möchte Angelika Gsellmann von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten ändern: Sie will kein Hybrid-Biohuhn, sondern ganz weg von der Hochleistungszucht. Ihre 'Sulmtaler' sind eine alte Hühnerrasse, die schon von den österreichischen Kaisern geschätzt wurde. Die Tiere sind sogenannte Zweinutzungshühner. Das heißt, sie werden sowohl zur Mast als auch zum Eierlegen gebraucht. Keine Selbstverständlichkeit: In der konventionellen Zucht sind männliche Küken von Legerassen nutzlos - und werden getötet.

Die Mast der Sulmtaler mit Bio-Futter ist aufwendig: Sie dauert nicht 30, sondern 150 Tage. Dazu kommt die Freilandhaltung: Die Hühner müssen mit Netzen vor Raubtieren geschützt werden. Das hat seinen Preis: Ein Sulmtaler kostet sechs Mal so viel wie ein Huhn beim Discounter. Bei Feinschmeckern ist das Fleisch beliebt. Doch diese 'glücklichen' Masthühner haben nur eine Chance, so Angelika Gsellmann, "wenn man bewusst sagt, man isst nur jede zweite Woche ein Huhn und entscheidet sich dann für ein qualitativ hochwertiges , das ein schönes Leben gehabt hat." Hybridhuhn, Bio-Huhn, Zweinutzungshuhn: Das Huhn ist eine Erfolgsgeschichte. Wie sie weitergeht, darüber entscheidet der Verbraucher.

Info: Hybridhuhn
In der modernen Massenproduktion kommen seit den 1960er-Jahren hoch gezüchtete "Hybridhühner" zum Einsatz. Patentierte Rassen zum Eierlegen - oder für die Mast. Basis der Hybridzucht sind Elterntiere, die in strenger Inzucht gehalten werden. Jede Inzuchtlinie für sich ist nicht besonders leistungsfähig, erst ihre Kreuzung macht die Nachfahren zu Turbohühnern. Das Verfahren ist aus der Pflanzenzüchtung übernommen, dort werden besonders gute Sorten als so genannte "F1-Hybriden" gehandelt.

Autor: Andreas Kegel (BR)

Stand: 03.11.2015 13:42 Uhr