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Die Macht der Erinnerung

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Die Macht der Erinnerung | Video verfügbar bis 21.07.2017
Motorradfahrer
Unfallopfer können sich manchmal nicht an den Ablauf der Ereignisse erinnern.

Walter S. hat erfahren müssen, welche Macht Erinnerungen haben können. Erinnerungen, die sich dem Bewusstsein entziehen. Vor dreieinhalb Jahren beginnt für ihn auf der Fahrt zum Arbeitsort eine Reise in den Horror. "Ich habe mir das Schlüsselbein gebrochen, das rechte Schulterblatt drei Mal, neun Rippen, die zwei unteren sogar zwei Mal gebrochen und dann ist auch die rechte Lungenseite perforiert worden. Ich habe dann eine ganze Zeit lang erstmal nur mit links gejappst." Was ihm damals als Motorradfahrer passiert ist, weiß Walter S. nur aus dem Polizeibericht: Zuerst läuft alles gut, doch dann schneidet ihn ein LKW von der Nebenspur. "Der kam dann abrupt rechts rüber, da bin ich dann hingeflogen und das Motorrad hat sich dann einmal in der Luft gedreht, so hat man es mir hinterher erzählt", berichtet Walter S.

Angstzustände und Panikattacken

Schematische Darstellung des Langzeitgedächtnisses im Gehirn
Traumatische Erlebnisse brennen sich ungefiltert ins Langzeitgedächtnis.

Seine bewusste Erinnerung an damals ist ausgelöscht und doch haben sich die traumatischen Eindrücke des Unfalls über die Nervenimpulse tief in das Gedächtnis eingeprägt. Mit Folgen für die Gesundheit. "In dem Maße, wie meine körperlichen Beschwerden und Schmerzen nachließen, hatte ich immer weniger eine vernünftige Erklärung dafür, warum ich nachts so schlecht schlief, hoch geschreckt bin, nicht weiterschlafen konnte, mich tagsüber völlig zerschlagen und müde gefühlt habe. Und je länger das andauerte, umso beunruhigter war ich, weil mir kein Arzt sagen konnte, womit das zusammenhing." Zu seiner Schlaflosigkeit treten damals auch Angstzustände und Panikattacken auf. Als Erinnerungsstück an den Unfall ist ihm nur der verbeulte Helm geblieben. Der Körper ist zum Glück längst genesen, aber das eigentliche Problem steckt nun in seinem Kopf.

Sein Gehirn konnte die vielen zeitgleichen Eindrücke während des Unfalls nicht verarbeiten und bewusst zuordnen. Dennoch wurden diese Informationen ungefiltert ins Langzeitgedächtnis übertragen und dort abgespeichert. Doch hier flackern sie als unbewusste Ängste und Belastungen immer wieder auf. "Man wird verunsichert dadurch", so Walter S., "man weiß ja nicht, was ist da gerade mit einem geschehen. Das ist kein schönes Gefühl".

Von Mäusen und Menschen

Eine Maus im Versuchskäfig
Tierversuche zeigen: Es gibt ein "Erinnerungs-Enzym".

Wie sich solche belastenden Erinnerungen genau erklären und womöglich heilen lassen, wird an der Universität Göttingen erforscht. Hier dienen Mäuse als Stellvertreter für den Menschen. In einem speziellen Käfig erhält eine Maus leichte Elektroschocks über die Gitterstäbe. Die Folge: Sie ist überfordert und fällt in eine typische Angststarre. Auch als die Elektroschocks in den kommenden Tagen ausbleiben, hält ihre Angst trotzdem an. Sie erinnert sich an die unangenehme Erfahrung. Verantwortlich dafür ist ähnlich wie beim Menschen ein bestimmtes Erinnerungs-Enzym im Gehirn. Wenn die Forscher dieses Enzym blockieren, erinnert sich die Maus nicht mehr an die Elektroschocks und zeigt ein völlig entspanntes Putzverhalten. Ein möglicher erster Schritt zu einem Medikament gegen traumatische Erinnerungen.

Eine verblüffend einfach wirkende Therapie

Doch eine Maus ist kein Mensch. Für Walter S. gibt es noch keine Pille, die sein Unfall-Trauma auslöscht. Und schließlich sind unsere Erinnerungen Teil der Persönlichkeit. Er musste also einen anderen Weg finden. Die Lösung bietet eine verblüffend einfach wirkende Methode namens EMDR-Therapie. Der Mediziner und Psychotherapeut Arne Hofmann hat sie in Deutschland etabliert. Sie basiert darauf, dass der Patient die Augen wie im Tiefschlaf hin und her bewegen soll. In dieser sogenannten REM-Phase bearbeiten wir unsere Erlebnisse. Das Gehirn sortiert nachts unsere Eindrücke. Erschreckende, besondere oder auch plötzliche Ereignisse, die wir nicht richtig verarbeitet haben. Auch verschüttete Erinnerungen wie die an einen Unfall treten zu Tage und können durch die Augenbewegungen auf noch ungeklärte Weise wach gerufen und bearbeitet werden. "Es geht um einen Selbstheilungsmechanismus" sagt Dr. Arne Hofmann, Psychiater, Psychotherapeut und Gründer des EMDR-Instituts Bergisch Gladbach. "Ich gucke immer nur, dass es zurückführt zu dem Netz, wo wir vermuten, dass da das Problem sitzt. Und siehe da, in den meisten Fällen löst sich das Problem, auch auf der körperlichen, der Empfindungsebene, und wenn sie das mehrmals haben, das ist schneller als die meisten therapeutischen Bemühungen, die wir sonst anbieten können."

Für Walter S. ist die Therapie schon nach gut zehn Sitzungen beendet: "Das war dann auch der Weg über wenige Wochen, wo es mir schrittweise wieder deutlich besser ging. Und wo ich heute sagen kann, ich bin wieder in einem vergleichbaren Zustand wie vor dem Unfall. - Mir geht es wieder gut."

Die große Macht der Erinnerung - Walter S. hat sie überwunden.

Autor: Axel Wagner (SWR)

Stand: 07.11.2012 20:24 Uhr