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Giftige Gasgewinnung: "Fracking"

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Giftige Gasgewinnung: Fracking | Video verfügbar bis 22.09.2017

Lagerstättenwasser und Fracking-Chemikalien gefährden die Umwelt

Bürgerinitiative in Rotenburg stellt Protestschilder auf einem Feld auf.
In betroffenen Orten protestieren Bürger gegen das Fracking.

Die Bohrung Bötersen Z11 des Energiekonzerns Exxon Mobil ist eine von über 50 Erdgasförderstellen in Niedersachsen. 20 Jahre lang störte es die Bewohner der umliegenden Dörfer nicht, dass sie auf dem bisher größten bekannten Erdgasfeld in Deutschland wohnten. Doch etwa Anfang 2011 kippte die Stimmung. Presse und Fernsehen berichten von "Vorfällen". Im Herbst 2011 fließt auf der Erdgasförderstelle im benachbarten Völkersen mit Benzol verseuchtes Wasser ins Erdreich. Im Winter 2012 entdecken Prüfer weitere Lecks in Sottrum. Im Frühjahr 2012 brennen zwei Aktivkohlefilter eines Lagertanks auf dem Gelände einer Gasverpressungsanlage in Wittorf. Jochen Richert ist einer der Anwohner und inzwischen aktiv in der Bürgerinitiative "Frack-loses Gasbohren": "Ich habe besonders Angst vor den giftigen Chemikalien, die bei der Erdgasförderung zum Einsatz kommen. Wenn diese Gifte ins Grundwasser gelangen, ist unser Trinkwasser verseucht und dann können wir hier unser Trinkwasser nur noch im Supermarkt kaufen, aber nicht mehr aus dem Wasserhahn genießen."

Mit dem Wasser kommen die Schadstoffe hoch

Animation: Mit hohem Druck wird Wasser in das Gasgestein gepresst.
Fracking: Wasser, versetzt mit Chemikalien, sprengt das Gestein.

Nicht das Gas, sondern das Tiefenwasser aus der Lagerstätte bereitet den Anwohnern die größten Sorgen. Das derzeit in Niedersachsen geförderte Gas liegt in einer porösen Sandsteinschicht in bis zu 5.000 Metern Tiefe. Wenn es zum Bohrturm strömt, kommt Wasser aus der Tiefe mit hoch. Dieses Lagerstättenwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, ist leicht radioaktiv und angereichert mit Quecksilber und Kohlenwasserstoffen, wie dem krebserzeugenden Benzol. Per Lkw und Pipelines wird das Lagerstättenwasser zu alten, leer gepumpten Erdgasfeldern transportiert und dort wieder in die Erde gepresst. Eine solche sogenannte Versenkbohrung befindet sich auch in der Nachbarschaft von Jochen Richert: "Was wir hier unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen, ist eine ganz große Sauerei. Über 300.000 Kubikmeter giftiges Lagerstättenwasser - also rund 10.000 Tankwagenfüllungen werden hier wieder in die Erde gepumpt. Wir wohnen und leben hier auf einem riesigen Giftsee."

Wasser und Chemikalien ebnen dem Gas den Weg

Mehrere Gasbohrtürme in den USA
Schiefergasförderung in den USA - jede Meile eine Bohrturm.

Dieses Abwasserproblem könnte in Deutschland bald ein noch viel größeres Ausmaß erreichen, denn die Erdgasförderer möchten in Deutschland eine Technik einsetzen, bei der sie pro Bohrung bis zu 15 Millionen Liter Wasser benötigen. "Hydraulic Fracking" nennt sich die Methode. Sie wird unter anderem eingesetzt, um in Schiefergestein eingeschlossenes Gas zu fördern, aber auch um die Fließwege bei den derzeitigen Förderstätten in Niedersachsen zu vergrößern. Mit sehr hohem Druck wird dabei Wasser ins Bohrloch gepresst. Das Gestein zerklüftet. Risse entstehen. Dem Wasser beigemengt sind Quarzsande und giftige Chemikalien: Polymere machen es dickflüssig. Biozide verhindern Bakterienbefall und Tenside die Reibungsverluste. Etwa ein Drittel des Frackwassers bleibt für immer im Boden. Der Rest kommt mit dem Gas wieder hoch und muss genauso wie das natürliche Lagerstättenwasser aufwändig als Sondermüll entsorgt werden.

Schiefergasvorkommen lösen Gasboom aus

RWE/DEA Bohrturm in Völkersen
In Niedersachsen wurde bereits über 100 Mal "gefrackt".

Vor allem in den USA wird die Technik seit Jahrzehnten eingesetzt. Das Fracking macht bereits ein Drittel der amerikanischen Gasproduktion aus. Dank des durch Fracking geförderten Schiefergases ist Amerika heute so gut wie unabhängig von ausländischen Gaslieferanten. Aber nicht nur in den USA, sondern weltweit liegen riesige Gasreserven eingeschlossen in Schiefergestein. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die weltweiten Reserven an Schiefergas noch rund 250 Jahre reichen. Allein in Europa sollen bis zu 35 Billionen Kubikmeter davon lagern. Das wäre 70-mal so viel, wie die Europäer zurzeit im Jahr verbrauchen. Ein Teil der Europareserven liegen in Deutschland. Die Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schwanken zwischen 7 und 22 Billionen Tonnen. Etwa ein Zehntel davon gilt als abbaubar.

Claims sind abgsteckt

Von dem Schiefergasabbau in Deutschland und Europa erhoffen sich die Energie-Gasunternehmen riesige Gewinne. In Niedersachsen, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen liegen den zuständigen Bergbaubehörden Anträge für erste Erkundungsbohrungen vor. Die Fracking-Technologie haben die Gaskonzerne zudem in Niedersachsen bereits über 100 Mal eingesetzt. Allerdings nicht um Schiefergas zu fördern, sondern um die Fließwege in den bereits erschlossenen Sandstein-Gasfeldern zu vergrößern. Die Konzerne beteuern: Die Technik sei sicher, beherrschbar und gefährde bei korrekter Handhabung nicht das Trinkwasser.

Kein Fracking ohne Gift

Titelblatt der NRW-Frackingstudie
Studien bestätigen Risiken.

Doch zwei neue Studien kommen nun zu einem anderen Schluss. Unabhängige Forscher haben im Auftrag des Umweltbundesamtes und der Landesregierung NRW untersucht, welche Auswirkungen die Fracking-Technologie auf die Umwelt hat. Rund 120 Chemikalien standen auf ihrer Liste, darunter neue Frackflüssigkeiten, die laut "Exxon mobile" ungiftig sein sollen. "Wir haben für einige der Stoffe, die in dieser Weiterentwicklung drin sind, festgestellt, dass das Gefährdungspotenzial geringer ist, aber auch für einen Stoff festgestellt, dass das Gefährdungspotenzial gegenüber den herkömmlichen Stoffen noch größer war. Deshalb sind wir im Moment nicht davon überzeugt, dass durch die Weiterentwicklung der Frackfluide das Gefährdungspotenzial sich verringern wird," sagt der Hydrolage und Projektleiter der Studien Georg Meiners.

NRW verbietet Fracking

Die neuen Gutachten haben das Land Nordrhein-Westfalen veranlasst, als erstes Bundesland das Fracking zu verbieten. Die Erdgasförderung fällt unter das Länderrecht. Zuständig sind die jeweiligen Bergbehörden. Für die Bohrung Bötersen Z11 in Niedersachsen dagegen läuft noch ein Fracking-Antrag. Wie das Landesbergamt nach der Veröffentlichung der Umweltbundesamt- und NRW-Studie nun darüber entscheiden wird, ist ungewiss. Die Bürgerinitiative "Frack-loses Gasbohren" im Landkreis Rotenburg jedenfalls bleibt auf wachsam.

Autor: Michael Ringelsiep (WDR)

Stand: 10.09.2013 17:01 Uhr