SENDETERMIN So, 28.10.12 | 17:00 Uhr

Glutenunverträglichkeit – alles Einbildung?

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Glutenunverträglichkeit - alles Einbildung?  | Video verfügbar bis 28.10.2017
Ein Weizenfeld
Gluten, ein Klebereiweiß aus Getreide steht im Verdacht, nicht nur Zöliakie-Patienten krank zu machen.

Die Supermarkt-Regale mit Lebensmitteln ohne Gluten wachsen stetig. Wie kommt es zu diesem Trend? Sicher ist, dass 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine sogenannte Zöliakie hat. Diese Erkrankung führt dazu, dass der Darm auf Getreideeiweiß, darunter Gluten, mit einer Entzündung reagiert. Am Ende kann diese Entzündung alle Darmzotten zerstören, die Nährstoffaufnahme ist extrem erschwert, der Zustand des Patienten kann lebensbedrohlich werden. Einzig wirksame Therapie bis heute: der Glutenverzicht. Und deshalb profitieren Zöliakie-Patienten auf alle Fälle von glutenfreien Produkten.

Hilfe für Reizdarmpatienten?

Doch auch viele andere Menschen kaufen diese Produkte. In den USA essen mittlerweile geschätzte 60 Millionen Menschen glutenfrei. Viele Konsumenten, darunter zahlreiche Promis, gehen fälschlicherweise davon aus, dass die Produkte "entschlacken" oder anderweitig besonders gesund seien. Und auch bei uns steigen derzeit die Verkaufszahlen dieser Spezial-Lebensmittel um 10 bis 15 Prozent jährlich. Auch ein Grund: Zwischen 5 und 20 Prozent der Bevölkerung leidet unter einem sogenannten Reizdarm. Die Zahlen sind so ungenau, weil das Krankheitsbild so unscharf ist. Das verbindende Element bei allen Reizdarmpatienten: Es gibt keine Erklärung für regelmäßige, oft heftige Beschwerden im Bauch. Und diese Menschen, für die es weder eine klare Diagnose noch eine geregelte Therapie gibt, greifen gerne zu jedem Strohhalm. Einer dieser "Halme" ist neuerdings der Verzicht auf Gluten. Seit einigen Jahren gibt es Hinweise, dass viele Reizdarmpatienten auf eine glutenfreie Ernährung mit einer Verbesserung ihrer Beschwerden reagieren.

Viele Fragen offen

Eine durchgestrichene Ähre als Zeichen für "glutenfrei" auf einer Lebensmittelpackung.
Lebensmittel mit diesem Zeichen enthalten kein Klebereiweiß "Gluten".

In der Tat fühlen sich einige Betroffene besser, wenn sie auf glutenhaltige Getreide wie Weizen, Gerste oder Roggen verzichten. Das bestätigen erste kleine Studien. Und ein sperriger Name für die neue Getreide-Krankheit ist auch gefunden: "glutensensitives Reizdarmsyndrom ohne Vorliegen einer Zöliakie". Doch Experten schließen bis heute einen Placebo-Effekt bei einigen Patienten nicht aus, denn eine glutenfreie Diät ist für den Körper eine einschneidende Maßnahme.

Außerdem ist bis heute nicht klar, ob die Patienten vielleicht gar nicht auf das Gluten reagieren, sondern auf andere Inhaltsstoffe im Getreide. Es gibt Hinweise, dass pflanzeneigene Abwehrstoffe, die in modernen Getreidesorten in immer höherer Menge enthalten sind, eine Rolle spielen könnten. Das würde auch erklären, warum die Zahl der Menschen, die Getreide nicht vertragen, ansteigt. Denn in den modernen Getreidesorten ist der Gehalt an Abwehrstoffen durch gezielte Züchtung besonders hoch.

Interesse der Industrie

Prospekt der Reizdarmstudie der Berliner Charité in den Händen einer Patientin.
Für eine Studie der Berliner Charité verzichteten Reizdarmpatienten auf Gluten - einige mit Erfolg.

Der Markt der glutenfreien Produkte boomt. Der Marktführer hat laut eigener Aussage vor allem ein Ziel: auf die Zöliakie-Erkrankung aufmerksam zu machen, um die Dunkelziffer der nicht diagnostizierten Zöliakie-Patienten zu senken. Dafür lässt er sich von namhaften internationalen Zöliakie-Experten unterstützen. Doch auch wenn alle Zöliakie-Patienten identifiziert wären, es werden schätzungsweise höchstens 1 bis 1,5 Prozent der Bevölkerung sein. Da kommen den Herstellern glutenfreier Produkte weitere potenzielle Käufer gerade Recht.

So finanziert der Marktführer eine Reizdarmstudie der Berliner Charité mit. Vielleicht werden sich hier weitere Hinweise für die Existenz dieser Krankheit finden lassen. Bei dieser Studie suchen die Ärzte im Blut der Reizdarmpatienten nach Indikatoren für die neue Krankheit. Sie wissen, dass sie noch ganz am Anfang stehen und würden gerne mehr in diese Richtung forschen - am liebsten ohne die zweifelhaften Firmengelder. Doch die meisten Ernährungsstudien müssen von Drittmittelgebern aus der Industrie mitfinanziert werden. Allein mit öffentlicher Förderung würde auf diesem Gebiet deutlich weniger passieren.

Kaum Vorteile für Reizdarmpatienten

Verpackung mit glutenfreien "Knusperbällen" in der Hand einer Frau.
Viele glutenfreie Produkte sind nicht gesünder als herkömmliche: Es sind Süßigkeiten, nur ohne Gluten.

Doch Experten sagen, dass Reizdarmpatienten gar keine glutenfreien Produkte kaufen müssen. Denn falls es diese Empfindlichkeit des Darms gegenüber Gluten gibt und der Patient nachgewiesen keine Zöliakie hat, dann ist ein strenger Verzicht auf Gluten gar nicht nötig. Dann reicht eine Einschränkung, da sind sich Ernährungsexperten sicher. Das ist deshalb so wichtig, weil die Produkte doch sehr teuer sind und man durch einige Tricks dem Gluten im Essensalltag ganz gut aus dem Weg gehen kann. Den meisten Patienten geht es schon besser, wenn sie Brot und Nudeln im Alltag gegen glutenfreie Produkte austauschen. Für Menschen mit Beschwerden gilt: Erst zum Arzt, dann in den Supermarkt.

Autorin: Angela Sommer (WDR)

Stand: 21.04.2016 11:48 Uhr