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Grottenolme - lichtscheu und leichenblass

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Grottenolme - lichtscheu und leichenblass  | Video verfügbar bis 29.09.2017
Ein Grottenolm
Wird auch Drachenbaby genannt: ein Grottenolm

Als man im 17. Jahrhundert die ersten Grottenolme entdeckte, hielt man sie wegen ihres skurrilen Äußeren für Drachenbabys. Die geheimnisvollen Tiere leben weit zurückgezogen in Höhlen, also in ewiger Dunkelheit: Infolgedessen haben sie keine Augen und eine durchsichtige, rosa schimmernde Haut. Ihre Eingeweide, ja sogar ihr Blut schimmern durch die Haut, denn diese bildet wegen des Fehlens von Lichtreizen keine Melaninpigmente. Zeit ihres Lebens behalten Grottenolme zudem die typischen Außenkiemen am Kopf, Lungen haben sie aber auch. Ihr bis heute größtes Geheimnis ist das ihrer "ewigen Jugend". Obwohl sie bis zu hundert Jahre und wahrscheinlich noch älter werden können, verändert sich die ungewöhnliche Lurchart in ihrem langen Leben äußerlich kaum.

Langzeitexperiment im Tular Labor

Der Kopf eines Grottenolms in einer Infrarotaufnahme
Grottenolme haben Außenkiemen am Kopf.

"Es sind so zarte, empfindliche und auch so unwirkliche Tiere", schwärmt Magdalena Năpăruş. Gemeinsam mit Gregor Aljančič kümmert sie sich um die Olme des Höhlenlabors "Tular", das unter einer Schnellstraße im slowenischen Kranj liegt. Hier leben die streng geschützten Tiere unter ständiger Beobachtung, seit sie Gregors Vater Marko Aljančič 1960 mit einer Ausnahmegenehmigung hierher brachte. Einige von ihnen leben noch heute. Obwohl sie keine Augen haben, sind die Tiere sehr lichtscheu, denn sie nehmen Lichtreflexe über ihre Haut wahr. Um ihre Grottenolme so wenig wie möglich zu stören, arbeiten die Forscher des Höhlenlabors deshalb in absoluter Dunkelheit. Mit einer Infrarotkamera filmen sie diejenigen, die unter besonderer Beobachtung stehen - zum Beispiel trächtige Weibchen. Doch die sind rar: Nur alle sechs bis acht Jahre haben die Tiere Nachwuchs. Wenn dann aus den Eiern nach bis zu sechs Monaten sogar kleine Olme schlüpfen, gleicht das einer Sensation. Gelungen ist solch eine Nachzucht von Grottenolmen bislang nur in einem Labor in den französischen Pyrenäen und hier in Kranj.

Höhlengewässer als Lebensraum

Zwei Forscher schauen in der Grotte auf den Bildschirm eines Laptops.
Magdalena und Gregor

Wer wie Gregor und Magdalena auch mehr über das Verhalten der Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum erfahren will, der hat es schwer: Denn Grottenolme leben weit zurückgezogen in Höhlengewässern, die zum Teil gar nicht für Menschen zugänglich sind. Natürliche Populationen von Grottenolmen wurden bisher ausschließlich in den Dinarischen Alpen, im Nordosten Italiens, in der südlichen Hälfte Sloweniens sowie in Teilen Kroatiens, Herzegowinas und West-Bosniens entdeckt.

Natürliche Feinde haben Grottenolme nicht. Doch ihr skurriles Aussehen macht sie für Sammler exotischer Tierarten interessant und hat einige Populationen schon stark dezimiert. Das Hauptproblem sind jedoch Belastungen der eigentlich so sauberen und klaren Höhlenwasser durch Umweltgifte. Insbesondere Schwermetalle und PCB haben dazu geführt, dass an einigen ehemaligen Fundstellen heute keine Grottenolme mehr leben.

Touristenattraktion: Grottenolme im Aquarium

Touristen stehen vor einem Aquarium
In der Grotte von Postojna können Touristen in einem Aquarium Grottenolme sehen.

Ausgerechnet im slowenischen Postojna gibt es sie aber noch - in einer der meist besuchten Höhlen Sloweniens. Bis zu 5.000 Touristen fahren hier pro Tag mit kleinen Bahnen in die Tiefe des Berges. Doch das Grottensystem ist sehr weitläufig. Die Tartarus-Höhle, in der die Olme frei leben, darf nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreten werden. Touristen haben aber die Möglichkeit, einige Grottenolme in einem Aquarium zu beobachten. Einmal im Monat können sie sogar Zeuge werden, wie die Grottenolme mit lebenden Flohkrebsen gefüttert werden. Öfter brauchen sie keine Nahrung. Theoretisch können Grottenolme sogar bis zu sechs Jahre lang ohne Nahrung überleben.

Die Schattenseiten des Lichts

Ein Grottenolm in einem Aquarium
Die Grottenolme des Aquariums haben sich bereits an die Lichtverhältnisse angepasst.

Die acht Tiere im Aquarium unterscheiden sich äußerlich von frei lebenden Grottenolmen: Ihre Haut ist dunkler pigmentiert. Das ist eine direkte Folge des Lichts, dem sie in den vergangenen Jahren ausgesetzt waren. Der Biologe Slavko Polak ist für die Grottenolme von Postojna zuständig. Ihm ist klar, dass eine Präsentation der Olme nie wirklich artgerecht sein kann. Das Licht ist und bleibt ein Problem. Doch immerhin ist das kürzlich neu gebaute Aquarium wesentlich komfortabler für die Tiere als die frühere Haltung in offenen Becken: "Jetzt können die Touristen die Tiere nur noch in schwachem Licht für einen kurzen Augenblick betrachten - und sind trotzdem damit zufrieden", berichtet er. Dass Besucher der Grotte überhaupt die Möglichkeit haben, die Tiere zu sehen, hat in Postojna eine lange Tradition. Die acht Exemplare im Aquarium haben die Funktion, die Neugier der Besucher zu befriedigen und sie davon abhalten, frei lebenden Olmen nachzustellen.

Exkursion zu den Grottenolmen

Wer den Grottenolmen näher kommen will, die tief verborgen in der Höhle leben, muss sich ebenfalls an Slavko halten. Das machen auch Gregor und Magdalena. Mit Taschenlampen, Helmen und Schutzkleidung dringen sie tief in den unterirdischen Berg hinein - in die absolute Dunkelheit der Tatarus-Höhle. Grottenolme haben hier keine Orientierungsprobleme. Sie haben ein gutes Gehör, eines der besten aller Wasserlebewesen, und einen Magnetsinn, der ebenfalls die Orientierung erleichtert. Slavko, Gregor und Magdalena dagegen suchen lange mit ihren Taschenlampen die Wasseroberfläche ab, bis sie endlich einen Olm entdecken. Gregor schätzt, dass er etwa 15 Jahre alt ist - kein Alter für einen Grottenolm.

Das Rätsel ihres langen Lebens

Ein Grottenolm
Ein Grottenolm

Wie alt Grottenolme tatsächlich werden, weiß man bisher nicht mit Sicherheit. Immerhin: Einige Olme leben nun schon seit 52 Jahren in dem Höhlenlabor "Tular" ohne Alterserscheinungen zu zeigen. Die meisten Wissenschaftler vermuten, dass sie über hundert Jahre alt werden können - mehr als erstaunlich für so kleine Amphibien. Weder ist ihr Energieumsatz besonders niedrig, noch können sie besonders gut freie Radikale abwehren, die wichtige Funktionen der Zellen beeinflussen und denen deshalb lange die Hauptschuld fürs Altern zugeschrieben wurde. Was stattdessen das Geheimnis der Grottenolme ist und ob es sich vielleicht auch auf den Menschen übertragen lässt, darüber lässt sich bislang nur spekulieren. Slavko vermutet einen Schlüssel zu ihrem langen Leben in der natürlichen Umgebung der Olme: "Sie ist sehr konstant und bietet ausreichend Futter. Außerdem gibt es hier keine Jahreszeiten oder andere Veränderungen." Auch Höhlenkäfer, merkt er an, könnten wesentlich länger leben als ihre Verwandten über der Erde.

Beobachtungen in der natürlichen Umgebung

Gerade weil ihr natürlicher Lebensraum so ungewöhnlich ist, ist es für Gregor und Magdalena wichtig ab und zu hierher zu kommen. "Wir müssen von Zeit zu Zeit die Beobachtungen, die wir in freier Natur machen mit den Verhaltensexperimenten vergleichen, die wir in unserem Höhlenlabor simulieren", erklärt Gregor. Er macht noch ein letztes Foto von dem jungen Grottenolm, dann begeben sich alle wieder auf den Rückweg. Auch wenn diese Exkursion keine neuen Erkenntnisse gebracht hat, eines zeigt sie deutlich: Der Lebensraum der Grottenolme in Postojna ist nach wie vor intakt. Und die Hüter der Olme hier werden alles dafür tun, dass es auch so bleibt.

Autorin: Jennie Radü (NDR)

Einzige Möglichkeit in Deutschland Grottenolme zu sehen ist die Hermannshöhle im Harz: Die Tiere kommen dort aber nicht natürlicherweise vor, sie wurden "angesiedelt".

Stand: 20.02.2013 16:39 Uhr