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Ab in die richtige Tonne: Mülltrennung in Deutschland
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Auf die Frage, was sie für die Umwelt tun, antworten zwei Drittel aller Deutschen: Müll trennen. Die Sortierung von Papier, Glas, Biomüll, (Kunststoff-)Verpackungen und Restmüll geschieht im Haushalt. Das war Anfang der 1990er-Jahre sehr fortschrittlich. Mittlerweile ist das System aber veraltet und durch seine komplizierte gesetzliche Regelung ineffizient. Dennoch wird es noch auf Jahre in Deutschland Bestand haben.
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Jede Verpackung mit einem Grünen Punkt gehört seit 1991 in eine gelbe Tonne.
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Am 12.6.1991 trat eine Verpackungsverordnung in der Bundesrepublik in Kraft. Fortan sollte jeder Hersteller und Verkäufer seine Verpackungen zurücknehmen und fachgerecht entsorgen. Alles sollte recycelt werden, so der Werbeslogan. Da produzierendes Gewerbe und Handel damit logistisch überfordert waren, wurde das Duale System Deutschland gegründet. Es übernahm die Sammlung, den Abtransport und das Recycling der Verpackungen. Dafür wurden eigens der gelbe Sacke und der Grüne Punkt erfunden. Frei nach dem Motto: Das Grüne muss ins Gelbe. Die so getrennt gesammelten Verpackungen sollten komplett recycelt werden. Zunächst ein Fortschritt, denn vorher war der Müll einfach ungetrennt auf Deponien gefahren oder in Müllverbrennungsanlagen verheizt worden.
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Viel Müll ist nicht richtig sortiert worden.
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Allerdings stellte sich bald heraus, dass die Mülltrennung in den Haushalten sehr unpräzise ist. In Großstädten finden sich bis zu 60 Prozent Fehlwürfe in den gelben Säcken. Über die Hälfte des Mülls, der dort landet, gehört überhaupt nicht hinein. Das liegt auch daran, dass das System immer unübersichtlicher geworden ist. Der Grüne Punkt ist mittlerweile von weiteren Rücknahme-Symbolen auf den Verpackungen ergänzt worden. Gab es am Anfang nur den Monopolisten "Duales System Deutschland", teilen sich mittlerweile zehn Wettbewerber den Markt. Die Verwirrung vergrößert sich noch dadurch, dass in die gelbe Tonne nicht alle Wertstoffe gehören, die recycelbar wären, sondern nur die, für die auch eine Entsorgungspauschale bezahlt worden ist. So kann es sein, dass ein Plastik-Joghurtbecher in die gelbe Tonne geworfen werden darf, ein kaputtes Spielzeugauto aus demselben Kunststoff aber nicht. Grundlage ist die Verpflichtung der Händler, ihre Verpackungen zu entsorgen - nicht das bestmögliche Recycling.
Kritiker wie die Deutsche Umwelthilfe prangern zudem an, dass sich mittlerweile undurchsichtige Strukturen gebildet hätten, die viel Spielraum für Betrügereien ließen: Die Hersteller und Händler müssen bei den Entsorgern angeben, wie viele Verpackungen sie jeweils in Umlauf gebracht haben. Für jede Einzelne kassieren die Dualen Systeme eine Entsorgungspauschale. Für einen Joghurtbecher ca. 0,9 Cent, für eine Plastiktüte sogar ca. 1,5 Cent. Diese Kosten werden auf den Kaufpreis aufgeschlagen, so dass die Verbraucher die Entsorgung bereits an der Kasse mitbezahlen, ohne es zu merken. Doch rund ein Drittel des Geldes wird nach Recherchen der Deutschen Umwelthilfe gar nicht an die Recycling-Wirtschaft weitergegeben. Denn viele Hersteller und Händler melden absichtlich weniger Verpackungen bei den Dualen Systemen an, um Entsorgungskosten zu sparen. Es geht um Summen von 500 Millionen bis eine Milliarde Euro pro Jahr, so die Deutsche Umwelthilfe.
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Ein Teil des gesammelten Mülls kommt in Müllverbrennungsanlagen.
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Bei der Einführung des Dualen Systems Deutschland hieß es vollmundig "Von nun an sollen alle Verpackungen wiederverwertet werden". Die Wirklichkeit sieht anders aus. Derzeit wird ca. ein Viertel der Kunststoffabfälle thermisch verwertet. Das bedeutet, sie werden aus dem Müllgemisch heraussortiert und dann in speziellen Kraftwerken zum Beispiel zur Stromerzeugung eingesetzt. Das spart Öl und Gas, ist aber die simpelste Form des Recyclings. Allerdings sind diese Kunststoffe so verschmutzt, dass sie ohnehin nicht wieder zu neuen Produkten verarbeitet werden könnten.
Ein gutes Drittel der Kunststoffe wird stofflich verwertet, sprich zu neuen Plastikprodukten verarbeitet. Jedoch ist das in der Regel eher ein "Downcycling": Shampoo-Flaschen werden zum Beispiel zu Blumentöpfen. Und kaputte Blumentöpfe werden vielleicht zu Kunststoff-Parkbänken. Am Ende dieser Lebenszyklen steht meist die Verbrennung. Ein echter Kreislauf ist das nicht.
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Sortieranlagen können verschiedene Plastiksorten unterscheiden.
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In Trier fand 2011 ein einzigartiger Modellversuch statt: Der regionale Abfall Entsorger A.R.T. kippte den kompletten Hausmüll ungetrennt auf einen großen Haufen und trocknete ihn einige Tage. Für die nötige Wärme sorgten Bakterien, die die Energie dafür aus dem Biomüllanteil bezogen. Ziel war es ursprünglich, die Kosten zu senken. Denn abgerechnet wird in der Müllverbrennung nach Gewicht. Feuchtigkeit im Müll kostet also bares Geld. Dann stellten die Trierer fest, dass sich ihr trockener Müll hervorragend sortieren ließ. Mehrere, hintereinander geschaltete Sortieranlagen durchsuchten den gesamten Müllstrom nach Kunststoffen. Das Ergebnis: Kunststoffe lassen sich mit über 95-prozentiger Genauigkeit nach Art und Farbe sortieren. Die Quote ist sogar deutlich besser, als wenn die Bürger im Haushalt selbst trennen.
Obwohl "made in Germany" hat das System hat hierzulande auf absehbare Zeit keine Chance. Denn die bestehende Infrastruktur von Müllverbrennungs-, Müllsortier- und Müllbehandlungsanlagen ist noch nicht abbezahlt. Zum Teil sind diese Anlagen erst in den letzten fünf Jahren in Betrieb gegangen. Die meisten von ihnen müssen noch 15 bis 20 Jahre laufen, um sich zu amortisieren. Deshalb wird es sobald keinen Umstieg geben. Er würde den Steuerzahler Milliarden kosten.
Die Bundesregierung hat mittlerweile erkannt, dass neben Verpackungen noch diverse Wertstoffe im Müll schlummern, die man gut recyceln könnte. Zum Beispiel alte CDs, Videokassetten, Plastikschaufeln usw. Deshalb soll es ab 2015 bundesweit eine einheitliche Wertstofftonne geben. Dort dürfen dann auch Kunststoffe, Metalle etc. hinein, die keine Verpackungen sind. Damit werden Wertstoffe vor der Müllverbrennungsanlage bewahrt, die früher unsortiert im Ofen gelandet sind - wenn der Verbraucher sie vorher in die richtige Tonne wirft. An der Mülltrennung im Haushalt, den Dualen Systemen und der Flut unterschiedlicher Mülltonnen ändert sich also nichts. Die Verbraucher sollen weiter von Hand sortieren. Solange die Politik an dem Konzept festhält, ist es dem Sortiereifer der Deutschen zu verdanken, dass es überhaupt ein Recycling gibt.
Das Trierer Konzept der automatischen Müllsortierung konnte sich auf politischer Ebene nicht durchsetzen. Mittlerweile ist allerdings die EU aufmerksam geworden. Sie lässt in Trier erforschen, ob sich auch Biomasse automatisch aus dem Müllstrom heraus sortieren lässt. Die könnte dann als CO2-neutraler Ersatzbrennstoff zum Einsatz kommen.
Autor: Björn Platz (NDR)
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 09.09.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.