SENDETERMIN So, 14.10.12 | 17:00 Uhr

Hexenschuss - Kollaps im Rücken

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Hexenschuss - Kollaps im Rücken | Video verfügbar bis 13.10.2017
Ein Mann hält sich den Rücken
Rückenschmerzen kennen viele Menschen.

Mal zieht es im Nacken, mal drückt es im Kreuz. Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit, das belegen Statistiken seit Jahren immer wieder. Doch warum leiden so viele Menschen am "Kreuz mit dem Kreuz"? Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse vermutet mehr als die Hälfte der Betroffenen, dass Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule schuld sind an den Rückenschmerzen.

Mit diesem Irrglauben wird der Orthopäde Dr. Ulf Marnitz im Rückenzentrum Berlin tagtäglich konfrontiert - und räumt vehement damit auf. "Wir haben eben nicht die zerstörte Bandscheibe oder die zerstörte Wirbelsäule als häufige Ursache, das sind nur etwa fünf bis zehn Prozent", so Marnitz. In den meisten Fällen, bei etwa 85 Prozent der Betroffenen, sind die Rückenschmerzen unspezifisch, das heißt, die Schmerzursache lässt sich nicht eindeutig ermitteln. "Wir gehen heute davon aus, dass diese unspezifischen Rückenschmerzen verursacht werden durch eine muskuläre Dysbalance, also ein Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Muskelgruppen."

Stabilisierende Muskelspiele

Grafische Darstellung der Wirbelsäule und der tiefliegenden Muskel
Tiefliegende Muskeln stabilisieren die Wirbel.

Welche unerlässliche Rolle unsere Rückenmuskeln spielen, zeigt ein Blick auf den Aufbau unserer Wirbelsäule. Sie ist ein Meisterwerk der natürlichen Ingenieurskunst: gleichzeitig extrem stabil und sehr flexibel. Für die Beweglichkeit sorgt der segmentale Aufbau: Wirbel und Bandscheiben liegen wie Bauklötze locker aufeinander. Kurze, tiefliegende Muskeln verbinden die einzelnen Wirbel miteinander. Wie die Wanten auf einem Segelschiff verzurren sie die Wirbelsäule so zu einem stabilen Mast. Diese tiefliegenden Muskeln sind im Dauereinsatz. 24 Stunden am Tag sorgen sie für die Feinsteuerung der Wirbelsäule. Willentlich anspannen können wir die Stabilisatoren allerdings nicht.

Darüber liegen die großen, oberflächlichen Muskeln, die Mobilisatoren. Diese Kraftpakete sind auf Spitzenbelastung programmiert. Wir brauchen sie für alle Bewegungen des Oberkörpers. Im Gegensatz zu den tiefliegenden Muskeln können wir diese oberflächliche Muskulatur bewusst anspannen. Besonders ausdauernd ist sie allerdings nicht.

Stabilisatoren, Mobilisatoren und Bauchmuskeln gemeinsam geben der Wirbelsäule den nötigen Halt. Wenn aber ein Teil dieses Muskelsystems ausfällt, hat das weitreichende Folgen.

Die Ursache des Übels

Arzt zeigt mit Kugelschreiber auf weiße Flecken einer Rückenaufnahme
Bei einem rückenkranken Menschen wurde Muskulatur durch Bindegewebe (weiße Flecken) ersetzt.

Meistens ist unsere bewegungsarme Lebensweise schuld daran, dass die Rückenmuskeln aus dem Gleichgewicht geraten. Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin haben ergeben, dass 17 Millionen Deutsche ihren Arbeitstag sitzend im Bürostuhl verbringen. Die Folgen sind verheerend: Die tiefliegende Rückenmuskulatur ist beim Sitzen unterfordert und verkümmert. MRT-Aufnahmen von Rückenkranken zeigen, dass die Muskeln im Extremfall fast vollständig abgebaut und durch Fett und Bindegewebe ersetzt werden.

Wenn die Tiefenmuskulatur nicht mehr stark genug ist, um die Wirbelsäule zu stabilisieren, schaltet unser Körper in den Notfallmodus. Die oberflächlichen Muskeln übernehmen jetzt ihre Aufgabe mit. Doch für eine solche Ausdauerleistung sind sie nicht geschaffen. Die großen Rückenmuskeln verspannen sich und verursachen so Schmerzen in Nacken und Kreuz.

Eine falsche Bewegung und es knallt

Ein Mensch (dargestellt als Skelett) zieht an einer Pflanze im Garten und ist vorgebeugt.
Bei manchen Bewegungen wirken hohe Kräfte auf die Wirbelsäule.

Die Beschwerden verschlimmern sich bei Belastung. Bereits beim Heben einer normalen Getränkekiste (20 Kilogramm) wirken enorme Kräfte auf unsere Wirbelsäule. Messungen an der Uniklinik Ulm haben gezeigt, dass dabei in den Bandscheiben ein Druck von bis zu 23 bar entsteht. Umgerechnet wirken in so einem Moment bis zu 422 Kilogramm Gewicht auf die Lendenwirbel.

Normalerweise werden Millisekunden vor einem solchen "Kraftakt" die tiefen Rückenmuskeln aktiv und stabilisieren die Wirbelsäule. Dann erst spannen sich die großen Bewegungsmuskeln an und es kommt zur eigentlichen Belastung. Eine verkümmerte Tiefenmuskulatur springt jedoch zu langsam an. Das hat spürbare Folgen. "Wenn die Stabilität zu spät einsetzt, dann hebeln die gigantischen Bewegungsmuskeln über eine nicht gesteuerte Wirbelsäule hinweg", erläutert der Orthopäde Ulf Marnitz. "Und das führt zu erheblichen Schmerzen."

Der Hexenschuss

Grafische Darstellung schmerzhaft zusammengezogener tiefsitzender Muskeln an der Wirbelsäule
Die Verkrampfung der Muskeln beim Hexenschuss ist schmerzhaft.

Im schlimmsten Fall kann eine geschwächte Tiefenmuskulatur einen Hexenschuss hervorrufen. Eine ungeschickte, ruckartige Bewegung reicht dafür oft schon aus. Die Tiefenmuskulatur kann die Bewegung nicht ausgleichen und zieht sich stattdessen reflexartig zusammen. Der Krampf der kleinen Muskeln blockiert den ganzen Rücken. "Das mündet darin, dass die Betroffenen dann ganz schief stehen, krumme Rücken haben und da gar nicht raus kommen können vor Schmerzen", so Dr. Marnitz. Wirklich gefährlich ist ein Hexenschuss aber nicht. Denn entgegen der verbreiteten Vorstellung sind die Bandscheiben daran nicht beteiligt. "Der Hexenschuss ist ein rein muskuläres Problem. Meistens haben die Betroffenen Schmerzen im Rücken, manchmal noch im Gesäß oder in den Schultern. Wenn sie dagegen einen Bandscheibenvorfall haben, dann zieht der Schmerz fast immer entweder in die Füße hinunter oder aber in die Hände."

Die Unterscheidung zwischen Hexenschuss und Bandscheibenvorfall ist wichtig, denn danach richtet sich auch die Behandlung. Nach einem Hexenschuss reichen meist ganz normale Schmerztabletten. Vielen hilft auch ein heißes Bad oder eine Wärmflasche, um die verkrampfte Muskulatur zu lösen. Nach zwei bis drei Tagen sind die Betroffenen in der Regel wieder beschwerdefrei. Von langer Bettruhe und Schonung rät der Experte ab. Stattdessen empfiehlt Dr. Marnitz seinen Patienten, die Rückenmuskeln so schnell wie möglich zu aktivieren und aufzubauen. Wenn die Tiefenmuskulatur trainiert wird, kann sie auch ihre Aufgaben wieder voll übernehmen - und die Rückenschmerzen verschwinden.

Durch Bewegung vorbeugen

Doch welches Training ist dafür geeignet? "Wir haben ja früher als Ärzte immer gesagt, nur Schwimmen ist die einzige sinnige Sportart, um Rückenschmerz zu begegnen", erklärt der Orthopäde Marnitz. "Heute wissen wir, dass das falsch ist. Eine Vielzahl von Sportarten ist grundsätzlich geeignet, Rückenschmerzen vorzubeugen oder aber, wenn man schon mal Rückenschmerzen hatte, einer weiteren Episode vorzubeugen. Das kann Inlineskaten sein, das kann Walken sein, das kann Radfahren sein. Aber auch Spielsportarten wie Fußball oder Handball sind durchaus geeignet, diese feinen Kontrollmuskeln wieder einzuschalten. Denn auch dabei werden dringend diese feinen koordinierenden Muskeln benötigt und damit auch trainiert." Wer gezielt etwas für die Tiefenmuskulatur tun möchte, dem rät der Orthopäde zu Yoga oder Pilates. Diese Sportarten trainieren die stabilisierende Kernmuskulatur besonders intensiv.

Die Volkskrankheit Rückenschmerz ist in den allermeisten Fällen also ein muskuläres Problem, das die Betroffenen mit ausreichend Bewegung langfristig in den Griff bekommen können. Die gute Nachricht für alle "Rückenschmerzlinge": Die spontane Rückbildungsrate bei unspezifischen Rückenschmerzen ist hoch. Statistiken haben gezeigt, dass 80 Prozent aller Patienten nach spätestens zwei Monaten wieder beschwerdefrei waren.

Autorin: Anke Christians (NDR)

Stand: 07.11.2012 18:40 Uhr