SENDETERMIN So, 09.12.12 | 17:00 Uhr

Der gute, alte Kneipp

Ein Mann ist in einem gefrorenem Fluss

Eisbaden oder Winterbaden - geht es nur so?

Das Immunsystem trainieren auf die harte Tour: Das machen Winterschwimmer, die bei Minustemperaturen in eiskalte Fluten tauchen. In Russland hat das große Tradition, aber auch in Deutschland, vor allem in den östlichen Bundesländern, gibt es Dutzende von Vereinen. Ziel: Abhärtung und Stärkung der Abwehrkräfte. Doch so radikal muss man gar nicht sein, um sich gegen Infektionen im Winter zu wappnen. Denn das Immunsystem lässt sich auch auf sanftere Weise anregen - nach demselben Prinzip: Kaltes Wasser im Gesicht reicht schon, sagen Naturheil-Mediziner, die sich auf Altvater Sebastian Kneipp berufen. Der kurierte als junger Mann bekanntlich seine Tuberkulose durch Bäder in der winterlichen Donau und begründete darauf seine berühmte Wasserkur.

Der WwW-Test: Mehr Immunkörper durch kaltes Wasser?

In den Kliniken Essen-Mitte in der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin gehören die Kneipp-Anwendungen zum festen Therapie-Programm: Kalte Wassergüsse, Wassertreten und Wickel helfen hier mit, Bluthochdruck, Rheuma, chronischen Schmerz und andere Krankheiten zu heilen. Hier wollte das Team von W wie Wissen testen, ob eine einfache Kneipp-Anwendung für Zuhause auch schon die Abwehrkräfte für den Winter fit macht: Reagiert das Immunsystem auf kalte Wassergüsse im Gesicht?

Wie sich der Körper gegen Schnupfen- und Hustenviren wehrt

Grafik: Antikörper vom Typ IgA

Antikörper vom Typ IgA gehören zum Immunsystem im Mund. Sie heften sich an Viren und locken Fresszellen an.

Oberarzt Dr. Thomas Rampp lud zu unserem kleinen Test zwei gesunde Probanden ein, die zuerst eine Speichelprobe abgaben. Diese wurden ins Labor geschickt und dort auf spezielle Abwehrkörper untersucht, das Immunglobulin vom Typ A (IgA). Es kommt im Speichel sowie in der Schleimhaut von Mund, Nase und Rachen vor. Dort soll es Eindringlinge abwehren - die Erreger von Schnupfen, Husten und grippalen Infekten. Um ihr Werk zu verrichten, müssen sie in die Schleimhaut eindringen und sich vermehren, was für die typischen Winter-Erkältungen sorgt. Doch die IgA-Abwehrkörper können sich an Viren anheften und wichtige Schaltstellen blockieren, sodass die Erreger gar nicht erst an die Schleimhaut andocken können. Sind die Viren so ausgeschaltet, lockt das IgA einen anderen Typ von Immunkörpern an, die Fresszellen. Sie verschlucken die Eindringlinge und vernichten sie. Doch das ganze System funktioniert nur gut, wenn genügend IgA und Fresszellen gebildet werden, mit anderen Worten: Wenn die Abwehrkräfte stark sind.

Kneippen zuhause - einfach mit dem Brauseschlauch

Eine Frau gießt sich Wasser über das Gesicht

Für Gesichtsguss nach Kneipp braucht man einen breiten Wasserstrahl.

Zurück zum kleinen W-wie-Wissen-Test: Nach der ersten Speichelprobe als Ausgangswert vor dem Test zeigte Dr. Rampp den Probanden, wie die Wassergüsse vorzunehmen sind. Eine ganz normale Dusche kann dafür leicht zum Kneipp-Schlauch umfunktioniert werden: Man schraubt einfach den Duschkopf ab. Der Wasserstrahl für die Güsse sollte nämlich dick und etwa drei Zentimeter breit sein, nicht etwa feinperlig wie aus der Brause. Das kalte Wasser sollte dann, beginnend an der rechten Schläfe, quer über die Stirn und wieder zurück geführt werden. Anschließend wird der Wasserstrahl drei Mal senkrecht nach unten über die rechte Gesichtshälfte geführt, danach drei Mal über die linke Gesichtshälfte, zuletzt umkreist man mit dem Wasserstrahl drei Mal das ganze Gesicht. Die Probanden hatten die Aufgabe, eine Woche lang morgens und abends jeweils die Gesichtsgüsse durchzuführen und außerdem ihre Zunge mit der Zahnbürste einige Minuten lang abzuschrubben. Das regt zusätzlich die Durchblutung an und entfernt Beläge, in denen sich Erreger halten können.

Ergebnis: Die Anzahl der Abwehrkörper steigt deutlich

Das Testergebnis: ein deutlicher Anstieg der Immunglobuline um gut 25 Prozent.

Das Testergebnis: ein deutlicher Anstieg der Immunglobuline um gut 25 Prozent.

Eine Woche später kamen die Testteilnehmer zurück und gaben eine zweite Speichelprobe ab, die wieder im Labor untersucht wurden. Und tatsächlich – die Laboranalyse zeigte, dass bei beiden Probanden die IgA-Werte deutlich gestiegen waren und zwar um gut 25 Prozent! Ein interessantes Ergebnis, fand Thomas Rampp: "Dieses kleine Experiment zeigt schon, wie ein Gesichtsguss die Abwehrkräfte messbar stärken kann. Die Wintererkrankungen werden vor allem durch Viren hervorgerufen, und gegen diese Erreger gibt es keine Medikamente, Antibiotika wirken bei Viren nicht. Deswegen ist es so wichtig, dass die körpereigene Abwehr stark ist und in Mund und Rachen Infektionen verhindert." Wie der kalte Guss genau wirkt, ist allerdings nicht genau bekannt – die Geheimnisse des menschlichen Immunsystems sind noch längst nicht alle erforscht. Vermutlich ist es aber die Durchblutung: Zuerst ziehen sich die Blutgefäße vom kalten Wasser zusammen, dann erweitern sie sich stark und viel mehr Blut strömt hindurch. Und je besser durchblutet Nase, Rachen und Mundschleimhaut sind, desto mehr IgA und Fresszellen können dort gebildet werden.

Wissenschaftliche Studien belegen den Effekt

Dr. Thomas Rampp

Dr. Thomas Rampp von der Abteilung Naturheilkunde der Kliniken Essen-Mitte.

Dieser Test war natürlich nur ein kleines Experiment, doch es gibt auch wissenschaftliche Studien zu diesem Phänomen: Forscher aus Jena haben nachgewiesen, dass kalte Güsse am Oberkörper die Immunabwehr stärken, und zwar sowohl bei Gesunden als auch bei Menschen, die an chronischen Lungenleiden litten. Die Arbeiten belegen auf einer wissenschaftlichen Basis, so Thomas Rampp, dass Kneipp-Verfahren die Abwehrkräfte stärken können, doch es sollte noch mehr daran geforscht werden: "Leider sind Studien zu diesem Thema sehr selten, weil sich kein Sponsor findet, der dafür finanzielle Mittel zur Verfügung stellt – mit Selbstanwendungen zuhause und ein bisschen Wasser lässt sich leider kein Geld verdienen, deshalb gibt es wenig Interesse daran."

Regelmäßig Reize setzen und früh genug anfangen

Menschen stehen barfuss im Gras

Fertigmachen zum Tautreten - für die Patienten in Essen der tägliche Kick für das Immunsystem.

Das Interesse an Methoden zur Stärkung des Immunsystems und zur Regulation der natürlichen Körpervorgänge, wie Kneipp es vorsah, ist trotzdem ungebrochen. Die Patienten der Kliniken Essen-Mitte bekommen dazu Tipps für zuhause mit - teils ganz einfache Maßnahmen, die man täglich umsetzen kann. Ein Beispiel ist das Tautreten: Jeden Morgen gehen die Patienten mit nackten Füßen auf der Wiese vor der Klinik ins nasse Gras, sogar bei Raureif. Das, so die Essener Mediziner, bewirkt eine Anregung im gesamten Körper und fördert allgemein die Abwehrkräfte. Nur auskühlen sollte man dabei nicht, das würde den Organismus wieder schwächen. Drei bis maximal fünf Minuten reichen, wichtig ist aber, dass man es regelmäßig tut und früh genug damit anfängt. "Einen Kältereiz setzen" nennt es Dr. Thomas Rampp und betont: "Wer im Herbst ein starkes Immunsystem haben will, sollte spätestens im Sommer, etwa ab August, damit anfangen, seine Abwehrkräfte zu stärken." Tautreten und kalte Gesichtsgüsse sind dabei eine gute Wahl - in den eiskalten See muss man nicht unbedingt springen. Das ist nur was für Freiwillige.

Autorin: Johanna Bayer (WDR)

Stand: 09.12.2012 17:00 Uhr