SENDETERMIN So, 28.10.12 | 17:00 Uhr

Laktoseintoleranz: Nie mehr Milch?

Laktoseintoleranz: Nie mehr Milch?  | Video verfügbar bis 28.10.2017
Eine Frau isst Joghurt, im Hintergrund steht ein Glas Milch.
Frühstück mit Milchprodukten – ist das gesund?

Ist Milch nun gesund oder nicht? In den letzten Jahren entwickelt sich das mehr und mehr zu einer Art Glaubensfrage. Milchzucker nicht zu vertragen - im Medizinerdeutsch "Laktoseintoleranz" - scheint hierzulande so etwas wie eine neue Volkskrankheit zu sein. Fast jeder dritte Deutsche glaubt inzwischen laut Umfragen, er sei davon betroffen. Teils auch aufgrund von Selbstdiagnosen, ohne ärztliche Konsultation. Die Laktose - einfacher Milchzucker - ist manchen geradezu zum Synonym für ungesunde Ernährung geworden. Galt Milch noch vor 30 Jahren als Garant für gesunde Ernährung, so hält man sie jetzt für einen Übeltäter, der die Gesundheit bedroht. Doch wie viele Menschen sind von der Milchunverträglichkeit überhaupt betroffen? Und ist Milch wirklich per se ungesund?

Die schwierige Diagnose

Zwei Gläser mit Latte-Macchiato
Latte Macchiato - Vergnügen mit Nebenwirkungen?

Wer herausfinden will, ob er unter Laktoseunverträglichkeit leidet, hat zunächst ein zentrales Problem: Typische Symptome der Laktoseunverträglichkeit - wie Durchfall, Magenkrämpfe oder Übelkeit - passen auch auf jede Menge andere Krankheitsbilder. Es kann zu Müdigkeit, Erbrechen, Krämpfen, Blähungen, Kopfschmerzen oder/und Schwindelgefühl kommen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit der Symptome ist die Milchzuckerunverträglichkeit oft schwer zu diagnostizieren.

Oft wird die Milchzuckerunverträglichkeit mit einer anderen, viel selteneren Erkrankung verwechselt: der Milcheiweißallergie. In Deutschland betrifft sie etwa zwei bis fünf Prozent der Kinder und noch weniger Erwachsene. Unangenehme Beschwerden können sowohl bei der Milcheiweiß-Allergie, als auch bei der Milchzuckerintoleranz auftreten - zum Beispiel wenn man viel Milchkaffee trinkt. Allerdings ist es wichtig zwischen den beiden Beschwerdebildern zu unterscheiden.

Verwechselungsgefahr: Die Milcheiweißallergie

Eine Frau mit Sprechstundenhilfe beim Wasserstoff-Atemtest
Laktoseintoleranz oder nicht? Ein Wasserstoff-Atemtest kann das zeigen.

Reagiert man allergisch auf das Milcheiweiß Kasein, muss man auf tiermilchfreie Produkte wie Soja-, Reis- oder Hafermilch ausweichen. Sie sollten möglichst mit Kalzium angereichert sein. Bei einer Allergie auf Molkeneiweiß kann man auch auf Schaf-, Ziegen- oder Stutenmilch umsteigen. Mit Hilfe eines Arztes sollten die Betroffenen herausfinden, auf welchen Milchbestandteil sie reagieren, denn eine Milcheiweißallergie kann drastische Symptome verursachen. Sie sind nicht zwingend auf den Verdauungstrakt beschränkt, sondern können auch Hautprobleme, Asthma oder Fließschnupfen auslösen. Eine Milcheiweißallergie kann lebensbedrohlich sein, eine Laktoseintoleranz nicht.

Wer eine Milchzuckerintoleranz hat, dem fehlt im Dünndarm das körpereigene Enzym Laktase, das den Milchzucker normalerweise in seine Bestandteile Galaktose und Glukose spaltet. Ohne die Wirkung des Enzyms bleibt der Milchzucker unverdaut. Er wandert in den Dickdarm und verursacht dort Beschwerden. Manche Menschen, die an Laktoseintoleranz leiden, zeigen die beschriebenen Symptome bereits, wenn sie nur wenige Gramm Milchzucker zu sich nehmen, wie sie in manchen Schokoladensorten oder -keksen enthalten sind.

Besteht der Verdacht auf eine Laktoseintoleranz, befragt der Arzt den Patienten nach Ernährungsgewohnheiten und rät zu einem Wasserstoff-Atemtest. Dabei trinken die Patienten eine Milchzuckerlösung. Alle 30 Minuten wird dann die Wasserstoffkonzentration beim Ausatmen gemessen. Wenn der Körper den Milchzucker nicht ausreichend aufspalten kann, gelangt dieser in den Darm und wird dort vergärt. Der Wasserstoffgehalt im Körper steigt an. Ist der Wasserstoffgehalt deutlich erhöht, ist die Diagnose sicher: Laktoseintoleranz.

Sinnvoll: Der Beratungstermin beim Ernährungsberater

Ein Glas mit Milch
Milch ist nicht grundsätzlich ungesund.

Doch eine Laktoseintoleranz bedeutet nicht zwingend, dass man auf sämtliche Milchprodukte verzichten muss, wie die Kölner Gastroenterologin  Elke-Christiane Bästlein erklärt: "Das bedeutet bei den meisten Menschen, dass sie eine Restverträglichkeit von Milchzucker haben, dass sie beispielsweise mit Quark sehr gut zurande kommen. Und sie sollten für sich selber ausprobieren, was sie vertragen und was nicht, weil Milch immer noch eine wichtige Kalzium- und Eiweißquelle für den Körper ist und auf gar keinen Fall ein ungesundes Lebensmittel."

Milch ist also nicht grundsätzlich ungesund - doch wie viel man davon verträgt, ist individuell sehr verschieden. Wer Milchzucker schlecht verträgt, muss also ganz genau hinsehen, wie viel Laktose in den Lebensmitteln steckt. Denn Laktose ist nicht nur in Milch, sondern kann teils auch in Fertigprodukten oder sogar Ketchup enthalten sein. Grundsätzlich gilt: Je weiter hinten in der Zutatenliste die Milchbestandteile stehen, desto weniger davon ist in einem Produkt enthalten.

Sinnvoll ist deshalb ein Treffen mit einem Ernährungsberater: Er erklärt, wie Zutatenlisten zu lesen sind und dass laktosefreien Produkten genau das Enzym zugefügt ist, das Menschen mit Laktoseintoleranz fehlt. Doch die laktosefreien Produkte sind oft teurer als andere Lebensmittel. Es lohnt sich also, zu hinterfragen, ob man jedes dieser Produkte wirklich braucht, wie Ernährungsberater und Oecotrophologe Christoph Meinhold rät: "Man kann nicht sagen, dass laktosefreie Produkte prinzipiell gesünder sind. Sie brauchen nur ganz selten Spezialprodukte, so wie hier bei der laktosefreien Milch, wenn sie natürlich abgebaute Produkte nehmen, wie zum Beispiel einen lang gereiften Käse, wie den Emmentaler, oder den alten Gouda, da ist die Laktose so weit durch die Bakterien abgebaut, dass sie den auf jeden Fall vertragen werden."

Emotionale Reaktionen trainieren

Reifer Käse und Butter enthalten also sowieso kaum Laktose. Nur Milch und junger Käse sollten möglichst gemieden werden, alter Käse und Joghurt hingegen können in der Regel gegessen werden, denn sie weisen aufgrund ihrer Weiterverarbeitung einen weitaus geringeren Anteil von Milchzucker auf.

Je länger der Reifungsprozess eines Käses dauert, desto geringer ist sein Laktosegehalt. Dies liegt daran, dass die Bakterien in den Joghurtkulturen im Laufe der Zeit den Milchzucker abbauen. Nur wer extrem empfindlich auf Laktose reagiert, sollte generell alle Milchprodukte meiden und auf Ersatzlebensmittel ausweichen. Dies kann zum Beispiel Mandel-, Soja- oder Reismilch sein. Menschen, die nur eine schwache Laktose-Intoleranz haben, müssen dagegen nicht unbedingt auf alle Milchprodukte verzichten. Manche noch nicht einmal auf ein Glas ihres ehemals geliebten Latte Macchiatos, wie die Gastroenterologin Elke-Christiane Bästlein erklärt: "Grundsatzregeln, wie "Nie wieder Latte Macchiato" sind unsinnig. Das heißt, selbst wenn sie jetzt mal über die Stränge schlagen würden und einen Liter Milch trinken, dann hätten sie einen Effekt wie bei einem Abführmittel, das heißt, sie hätten vielleicht Durchfall, Bauchschmerzen, aber das würde ihrem Darm nicht schaden."

Es lohnt sich also bei Beschwerden herauszufinden, ob sie von der - sehr seltenen - Milcheiweißallergie verursacht werden oder von einer Laktoseintoleranz. Der sicherste Test auf Laktoseunverträglichkeit ist der Atemtest beim Gastroenterologen, und den zahlt die Krankenkasse. Wer beim Arzt für einen Test Geld zahlen muss, sollte aufhorchen, denn kostenpflichtige Tests, wie der Blut-Glukose-Test sind meist gar nicht so aussagekräftig wie der Atemtest.

Autorin: Scarlet Löhrke (SWR)

FACHAUSDRÜCKE

Laktase:
Um die sogenannte Laktose zu verarbeiten, braucht der Körper ein Enzym, das den Milchzucker spaltet: die Laktase. Zunächst wird Laktase vornehmlich im Säuglingsalter zur Verdauung benötigt - während der Säugling mit Muttermilch ernährt wird. Normalerweise ist unser Körper darauf programmiert, die Herstellung dieses Enzyms spätestens im dritten Lebensjahr einzustellen, denn dann ist ein Kind normalerweise entwöhnt. Bei Erwachsenen wird die Laktase also nicht mehr oder nur in geringem Umfang produziert. Die Folge: Milchzucker kann nicht mehr abgebaut werden. Durchfall und Blähungen sind dann die unangenehmen Folgen. Egal, ob der Betroffene Kuh-, Schaf- oder Ziegenmilch getrunken hat, entscheidend ist immer der Milchzucker.

Etwa 75 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung vertragen keinen Milchzucker. Eine Ausnahme sind die Nordeuropäer: Eine Genvariation machte sie vor 7.000 Jahren zu Milchtrinkern. Seitdem können hier fast alle Laktose vertragen. Doch je weiter man in den Süden kommt, desto mehr Menschen leiden unter Milchzuckerunverträglichkeit.

Milcheiweiß-Allergie:
Allergien werden durch das eigene Immunsystem ausgelöst, Nahrungsmittelallergien sind generell viel seltener als Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Bei kleinen Kindern sind sie häufiger (3-8%), weil das Immunsystem noch reifen muss. Erwachsene sind nur in 1-3% von echten Allergien betroffen. Bei den Betroffenen treten Allergien immer wieder auf und führen häufig zu Hautausschlägen, Luftnot oder Durchfall. Je nach Schweregrad der Allergie können die Beschwerden minimal oder sogar lebensbedrohlich sein. Während der Laktoseintoleranz ein Enzymmangel zugrunde liegt, reagiert bei Milcheiweißallergikern das Immunsystem auf ein oder mehrere Eiweiße in der Milch - meist Kasein oder Molkeneiweiß.

Stand: 04.05.2015 10:17 Uhr