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Männerüberschuss in Asien

Mädchen unerwünscht

Eine Mutter holt ihren Sohn von der Schule ab
Es gibt mehr Jungen als Mädchen in China.

Mittagspause an der Grundschule in einem Dorf der chinesischen Provinz Henan. Eine Mutter wartet am Tor auf ihren Sohn. Als die Kinder vom Schulhof drängen, fällt auf, dass sich überproportional viele Jungen unter ihnen befinden. In manchen Klassen sind von 50 Kindern nur 19 Mädchen. Nach der Einführung der Ein-Kind-Politik haben sich die Geschlechterverhältnisse in China erheblich verschoben, vor allem auf dem Land. Die Bauern wollen einen Sohn - das gebietet nicht nur die Tradition. "Es ist die Aufgabe der Söhne, sich um die Eltern zu kümmern, wenn sie alt werden. Die Töchter gehen mit der Heirat aus dem Haus und müssen die Schwiegereltern versorgen. Deswegen ist ein Sohn so wichtig", erzählt uns die Mutter.

Eine Tradition wird durch Technik tödlich

Eine Frau hilft zwei Kindern beim Lernen
Ist das erste Kind ein Mädchen, soll das zweite ein Junge werden.

Neben einem Sohn hat die Frau eine Tochter, ihre Erstgeborene. Auch das zweite Kind wäre eigentlich ein Mädchen gewesen, aber die Mutter hat ihre zweite Schwangerschaft abgetrieben - wegen des Geschlechts. Auf dem Land ist das nicht ungewöhnlich: In den meisten chinesischen Provinzen dürfen Bauern trotz Ein-Kind-Politik zwei Kinder bekommen, aber wenn das erste ein Mädchen ist, drängen alle auf einen Jungen als zweites Kind. Ein drittes Kind hätte eine Geldstrafe nach sich gezogen, die sich die Familie nicht leisten kann: "Wir haben es mit Hilfe von Beziehungen geschafft, das Geschlecht herauszufinden. Als es ein Mädchen war, haben wir es abgetrieben", erzählt sie.

Die Regierung versucht vergeblich gegen die Abtreibungen von weiblichen Föten anzugehen. In den Krankenhäusern Chinas ist es verboten, den werdenden Eltern das Geschlecht bekannt zu geben. Aber entweder bestechen die das medizinische Personal oder weichen auf 'private' Ultraschall-Angebote aus. Die Regierung versucht zudem, die Geburt von Töchtern zu propagieren. In den großen Städten mit hohem Mittelschichtanteil fruchtet das einigermaßen, doch auf dem Land verpuffen die Kampagnen. Die Tradition ist dort stärker. Denn ohne Sohn stirbt der Familienname aus und es gibt dort keine geregelte Altersvorsorge.

Aus dem Gleichgewicht

Ein Junge isst Nudeln
Auf 170 Jungen kommen mancherorts nur 100 Mädchen.

Das Geschlechterverhältnis in China hat sich durch diese Entwicklung dramatisch verändert. Bis in die 1980er-Jahre war es mit einem Verhältnis 100 Mädchen zu 107 Jungen noch normal. 2010 lag die Quote landesweit bei 100:118 - in einigen Provinzen schon bei über 100:130. Es gibt Bezirke/Städte, in denen die Quote sogar bei 100:170 liegt.

Untersuchungen zeigen: Je mehr Kinder eine Familie bekommt, desto größer ist die Geschlechterdifferenz, weil dann der Druck einen Sohn zu bekommen, immer größer wird. Wegen der Ein-Kind-Politik ist die Zahl der Kinder und damit auch die Zahl der 'Versuche' schließlich begrenzt.

Arme Provinzen ohne Frauen

Drei Menschen sitzen in einem Haus am Feuer
In ländlichen Regionen finden Männer seltener Frauen zum Heiraten.

Das ländliche Hunan ist eine Region, bei der der Männerüberschuss besonders deutlich sichtbar wird. Entlegene Häuser - irgendwo in den Bergen. Der Frauenmangel trifft die Armen und Ungebildeten zuerst. Wir besuchen einen Mann, er ist Ende 30 und hat noch immer keine Frau, wie viele Männer hier in der Umgebung. Er hat die Schule nur vier Jahre besucht, seine Familie hat nichts anzubieten - nicht einmal einen Fernseher gibt es hier, keine Heizung, kein Bad, keine Toilette. Ein Leben ohne die Annehmlichkeiten der Moderne. Die Mädchen, die in dieser Region geboren werden, heiraten nach oben, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Doch viele der Männer können an ihrer Situation nichts ändern: "Ich weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Ich muss mich um meine Eltern kümmern. Erst wenn sie gestorben sind, bin ich frei. Und kann irgendwohin gehen und eine Frau suchen. Bis dahin kann ich nichts tun", erzählt uns der Junggeselle. Alleine mit den Eltern zu Hause, ohne Frau, heißt auch, dass es keine Nachkommen gibt.

Ewige Junggesellen

Duan Chengrong, Professor für Bevölkerungssoziologie
Duan Chengrong, Professor für Bevölkerungssoziologie

In China bahnt sich ein gigantisches soziales Problem an, dessen Auswirkungen auch die Soziologen nur erahnen können. Am Anfang würden die Junggesellen nach im Durchschnitt immer jüngeren Frauen suchen, aber irgendwann gehe eine Generation leer aus. Der Wettbewerb zwischen den Männern werde über Bildung, Wohlstand und Aufstiegschancen entschieden. Und da werden die Armen und Ungebildeten auf der Strecke bleiben: Soziologen rechnen in naher Zukunft mit 30 bis 40 Millionen Männern, die keine Partnerin finden können. Duan Chengrong, Professor für Bevölkerungssoziologie an der Volksuniversität Peking: "Natürlich wird es Konsequenzen haben. Menschen müssen heiraten, um Familien zu gründen, sie brauchen das, um ihre grundlegenden persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn das nicht klappt, dann wird es schwerwiegende Folgen haben."

Sozialer Sprengstoff

Ein Tal in Hunan
Das Problem in ländlichen Regionen wird sich zuspitzen.

Neben überalternden Dörfern ist vor allem ein Anstieg der Kriminalität zu befürchten. Immer mehr vietnamesische Frauen kommen ohne Papiere nach China, um ledige Männer zu heiraten und Kinder zu bekommen. Längst nicht immer freiwillig. Manche werden aus Vietnam, Burma und Laos verschleppt und in China 'verkauft'. Es gibt auch Fälle, wo Frauen aus armen, unterentwickelten Regionen Chinas als Bräute 'verkauft' werden. Noch weiß keiner, wie sich ein Männerüberschuss auf eine Gesellschaft genau auswirkt. Sicher ist: Zurück drehen lässt sich die Entwicklung mittelfristig nicht. Doch auch langfristig gibt es wenig Grund zu Optimismus: Denn dass das Problem vor allem eine Folge der strikten Geburtenkontrolle ist, bleibt in Politik und Wissenschaft noch immer unausgesprochen.

Autorin: Ariane Reimers (NDR)

Stand: 05.11.2015 14:11 Uhr

Sendetermin

So, 29.01.12 | 17:03 Uhr