SENDETERMIN So, 22.07.12 | 17:00 Uhr | Das Erste

Was Forscher von Magiern lernen

Apollo Robbins mit Münze in der Hand
Apollo Robbins: Magier und "Gentleman-Dieb"

Der junge Mann ist schockiert. Eben noch hat er über die Späße des Magiers gelacht, der ihn mitten in Las Vegas auf der Straße angesprochen hat. Doch dann entgleiten seine Gesichtszüge: Am Handgelenk des Magiers glänzt plötzlich seine Armbanduhr, in der Anzugstasche steckt seine Krawatte und schließlich überreicht der Magier ihm auch noch seine Geldbörse - unter dem Jubel der anwesenden Passanten. Ohne es zu merken, ist der junge Mann einem Meisterdieb zum Opfer gefallen - und dabei hatte er doch so genau hingesehen.

Doch damit rechnet Apollo Robbins. Der Zauberkünstler verdient sein Geld mit atemberaubenden Taschenspieler-Tricks. Sein Handwerk - das Klauen auf der Showbühne - beherrscht er so gut, dass sogar Geheimdienstagenten des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter gegen ihn machtlos waren. Deswegen berät Apollo Robbins inzwischen auch Sicherheitsexperten - und seit einigen Jahren sogar Neurowissenschaftler. Er zeigt den Forschern, wie er Menschen so verwirrt und täuscht, dass sie auf seine Illusionen hereinfallen. Seine Tricks sollen den Forschern helfen zu erklären, wie die Wahrnehmung im Gehirn wirklich funktioniert.

Zauberei in den Köpfen

Eyetracking-Labor mit Monitor, auf dem Apollo Robbins zu sehen ist
Taschenspieler-Tricks im Dienst der Wissenschaft

Im Labor von Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik in Phoenix gucken Testpersonen die magischen Tricks an - unter wissenschaftlicher Aufsicht, verkabelt mit Messgeräten. Die Forscher erfassen die Augenbewegungen der Testzuschauer mit sogenannten Eye-Trackern. Jede noch so kleine Bewegung können die Forscher so aufzeichnen. Das Ergebnis ist erstaunlich: Selbst wenn das Auge verräterische Handbewegungen des Zauberers sieht, wird das Gehirn nicht stutzig - wenn es unaufmerksam ist.

Und genau darauf setzen erfolgreiche Magier. Seit Jahrhunderten überlisten sie den menschlichen Geist mit ähnlichen Methoden: Knalleffekte und andere Effekthaschereien wie schöne Frauen und bunte Tücher, die den Zuschauer ablenken, oder gezielte Desinformation. Dabei lenken sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf Dinge oder Orte, an denen garantiert nichts passiert. Solange die Zuschauer damit beschäftigt sind, können die Magier unbemerkt ihre Tricks vorbereiten. Zauberei spielt sich vor allem im Kopf ab, davon ist nicht nur Apollo Robbins überzeugt. Man müsste nur das menschliche Gehirn dazu bringen, nicht darauf zu hören, was Augen und Ohren mitteilen.

Was passiert im Automatik-Modus im Gehirn?

Testzuschauer mit Eye-Trackinggerät
Ein abgelenkter Zuschauer hat keine Chance, den Trick zu durchschauen.

Ein aufmerksamer Zuschauer würde wahrscheinlich sehen, dass eine Münze über ein Tischtuch wandert - auch wenn das blitzschnell passiert, mithilfe eines Magneten unter dem Tisch. Der Zuschauer eines versierten Magiers dagegen sieht die wandernde Münze nicht: Viel zu sehr ist er damit beschäftigt, sich davon zu überzeugen, dass der vorgehaltene Becher leer ist. Ebenso wenig spürt er, dass ein Taschendieb ihm gerade seine Uhr klaut, wenn der Dieb die Uhr zuvor fest in seine Haut gedrückt hat. Er fühlt den Abdruck der Uhr noch, obwohl diese längst weg ist.

Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik sind diesen und anderen Wahrnehmungsphänomenen auf der Spur. Seitdem sie mit Zauberern wie Apollo Robbins zusammenarbeiten, haben sie viel dazugelernt. Erfolgreiche Magier, das wissen sie jetzt, nutzen automatisierte Wahrnehmungsprozesse im Gehirn. So klappen zum Beispiel viele Tricks mit geschwungenen Handbewegungen besser als mit geraden Bewegungen. Denn bei geraden Bewegungen sieht das Gehirn das Ende der Bewegung voraus und lässt das Auge an den Endpunkt springen. Dadurch bekommt es Zeit, den Trick zu durchschauen. Folgt das Auge dagegen der geschwungenen Handbewegung, ist es dafür viel zu langsam.

Magie und Wissenschaft

Die Arbeit von Apollo Robbins hat inzwischen zahlreiche Neurowissenschaftler inspiriert. Die Magie öffnet ihnen eine weitere Tür zu den Geheimnissen des Gehirns. Ist die Wissenschaft dabei, die Magie zu entzaubern? Der "Gentleman-Dieb" kann darüber nur lachen: Die Faszination der Illusion bleibt immer. Einem echten Profi kann einfach niemand schnell genug auf die Finger schauen.

Autoren: Francesca D‘Amicis, Petra Höfer, Freddie Röckenhaus (WDR)

Lesetipp:
Sleights of Mind. What the Neuroscience of Magic Reveals about Our Everyday Deceptions
von Stephen L. Macknik, Susana Martinez-Conde, Sandra Blakeslee
Henry Holt and Co., New York, 2010
304 Seiten, ca. 23 Euro

Stand: 20.03.2013 08:51 Uhr