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Medikamente gegen das Vergessen

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Medikamente gegen das Vergessen | Video verfügbar bis 03.11.2017
Ein alter Mann schaut in den Himmel
Alzheimer: Krankheit des Vergessens

Alzheimer ist eine der häufigsten Alterserkrankungen und noch immer gibt es kein Medikament, das den Zustand der Betroffenen signifikant verbessert. Doch ausgerechnet zwei altbekannte Heilpflanzen könnten jetzt für einen Durchbruch sorgen: Wissenschaftler räumen der Mariendistel und dem Hanf große Chancen ein, den Patienten dauerhaft das schwindende Gedächtnis zurückzugeben.

Hoffnung mit Nebenwirkungen

Ein Behältnis mit Tacrin
Ein Wirkstoff zur Behandlung von Alzheimer musste wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden.

Alzheimerkranke sind gefangen in einer Welt, die immer stärker verblasst: Erst vergessen sie Namen und Worte, können sich nicht mehr erinnern, wo sie Gegenstände abgelegt haben. Später sind es sogar enge Verwandte, die nicht mehr wiedererkannt werden. Ein Medikament, das den geistigen Verfall dauerhaft aufhalten kann, gibt es noch nicht - obwohl unzählige Forschungsprojekte seit Jahrzehnten nach Lösungen suchen. Oft stehen dabei Eiweißablagerungen im Gehirn, die sogenannten Plaques, im Fokus der Wissenschaftler. Sie sollen ein Grund für den dramatischen Gedächtnisverlust sein. Dabei gibt es bereits einen Wirkstoff, der sich bei der Bekämpfung dieser Ablagerungen bewährt hat: Tacrin.

Tacrin kann die Krankheit nicht heilen, wohl aber eine signifikante Verbesserung der Gedächtnisleistung hervorrufen. Doch der Preis für die Betroffenen ist hoch: Der Wirkstoff verursacht auch massive Leberschäden. Aus diesem Grund ist Tacrin inzwischen wieder vom Markt verschwunden. Wissenschaftler des Instituts für Lebensmittelchemie und Pharmazie der Universität Würzburg wollen das bislang potenteste Mittel zur Bekämpfung der Alzheimer-Symptome dennoch nicht aufgeben: Eine altbekannte Heilpflanze könnte helfen, die Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen.

Die Mariendistel - eine bewährte Heilpflanze

Blätter der Mariendistel
Die Mariendistel enthält das leberschützende Silibinin.

Früher fand man sie häufig in Klostergärten, inzwischen wird sie auch großflächig zu medizinischen Zwecken angebaut: die Mariendistel. Ihr Wirkstoff, das "Silibinin" besitzt eine außerordentlich starke leberschützende Wirkung. Derzeit wird Silibinin sehr erfolgreich bei Pilzvergiftungen eingesetzt und Studien belegen ebenfalls eine hohe Wirksamkeit bei der Bekämpfung von Krebs. Auch die Würzburger Wissenschaftler setzen auf die heilsamen Kräfte der Mariendistel. Ihr Wirkstoff könnte die Leberschädigungen durch das Alzheimermedikament Tacrin verhindern. Doch beide Substanzen einfach nur zu mischen, brachte nicht den erwünschten Erfolg. Michael Decker und seine Team verknüpften deshalb beide Wirkstoffe auf chemischem Wege zu einem neuen Kombi-Molekül, und die Ergebnisse lassen aufhorchen: "Durch die chemische Verknüpfung gelingt es, dass man auch bei hohen Dosierungen die leberschädigende Wirkung komplett ausschalten kann", so der Pharmazeut.

Altbewährt und immer noch geächtet: Hanf

Cannabispflanzen werden für die Forschung gezüchtet
Darf für therapeutische Zwecke in Holland angebaut werden: Hanf

Die Mariendistel ist eine Hoffnung für Alzheimerpatienten. Eine andere könnte ebenfalls eine altbekannte Heilpflanze sein, die man allerdings nicht in Klostergärten findet: Cannabis. In Holland werden Hanfpflanzen, aus denen sonst das Rauschmittel Marihuana hergestellt wird, zur Gewinnung von Cannabis für den therapeutischen Einsatz legal angebaut. Das seit jeher als Schmerzmittel eingesetzte Cannabis hat in dieser speziell aufbereiteten Form kaum noch eine berauschende Wirkung und ist inzwischen auch in Deutschland als Arzneimittel zugelassen. Allerdings gibt es immer noch große Vorbehalte. Dabei könnte dem Hanf bei der Alzheimertherapie eine entscheidende Rolle zukommen.

Bereits vor 20 Jahren entdeckten Forscher im Gehirn Rezeptoren, die auf "Cannabinoide" ansprechen, die Hanf-Wirkstoffe. Die Schlussfolgerung: Es muss also auch körpereigene Botenstoffe geben, die dem Cannabis aus der Pflanze sehr ähnlich sind und die im Körper eine wichtige Rolle spielen. Derzeit gehen Wissenschaftler davon aus, dass vor allem Gedächtnis, Appetit und Schmerzregulation durch dieses "Endocannabinoidsystem" gesteuert werden. Doch die Rezeptoren, die körpereigenes und auch körperfremdes Cannabis aufnehmen, verkümmern mit zunehmendem Alter, da die Ausschüttung der eigenen Botenstoffe nachlässt.

Training für das Nervensystem

Alles im Körper, was nicht regelmäßig trainiert wird, verkümmert - so auch die Rezeptoren, die unser Gedächtnis steuern. Stimuliert man die Rezeptoren regelmäßig mit zugeführtem Cannabis, könnte das ihren Verfall aufhalten, so die Hypothese. Versuche an Mäusen mit angezüchteten Alzheimer-Ablagerungen am Institut für Pathobiochemie der Universität Mainz zeigen jedenfalls deutlich, wie vielversprechend dieser Ansatz ist: Tiere, denen zusätzlich auf genetischem Weg das Cannabinoid-System entfernt worden ist, zeigen schlechtere Gedächtnisleistungen. Alzheimermäuse mit intakten Cannabis-Rezeptoren lernen schneller und können sich Wege besser merken. Das Paradoxe dabei ist, dass die Gehirne dieser Mäuse sogar mehr Plaque-Ablagerungen aufweisen als die Organe der Vergleichsgruppe.

Vielleicht sind es ja die alten Heilpflanzen Mariendistel und Hanf, die dank der Möglichkeiten der modernen Forschung den Patienten ihre Erinnerungen erhalten können.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 21.11.2012 16:43 Uhr