SENDETERMIN So, 09.09.12 | 17:00 Uhr

Teure Luft: Mogelpackungen

Das Röntgenbild zeigt die Luft in den Packungen der Babykekse.

In den Schachteln mit den Babykeksen befindet sich sehr viel Luft.

Welchen Umfang haben eigentlich 200 Gramm Spachtelmasse? Oder 150 Gramm Babykekse? 50 Milliliter Gesichtscreme? Kunden haben davon nur eine vage Vorstellung und orientieren sich bei ihrer Kaufentscheidung daher in erster Linie an der Verpackungsgröße. Das wissen die Hersteller natürlich und viele mogeln daher mit einem ganz simplen Trick: Sie machen die Verpackungen ihrer Produkte größer, als sie sein müssten. In der Spachteltube sind bis zu 40 Prozent Luft oder die Keks-Packung hat viel größere Ausmaße, als die 150 Gramm Babykekse tatsächlich bräuchten. Und die 50 Milliliter Kosmetik-Creme wird in einen doppelwandigen Tiegel gefüllt, dessen Größe in der Umverpackung auch noch von einem raffinierten Papp-Konstrukt "aufgeblasen" wird. Der Begriff Mogelpackung hat sich inzwischen auch unter Verbraucherschützern etwas verselbständigt. Im übertragenen Sinn wird er inzwischen für Angebote verwendet, hinter denen sich weniger oder anderer Inhalt verbirgt, als es den Anschein hat.

Auf Verbraucherschutz geeicht

Peter Schropp vom Eichamt in Fellbach entlarvt und sanktioniert von Berufs wegen solche Mogelpackungen. Die rechtliche Grundlage dafür ist das Eichgesetz §7, "Anforderungen an Fertigpackungen". Schropps Kernfrage lautet stets: Ist in einer Fertigpackung - gemessen an der Gesamtpackungsgröße - genügend Inhalt vorhanden oder wird der Verbraucher getäuscht? Eine Verpackung ist dann unzulässig, wenn die Füllmenge einer undurchsichtigen Fertigverpackung von dem Fassungsvermögen des Behälters um mehr als 30 Prozent abweicht - also wenn die Verpackung zu rund einem Drittel Luft enthält. Die Ausführungsbestimmungen dazu, also zum Beispiel Vorgaben, wie der jeweilige Inhalt zu bemessen ist, finden sich in der sogenannten Fertigpackungsverordnung.

Der Beamte mit dem Röntgenblick

Peter Schropp zeigt auf die Luft in der Tube - sichtbar im Röntgenbild.

Peter Schropp erkennt mit Hilfe eines Röntgenbildes, wie viel Luft wirklich in den Tuben ist.

Ein Kunde im Supermarkt entscheidet sich meist binnen weniger Sekunden, ob er etwas kauft oder nicht. Zeit sich die Packungen genauer anzuschauen, nimmt er sich meist nicht. Es hätte ja auch wenig Sinn: Denn er müsste undurchsichtige Verpackungen ja öffnen und prüfen, wie viel tatsächlich drin ist. Das gibt in der Regel Ärger, solange das Produkt noch nicht bezahlt ist. Peter Schropp ist da besser gerüstet und nutzt in kniffligen Fällen ein Röntgengerät. Das ermöglicht, was dem Kunden im Supermarkt verwehrt bleibt: den entlarvenden Blick ins Innere der ungeöffneten Verpackung.

Ausflucht oder Argument?

Bei Lebensmitteln wird seitens der Hersteller gern argumentiert, dass manche Produkte sich während des Transports in der Packung noch "zurechtrütteln" müssten, zum Beispiel Kekse oder Backpulver. Dafür bräuchten sie etwas mehr Platz. Das stimmt zwar grundsätzlich, doch wie viel Platz genau der Keks zum Rütteln braucht, das müssen manchmal Gerichte entscheiden. Denn Peter Schropp muss jeden Fall, den er für gesetzwidrig erklärt, mit einem Bußgeld versehen. Gerichte entscheiden im Zweifelsfall, ob der Hersteller tatsächlich mogelt und in welchem Umfang. Die verhängten Bußgelder können bis zu 10.000 Euro betragen, je nach Umsatz des Produktes. Oft einigt sich der Eichbeamte vorher mit dem Hersteller auf eine Veränderung des Verpackungsumfanges. Denn das ist Schropps Ziel: Mogelpackungen vom Markt weg zu bekommen, egal wie.

Einfallsreichtum für den schönen Schein

Verpackungskarton mit viel Papier und zwei kleinen Cremedosen

Damit es nicht klappert in einer wenig gefüllten Packung, wird mit Papier aufgefüllt.

Geht es bei Lebensmitteln meist nur um die überbordende Größe der Verpackung, ist es vor allem im Kosmetikbereich komplexer. Hier offenbaren sich zum Teil wahre Ingenieurskünste bei den Verpackungsdesignern: Da werden Pappstege eingebaut, damit kein Klappergeräusch entlarvt, dass in die Umverpackung locker zwei Tuben Pickelpaste hineingepasst hätten. Oder Creme-Tiegel werden auf zwei Zentimeter hohe Pappfalzkonstruktionen geklebt, damit sie nicht in die Tiefe der Packung purzeln. Andere Hersteller stopfen einfach Füllpapier in reinste "Pappkathedralen", an deren Boden sie immerhin zwei, wenn auch sehr kleine Cremetiegel verstecken. Bloß keine Klapperlaute entstehen lassen, denn die stören die Illusion des Kunden.

Mogelpackung für Fortgeschrittene

Auf der Verpackung einer Druckerpatrone steht ca. "190 Seiten".

Auf der Verpackung einer Druckerpatrone erfährt der Käufer nichts über die Menge an Tinte.

Ein Beispiel für die inhaltliche Erweiterung der Mogelpackung ist der Dreier-Pack von Fisherman’s Friend. Die gängigen Einzeltüten im Handel enthalten 25 Gramm Lutschpastillen. Die Einzeltüten eines Dreier-Packs aber nur jeweils 20 Gramm. Und so schrumpft mit der Packungsgröße auch gleich der Preisvorteil für den Kunden.

Der Gipfel der Mogelei sind für Peter Schropp Druckerpatronen. Viele Hersteller schreiben keine Mengenangabe auf die Verpackung, sondern geben an, wie viele Seiten der Kunde mit der Patrone ungefähr drucken kann. Eine recht abstrakte Angabe, findet der Eichbeamte. Zum einen bleibt sie im Ungefähren, dann hängt die Zahl auch noch davon ab, was der Kunde druckt. Eine Milliliter-Angabe wäre fairer. Denn beim Beispiel HP zeigt sich: Die Patronen sehen von außen gleichgroß auf, aber innen zeigen sie große Unterschiede. Die Tinte befindet sich in Schwämmen und die gibt es in diversen Größenvarianten in der immer gleichen Patronengröße. Nicht nur, dass der Verbraucher kaum wissen kann, wie viel in der Patrone steckt, ist es auch ein Umweltfrevel. Wo wesentlich mehr Tinte reingepasst hätte, wird mit Verpackungsmaterial verschwenderisch umgegangen. Und das eint viele Beispiele von Mogelpackungen: Denn nicht nur die Verbraucher werden getäuscht, es wird auch eine Menge Verpackungsmüll und Luft durch die Lande transportiert.

Autor: Julian Prahl (NDR)

Stand: 07.11.2012 19:35 Uhr