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Nahtod - was passiert im Körper?

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Nahtod - was passiert im Körper? | Video verfügbar bis 19.11.2017

Blick von oben auf eine Patientin im Bett, um sie herum Ärzte

Der Blick von außen auf sich selbst

Der Mensch besteht nicht nur aus seinem Körper - dieser Glaube bestimmt beinahe alle Religionen und Kulturen. Doch gibt es wirklich ein Bewusstsein außerhalb unseres materiellen Körpers, eine Seele? Die moderne Hirnforschung sagt nein. Viele Menschen aber, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, sind sich sicher: Sie haben ihren Körper verlassen.

Wenn aus Todesangst Frieden wird

 Ein dunkler Tunnel, an dessen Ende warmes Licht

Das Licht am Ende des Tunnels

Christine B. ist nur knapp dem Tod entronnen. Das war vor acht Jahren. Sie war hoch schwanger - nur noch eine Woche bis zum errechneten Geburtstermin - als sie plötzlich anfing, heftig zu bluten. Ihre Plazenta hatte sich vorzeitig gelöst. Sie musste so schnell wie möglich ins Krankenhaus, sonst würde sie in kürzester Zeit verbluten, dessen war sie sich bewusst: "Ich bin in dem Moment, wo ich gesehen habe, wie stark diese Blutungen waren, in große Todesangst gekommen, Panik, und die war wirklich übermächtig. Es war eine übermächtige Todesangst und mir wurde auch bewusst, ich sterbe jetzt." Auch der eintreffende Notarzt wusste: Ihr Leben hing am seidenen Faden.

Und dann schien der Kampf verloren: "Es gab dann einen Moment, wo ich gemerkt habe, dass ich nichts mehr machen kann, dass ich es nicht in der Hand habe. Und in dem Moment des Ergebens oder dieses Loslassens, da war es so: Mein ganzes Bewusstsein schoss über den Körper hinaus, und ich war plötzlich außerhalb des Körpers." Von außen nahm sie sich selbst wahr und wie die Ärzte im Krankenhaus weiterhin versuchten, ihr Leben zu retten.

Doch gleichzeitig geschah etwas ganz anderes. Etwas, das nur Christine B. wahrnehmen konnte: "Ich wurde gezogen durch diese Enge und am Ende dieser Enge oder dieses Tunnels, da war Licht. Es war sehr, sehr warm, aber sehr hell und gleichzeitig sehr wohlig und ich wollte da auch hin. Es war eine unglaublich schöne Erfahrung, unglaublich. Weil da war sehr viel Frieden, ein unendlicher Frieden, Stille und vor allem Liebe, bedingungslose Liebe, also was ganz Großes."

Erklärungsversuche der Hirnforscher

In einer sehr hellen Umgebung sind schemenhaft Menschen zu sehen.

Begegnung mit übersinnlichen Wesen

Von solchen Nahtoderlebnissen erzählen viele, die sich in Todesgefahr befanden. Neben dem Austreten aus dem Körper und der Tunnel-Licht-Erfahrung schildern Betroffene zum Teil auch Begegnungen mit Verstorbenen oder mit übersinnlichen Wesen. Manche sehen eine Art Lebensfilm mit Szenen des eigenen Lebens. Die Erfahrungen ähneln sich - unabhängig von Kultur oder Religion. Die Auslöser sind vielfältig. Einer davon ist Sauerstoffmangel. Auch Todesangst, ohne dass körperliche Todesgefahr besteht, oder auch Meditation können Nahtoderlebnisse auslösen. Unter Medikamenten- und Drogeneinfluss werden nicht so tiefe, aber ähnliche Erlebnisse beobachtet.

Doch was verbirgt sich hinter einer Nahtoderfahrung? Viele Betroffene glauben, dass ihr Bewusstsein - oder ihre Seele - den Körper verlassen hat. Ist das möglich? Der Neuropsychologe und Theologe Dr. Christian Hoppe von der Uniklinik Bonn hält das für unwahrscheinlich: "Wir gehen in der modernen Hirnforschung davon aus, dass alle geistig-seelischen Vermögen und Phänomene immer an Hirnfunktion gebunden sind. Das würde dann auch für die Nahtoderfahrung gelten, da werden ja Wahrnehmungen gemacht, Gefühle empfunden, Erinnerungen gebildet. Alles das stellen wir uns heute ausschließlich im Zusammenhang mit Hirnfunktionen vor."

Aber was genau passiert im Gehirn während einer Nahtoderfahrung? Genau weiß man das noch nicht. Wissenschaftler glauben, dass die Phänomene von Funktionsstörungen des Gehirns ausgelöst werden: Die Kommunikation zwischen den Nervenzellen funktioniert nicht mehr richtig. Das Gehirn gaukelt uns etwas vor, das tatsächlich nicht existiert. Aber warum ähneln sich die Erzählungen von Nahtoderfahrungen dann so sehr, über alle Zeiten, Länder und Kulturen hinweg? Und wie erklärt die Theorie der Hirnforscher eine außerkörperliche Erfahrung?

Außerkörperliche Erfahrungen - auf der Spur eines rätselhaften Phänomens

Ein Monitor in einem OP-Saal zeigt einen Apfel

Ist der Blick auf sich selbst wirklich eine außersinnliche Wahrnehmung?

Immer wieder beschreiben Patienten zum Beispiel nach einem Herzstillstand Gegenstände oder Vorgänge, die sie eigentlich nicht hätten sehen können. Denn die Augen der Patienten waren geschlossen und während einer tiefen Bewusstlosigkeit arbeitet das Gehirn nachweislich nicht. Wie lässt sich das erklären? Für den Neurologen Professor Wilfried Kuhn vom Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt bleibt das Phänomen rätselhaft: "Das ist aus neurobiologischer, wissenschaftlicher Sicht nicht zu erklären. Aus diesem Grunde muss ich schlussfolgern, dass es eine außersinnliche Wahrnehmung ist. Und diese außersinnliche Wahrnehmung ist durch die Neurobiologie letztlich nicht zu erklären, so dass man andere Wahrnehmungsformen annehmen muss."

Andere Wahrnehmungsformen - das hieße, es gäbe eine Art der Wahrnehmung außerhalb des Gehirns und außerhalb unseres Körpers. Der wissenschaftliche Beweis dafür fehlt allerdings, gibt Christian Hoppe zu bedenken: "Exakt in der Phase, wo das Gehirn nicht in der Lage ist, Bewusstsein zu tragen, sollten keine Erlebnisse möglich sein. Könnte man das nachweisen, diesen zeitlichen Zusammenhang, hätte man die Leitidee der modernen Hirnforschung in diesem Moment widerlegt."

Genau das versuchen britische Forscher seit einigen Jahren. Sie wollen beweisen, dass Menschen ihren Körper verlassen können. Auf einem Computermonitor in einem OP-Saal werden wechselnde Bilder in zufälliger Reihenfolge abgespielt. Die genauen Zeitpunkte der Bilder werden von den Forschern dokumentiert. Weder Ärzte noch Patienten wissen von diesem Monitor, denn sichtbar ist er nur von oben. Wenn auch nur ein Patient nach einer Bewusstlosigkeit von diesen Bildern erzählen könnte, dann wäre der Beweis für eine außerkörperliche Erfahrung erbracht. Noch allerdings ist die Studie nicht abgeschlossen, die bisherigen Ergebnisse sind unter Verschluss.

Das Leben danach

Doch unabhängig davon, was während einer Nahtoderfahrung geschieht: Das Erlebnis verändert die Menschen. So war es auch bei Christine B.. Sie fand nur schwer in das alte Leben zurück, sehnte sich nach diesem anderen, glückseligen Bewusstseinszustand. Und sie musste ein Trauma verarbeiten: Bei dem Unglück verlor sie ihr ungeborenes Kind. Angehörige und Psychologen konnten ihr nicht helfen. Halt fand sie erst in der Spiritualität und der Auseinandersetzung mit ihrer Nahtoderfahrung.

Ihr Leben änderte sich grundlegend: Sie begann, als Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem Hospiz zu arbeiten und machte eine Ausbildung zur spirituellen Therapeutin, um anderen Menschen zu helfen. Und sie selbst hat ihren Frieden gefunden: "Für mich ist es so, dass ich keine Angst mehr habe vor dem Tod. Was ich aber sehr viel schöner finde, dass ich keine Angst mehr vor dem Leben habe. Weil alles was kommt, darf da sein, und mit meinem Sohn ist es so, dass ich das Gefühl habe, er ist immer bei mir. Immer."

Autorin: Sylvie Kristan (HR)

Lesetipp
Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung
Pim van Lommel (Übersetzung von Bärbel Jänicke)
Patmos 2009, 6. Auflage 2011
456 Seiten, broschiert 16,95 Euro

Stand: 07.11.2014 11:51 Uhr

Sendetermin

So, 18.11.12 | 17:00 Uhr