SENDETERMIN So, 28.10.12 | 17:00 Uhr

Orthorexie: Krankhaft gesund

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Orthorexie: Krankhaft gesund  | Video verfügbar bis 28.10.2017
Gesunde Lebensmittel
Manche Menschen achten (zu) sehr auf gesunde Lebensmittel.

Sich gesund zu ernähren ist zweifellos ein guter und vernünftiger Vorsatz. Doch in einzelnen Fällen führt die Beschäftigung mit gesunden Lebensmitteln zur Obsession: Nahrung ist nicht länger "nur" Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt.

Beobachtet und beschrieben wurde die Sucht nach gesunden Lebensmitteln erstmals 1997 durch den amerikanischen Arzt Steven Bratman. Und er beobachtete sie nicht etwa nur bei einigen seiner Patienten, sondern auch bei sich selbst. Bratman, ein Alternativmediziner, arbeitete vor seiner Medizinkarriere als Koch in einer Öko-Kommune. Er beriet viele seiner Patienten in Ernährungsfragen und lebte selbst ebenfalls entsprechend seiner Ratschläge. Nach eigener Aussage glaubte er damals, dass die gesundheitliche Wirkung von Ernährung allgemeingültig und das Einhalten einer strengen, an Lebensmittelqualität ausgerichteten Diät uneingeschränkt gesundheitsförderlich und nebenwirkungsfrei sei.

Im Laufe der Zeit stellte er jedoch fest, dass seine Anforderungen an die eigene Ernährung immer extremer wurden. Gemüse zum Beispiel durfte nicht vor mehr als 15 Minuten im eigenen Garten geerntet sein; am liebsten aß er allein, um die nötige innere Ruhe für eine optimale Verdauung zu haben. Abweichungen von seinen Essregeln – zum Beispiel durch Einladungen zum Essen, denen er aus Höflichkeitsgründen nicht ausweichen konnte - empfand er als sündhaft und bestrafte sich durch selbst verordnetes Fasten. Der Gedanke an Essen - genauer: gesundes Essen - überlagerte alle anderen.

Was ist Orthorexie?

Frische Feigen auf dem Markt.
Nur gesunde Lebensmittel einkaufen: eine große Aufgabe

Diese Fixierung auf - vermeintlich - gesunde Ernährung nannte Bratman "Orthorexia nervosa", vom Griechischen orthos "richtig" und orexis "Appetit". Der Begriff lehnt sich nicht zufällig an den für Magersucht, "Anorexia nervosa" an. In beiden Fällen befassen sich die Betroffenen ausgiebig mit ihrer Ernährung - bei der Anorexie mit der Menge beziehungsweise dem Kaloriengehalt, bei der Orthorexie mit der Qualität der Lebensmittel.

Doch Achtung: Nicht jeder, der sich bewusst ernährt, läuft damit automatisch Gefahr zum Orthorektiker zu werden. Dr. Bernhard Osen, Chefarzt für psychosomatische Medizin an der Schön-Klinik Bad Bramstedt, definiert die krankhafte Ausprägung so: "Orthorexie ist ein unflexibles, ein zwanghaftes Essverhalten, das sich vor allem an gesunden Lebensmitteln orientiert. Die Betroffenen versuchen in übertriebener Art und Weise vermeintlich ungesunde oder schädliche Lebensmittel zu vermeiden. Und dabei kann diese Idee, gesund essen zu müssen, ein so hohes Ausmaß annehmen, dass andere wichtige Lebensbereiche, wie etwa soziale Kontakte, vernachlässigt werden."

Gründe und Ursachen

Eine Frau steht vor einem Spiegel.
Eine Essensumstellung aufgrund einer Hautkrankheit: ein möglicher Auslöser für Orthorexie?

Das auslösende Moment für die intensive Beschäftigung mit der eigenen Ernährung ist nicht einheitlich. Es gibt Fälle, in denen eine bestehende Unverträglichkeit oder eine Allergie gegen bestimmte Nahrungsbestandteile dazu führte, ebenso wie solche, bei denen etwa die Aufdeckung eines Lebensmittelskandals oder Berichte über tierquälerische Massentierhaltung der Startpunkt waren. Auch welche Lebensmittel und Zubereitungsmethoden noch als akzeptabel angesehen werden, kann sehr unterschiedlich beurteilt werden. Man könnte sagen: Orthorexie ist ein Weltbild mit vielen Konfessionen. Gemeinsam ist allen Orthorektikern allerdings die unbedingte Konsequenz, mit der sie ihren neuen Ernährungsstil pflegen, und ihr Selbstbild:

"Die Betroffenen haben ein Gefühl von Reinheit", sagt Bernhard Osen, "aber auch ein Gefühl von Selbstkontrolle. Das gibt Sicherheit und das steigert auch das Selbstwertgefühl." Besonders anfällig für das Umkippen ins Obsessive sind daher oft Menschen, die ansonsten zu Unsicherheit und Selbstzweifeln neigen.

Essen als Religion

Ein Schild in einer Kantine.
Woher kommt das Essen in der Kantine?

Problematisch wird es, wenn der Wunsch nach Kontrolle umschlägt in einen Zwang zur Kontrolle: Essen in Restaurants etwa wird für die Betroffenen unmöglich, weil sie dort nicht ausreichend Einfluss auf Art, Herkunft und Zubereitung der Zutaten haben. Auch Feiern oder Treffen im Freundeskreis, bei denen vielleicht von anderen zubereitete Speisen serviert würden, werden um jeden Preis gemieden. Die Planung und Organisation der eigenen Mahlzeiten nimmt immer mehr Zeit und Raum in den Gedanken der Orthorektiker ein.

Osen vergleicht ihr Verhalten mit dem extrem religiöser Menschen: "Orthorektiker haben strenge Regeln, nach denen sie essen müssen, und sie sind überzeugt davon, dass das, was sie tun, das einzig Richtige ist. Das führt dann auch dazu, dass sie andere Menschen in ihrem Sinne überzeugen wollen. Sie entwickeln quasi einen missionarischen Eifer und möchten andere dazu bringen, dass sie sich den gleichen strengen Essensregeln unterwerfen." Die Kontakte zu Nicht-Gesund-Essern werden weniger und weniger, der Orthorektiker isoliert sich gesellschaftlich.

Zwang oder Essstörung?

Obwohl das Verhalten von Orthorektikern durchaus Parallelen zu Zwangsstörungen zeigt - insbesondere, was die Rigorosität der Verhaltensmuster angeht - gibt es einen entscheidenden Unterschied: Patienten, die an einer Zwangsstörung leiden, empfinden ihren Zwang als fremdartig. Sie wissen, dass ihr Verhalten unsinnig ist, sie können aber nicht anders. Orthorektiker hingegen sind überzeugt, ihr Verhalten sei richtig und ohne Alternative.

Orthorexie wird daher in der Regel als Essstörung behandelt, oft in gemeinsamen Therapiegruppen mit Anorektikern. Reine Orthorexie-Patienten sind in der Therapie eher selten. Orthorektiker empfinden ihr Verhalten oft erst dann als behandlungsbedürftig, wenn sie durch ihre stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl Mangel- oder Unterernährungssymptome zeigen oder in die Anorexie übertreten. Orthorektisches Verhalten tritt umgekehrt gelegentlich auch bei ehemaligen Anorektikern auf, die eine Kontrolle (Quantität) gegen eine andere (Qualität) eintauschen.

Der lange Weg zurück

Die Behandlung beginnt in der Regel mit einer mehrwöchigen stationären Therapie. In manchen Fällen schließt daran ein längerer Aufenthalt in einer therapeutischen Wohngemeinschaft an.

In der Therapie werden die Patienten zum einen durch Übungen an ein normales, entspannteres Verhältnis zum Essen heran geführt, zum anderen wird nach den Auslösern und tiefer liegenden Ursachen ihres Verhaltens gesucht - Lebensunzufriedenheit, Unsicherheiten - und diese werden psychotherapeutisch behandelt.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 18.01.2013 15:50 Uhr