SENDETERMIN So, 23.09.12 | 17:00 Uhr

Ein Meer aus Plastik

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Ein Meer aus Plastik | Video verfügbar bis 22.09.2017

Eine Insel mit Müllrand

Plastikmüll am Strand
Plastikmüll am Strand von Mellum

Etwa zehn Kilometer nördlich von Wilhelmshaven liegt die kleine Nordseeinsel Mellum. Ein flaches Eiland auf dem nur ein einziges Haus und ein Vogelbeobachtungsturm stehen. Es gibt nicht einmal fließend Wasser. Dafür aber reichlich am Strand angeschwemmte Dosen, Plastikbecher, Reste von Kunststoffnetzen, Styropor-Teile und vieles mehr. Bis auf ein paar Forscher, die regelmäßig hierher kommen, ist die Insel menschenleer. Es gibt keine Touristen, keine Kurverwaltung und vor allem niemanden, der den angeschwemmten Müll entsorgt. Und das macht Mellum zu einem einzigartigen Indikator für die Verschmutzung der Nordsee. Seit 25 Jahren zählt und kategorisiert hier der "Mellumrat", die ehrenamtliche Inselverwaltung, angespülte Müllteile. Jede Woche auf drei festgelegten Zählstrecken von jeweils 100 Metern. Alles andere wäre allein mit ehrenamtlichen Helfern gar nicht zu leisten. Denn Mellum erstickt im Müll.

Erschreckende Bilanz

Ein zum Teil verrotteter Plastikkanister im Sand
Plastik verrottet sehr langsam.

Mittlerweile haben die Wissenschaftler 54.000 Fundstücke in ihre Datenbank eingepflegt. Die Daten sind bei Forschern und Politikern gleichermaßen begehrt. Denn sie liefern Hinweise darauf, wie sich die Verschmutzung der Meere im Laufe der Zeit entwickelt hat. Und ob schärfere Umweltauflagen oder die Einführung von Flaschen- und Dosenpfand etwas bewirkt haben. Resümee des Mellumrates: Die Zahl der angeschwemmten Müllmengen hat nicht abgenommen. Und der Plastikanteil ist sogar gestiegen. 80 bis 90 Prozent des heute angespülten Mülls besteht aus Plastik, das nur extrem langsam verrottet.

Tödliches Plastik

Animation eines Plastikteilchens, das Weichmacher abgibt.
Aus einigen Plastikteilchen entweichen Weichmacher.

Die Plastikteilchen im Meer haben verschiedene Auswirkungen auf die Umwelt. Größere Teile werden zum Beispiel von Fischen, Seehunden oder Vögeln mit Nahrung verwechselt und gefressen. Die Tiere verhungern trotz vollen Magens, verenden an Darmverschluss oder ersticken qualvoll in Netzresten. Darüber hinaus kann Plastik den Hormonhaushalt der Meeresbewohner stören: Viele Kunststoffe beinhalten Weichmacher, damit sie elastisch werden. Diese lösen sich kontinuierlich heraus und gelangen nach und nach ins Wasser. Das Problem ist, dass Weichmacher auf viele Lebewesen ähnlich wie Hormone wirken. Das hat zum Teil drastische Folgen: Weltweit sind bereits rund 150 Meeresschneckenarten ausgestorben. Die Weichmacher haben bei ihnen dazu geführt, dass die weiblichen Schnecken vermännlichten. Und ohne fruchtbare Weibchen gab es keine Fortpflanzung. Ähnliche Phänomene wurden bereits bei einigen Fischarten beobachtet. Hier führen hormonähnliche Substanzen im Wasser zwar dazu, dass sich aus den Fischeiern nur weibliche Tiere entwickeln. Die Konsequenz aber ist die gleiche.

Schadstoffmagnet Plastik

Plastikteile und eine Getränkedose mit asiatischen Schriftzeichen liegen am Strand
Der Müll kommt aus aller Welt.

Ein weiteres Problem ist die wasserabweisende Oberfläche der Plastikpartikel. Denn an ihr reichern sich Umweltgifte wie DDT, PCB und andere wasserunlösliche Substanzen an. Folge: Die Plastikteile schwimmen wie kleine Sondermülltransporter durch die Ozeane und werden irgendwann von Fischen, Wattwürmern oder Austern aufgenommen. Im Magen der Meeresbewohner ist das chemische Milieu saurer als im Wasser. Dadurch löst sich die giftige Fracht vom Plastik und lagert sich im Körper ein. Die steigende Konzentration der Schadstoffe in der Nahrungskette beginnt.

Das Gefahrenpotenzial von Plastik im Wasser hängt unter anderem von dessen Partikelgröße ab. Je kleiner die Teilchen, desto "besser" die Verteilung im Ökosystem und leichter die Aufnahme durch Plankton und Muscheln. Außerdem haben Mikropartikel deutlich mehr Oberfläche im Verhältnis zur Masse als große Teile. Es können sich also mehr Schadstoffe aus dem Wasser anlagern, gleichzeitig gelangen über die verhältnismäßig große Oberfläche Weichmacher besonders schnell in das Wasser.

Plastikmüll aus Pullis und Tuben

In ein Gefäß wird Wasser gekippt.
In dem Wasser finden sich viele mikroskopisch kleine Plastikkügelchen.

Wissenschaftler der Universität Oldenburg erforschen derzeit die Verschmutzung von geklärten Abwässern durch Plastik-Mikropartikel - mit alarmierenden Ergebnissen: Circa 80 Prozent der gefundenen Plastikfasern und fast 100 Prozent des kugelförmigen Plastikmaterials kommen aus den Abflüssen deutscher Haushalte. Die länglichen Fasern, die die Forscher in ihren Proben gefunden haben, stammen fast alle aus Waschmaschinen, genauer gesagt aus Fleecepullis oder anderen Kunstfaser-Textilien. Britische Wissenschaftler haben bei Versuchen festgestellt, dass pro Wäschestück und Waschgang bis zu 1.900 Mikrofasern ins Abwasser gespült werden.

Die Quelle der kugelförmigen Plastikpartikel sind vor allem Duschgels, Peelings und Zahncremes. Denn deren Hersteller mischen ihren Produkten feines Plastikgranulat als Schmirgelstoff bei. Das Mikroplastik soll helfen, Zahnstein oder Hautschuppen abzureiben.

Plastikströme Richtung Meer

Plastikkügelchen auf der Hand eines Wissenschaftlers
So viel Plastik kann in einer Tube medizinischer Zahnpasta enthalten sein.

Die Partikel mögen klein sein, dafür sind sie extrem zahlreich. Die Forscher der Universität Oldenburg haben in einigen Zahncremes einen Gewichtsanteil von bis zu drei Prozent Plastik festgestellt. In Peelings waren es sogar bis zu sieben Prozent. Ihr Anteil am Gesamtvolumen wurde nicht ausgewertet. Aber er dürfte noch wesentlich höher sein, denn die Plastikpartikel sind vergleichsweise leicht.

Das Mikroplastik aus den Haushalten landet mit dem Abwasser in der Kanalisation. Es passiert die Filter der Kläranlagen nahezu problemlos, denn so feine Partikel können nicht zurückgehalten werden. Am Ende landet der größte Teil des Mikroplastiks daher im Meer. Der Weg in die Nahrungskette beginnt. Über Meeresfrüchte landet das Plastik irgendwann auch wieder bei uns - inklusive der Schadstoffe.

Und es passiert (fast) nichts

Seit 1988 ist die Entsorgung von Plastik im Meer international verboten. Wissenschaftliche Erhebungen, wie zum Beispiel die auf Mellum, zeigen, dass das Verbot wenig gebracht hat. Es wird einfach nicht ausreichend kontrolliert und sanktioniert. Beim Mikromüll aus Textilien und Kosmetika gibt es nicht einmal Regelungen. Die Umweltverschmutzung aus dieser Quelle ließe sich über die Hersteller und entsprechende Verbote problemlos verhindern. Doch bislang ist die Verwendung von Mikroplastik in Zahncremes, Peelings etc. völlig legal. Das Umweltbundesamt hat im Mai dieses Jahres auf die Problematik von Mikroplastik aus Kosmetika und Textilien hingewiesen. Doch bislang gibt es keinerlei politische Initiative, dieses Thema anzugehen. Mikroplastik ist mit bloßem Auge nicht sichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn ...

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 31.10.2014 14:39 Uhr