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Pferde wie der Dressurhengst Totilas können nicht von jedermann geritten werden.
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Als der Mensch vor etwa 5.000 Jahren begann, wilde Pferde zu zähmen, interessierte ihn natürlich hauptsächlich, wie er das Pferd am besten für sich nutzbar machen konnte. Er brauchte gehorsame Arbeitstiere und züchtete die Tiere mit diesem Ziel. Doch Mitte des letzten Jahrhunderts wurden Pferde zumindest in der westlichen Welt als Nutztiere fast überflüssig, ihr Hauptzweck wurde der Sport. Das veränderte die Zucht: Edle Pferde, die möglichst schnell laufen, hoch springen oder besonders für die anspruchsvolle Dressur geeignet sind, wurden zum erklärten Zuchtziel.
An diesen Zielen hat sich bis heute nicht viel geändert. Dabei sind die Kunden der Pferdezüchter heute nicht mehr hauptsächlich Profis und Hochleistungssportler, sondern vor allem Freizeitreiter. Immer mehr Menschen steigen am Feierabend in den Sattel und wollen nur zum Vergnügen ein wenig reiten. Das Problem: Pferde, die für diese Ansprüche ideal wären, sind nie gezielt gezüchtet worden. So landen Freizeitreiter häufig auf Pferden, die eigentlich für den Hochleistungssport vorgesehen waren. Diese Pferde sind oft nervös, manche übernervös oder sogar verhaltensauffällig. Freizeitpferde, die umgänglich, robust und leicht zu reiten sind, fehlen auf dem Markt der deutschen Reitpferde.
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Reiten ist gefährlich.
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Etwa 1,6 bis 1,7 Millionen Menschen in Deutschland betreiben regelmäßig Pferdesport, das heißt sie reiten, fahren mit der Kutsche oder voltigieren. Das ergab eine Studie des Marktforschungsinstitutes Ipsos in den Jahren 2001 und 2002. Weitere 1,1 Millionen Menschen würden gerne reiten. Im Jahr 2011 wurden in Deutschland auf Auktionen der Zuchtverbände fast 3.000 Pferde und Ponys zu einem Durchschnittspreis von knapp 15.000 Euro verkauft. Die Reiterschaft wächst - dabei steigt das Risiko, und zwar nicht nur für Reiter, sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer auf öffentlichen Straßen und Wegen. Immer wieder kollidieren ausgebrochene Pferde mit Autos, aber auch Reitunfälle häufen sich. Schätzungen von Versicherungen zufolge geschehen etwa 40.000 Reitunfälle pro Jahr, durchschnittlich zwölf davon enden für den Reiter tödlich.
In der Sportunfallstatistik der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) aus dem Jahr 2000 steht Reiten noch vor dem Skisport an vierter Stelle - nach Fußball (Platz 1), Hand-,Volley-, Basketball (Platz 2) und Inlineskaten, Skateboard, Kickboard (Platz 3).
Viele Unfälle wären vermeidbar, wenn sich die Reiter besser auf das Fluchttier Pferd und sein typisches Verhalten einstellen würden und besser geschult wären. Doch Unfälle geschehen auch, weil manche Pferde übernervös sind und bislang bei der Zucht auf Eigenschaften wie Gelassenheit und Coolness kaum Wert gelegt wurde.
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Ein deutsches Reitpferd wird prämiert.
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Prüfungen, um die Gelassenheit von Pferden zu üben und zu testen, gibt es bereits: die sogenannten Gelassenheitsprüfungen (GHP). Doch wenn Pferde daraufhin begutachtet werden, ob sie für die Zucht geeignet sind, spielt das Verhalten bislang eine untergeordnete Rolle. Hengste und Stuten, die zur Zucht eingesetzt werden sollen, werden in verschiedenen Prüfungen getestet. Von Richtern werden ihr Körperbau sowie ihre Bewegungen im Schritt, Trab und Galopp benotet. Auch ihre Veranlagung zum Springen, ihre Rittigkeit - also wie gut sie sich reiten lassen - und der gesamte Bewegungsablauf werden bewertet. All das zählt zum sogenannten Exterieur des Tieres. Darüber hinaus sollen auch die "inneren" Eigenschaften wie Charakter und Temperament benotet werden, das sogenannte Interieur. Das übernehmen die Vorprüfer, die mit den Pferden einige Tage beziehungsweise Wochen lang zu tun haben.
Doch Kritiker wie Ulrich Geuder von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) monieren, dass die Bewertung des Interieurs einen zu geringen Stellenwert habe und objektive Kriterien fehlten. So bekommen fast alle Pferde sehr gute Noten, denn niemand verteilt gern schlechte. Das Problem: Solche Noten haben keinerlei Aussagekraft. Für die Zucht sind sie also wertlos.
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Der Tunnel ist eines der Hindernisse im Parcour von Patricia Graf.
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Pferdeexperten wollen jetzt erreichen, dass das Verhalten der Pferde in der deutschen Pferdezucht endlich eine Rolle spielt. Das Ziel: Umgängliche, psychisch robuste, für jedermann reitbare Pferde. Solche Pferde sind nicht nur für Freizeitreiter interessant. Auch Profis schätzen es, wenn ihre Pferde weniger schwierig und damit leichter trainierbar sind.
Patricia Graf hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit in der Abteilung für Nutztierwissenschaften an der Uni Göttingen einen solchen Verhaltenstest entwickelt. Dabei müssen junge Pferde auf dem Reitplatz im Schritt einen Hindernisparcours durchlaufen. Dieser besteht aus einem liegenden blauen Petziball, aus einem rotem Petziball, der auf das Pferd zurollt, einer blauen Matte, über die das Pferd gehen muss und einer Art Tunnel aus mehreren Pilonen. Patricia Graf hat damit bereits 1.028 Pferde getestet. Sie achtet dabei auf diverse Parameter, etwa wie das Pferd auf die verschiedenen Stimuli reagiert, wie heftig die Reaktion ist, wie schnell sich das Pferd wieder beruhigt und wie stark es sich von seinem Reiter lenken lässt und diesem vertraut.
Der Parcours ist nicht schwierig und auch für nervösere Pferde machbar. Heftigere Stimuli wie zum Beispiel ein Rappelsack mit leeren Metalldosen wurden anfangs getestet, haben sich aber als zu schwierig und letztendlich als überflüssig erwiesen. Denn bereits an kleinen Reaktionen kann Patricia Graf das Verhalten des Pferdes analysieren. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt davon, dass dieser oder ähnliche Tests dringend in die Zuchtbeurteilungen mitaufgenommen werden sollten. Denn nur so können in Deutschland auf Dauer coolere, gelassenere Pferde gezüchtet werden und das Reiten für jedermann weniger gefährlich werden.
Autorin: Susanne Delonge (BR)
Info-Box: Literatur:
Interieurmerkmale für die Zuchtwertschätzung
P.Graf, U.König von Borstel, M.Gauly
in: Göttinger Pferdetage `11, Herausgeber: Prof. Dr.Dr. Matthias Gauly und Dr. Uta König von Borstel, Georg-August-Universität Göttingen
Zuchtwertschätzung. Was bieten wir den Züchtern an?
Dr. Ludwig Christmann, Hannoveraner Verband e.V.
in: Göttinger Pferdetage `11, Herausgeber: Prof. Dr.Dr. Matthias Gauly und Dr. Uta König von Borstel, Georg-August-Universität Göttingen
Zuchtwertschätzung. Wie nutzen die Züchter sie?
Ulrich Geuder
in: Göttinger Pferdetage `11, Herausgeber: Prof. Dr.Dr. Matthias Gauly und Dr. Uta König von Borstel, Georg-August-Universität Göttingen
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 05.08.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.