SENDETERMIN So, 14.10.12 | 17:00 Uhr

Aufs Kreuz gelegt: Die überflüssige OP

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Aufs Kreuz gelegt: Die überflüssige OP | Video verfügbar bis 13.10.2017
Ärzte im OP-Saal
Ist eine Rücken-OP immer sinnvoll?

Vor allen anderen Leiden ist der Rückenschmerz das Volksleiden Nummer eins. Kein zweites Leiden nervt derart - und keines gibt so viele Rätsel auf. In 90 Prozent der Fälle ist alles nach drei Monaten auf wundersame Weise wieder verschwunden. Nur bei jedem zehnten Betroffenen wird die Pein zur Dauerqual. Dann toben sich in Deutschland Orthopäden, Radiologen und Chirurgen aus. Die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule ist in den vergangenen Jahren auf immer neue Rekordmarken gestiegen. Mittlerweile kommen hierzulande mehr als 160.000 Rücken unters Messer - jedes Jahr. Doch wie notwendig ist das?

Jeder Bandscheibenvorfall ist individuell

Grafik zeigt eine geschädigte Bandscheibe
Geschädigte Bandscheibe: Immer Ursache von Rückenschmerzen?

Dass Sabine H. heute wieder Tennisspielen kann, ist aus Sicht vieler Mediziner ein Wunder. Vor drei Jahren schießt der 35-Jährigen ein schrecklicher Schmerz in den Rücken. Über Wochen wird das Gehen zur Qual. Die Diagnose: schwerer Bandscheibenvorfall am 4. Lendenwirbel. Sie beschrieb ihren Zustand wie so viele Patienten "Man wird wirklich ein bisserl depressiv. Weil man sich denkt, das kann nicht sein, dass ich nichts mehr machen kann, auch keinen Sport mehr. Ich hatte einmal diesen Einbruch. Da konnte ich nicht gehen, nicht aus dem Auto aussteigen, gar nichts mehr." Alle Stöße auf Körper und Wirbelsäule müssen die Bandscheiben abfedern. Dabei bestehen sie nur aus Knorpeln mit hohem Wassergehalt. Innen weich sind die Bandscheiben von einem festen Faserring umschlossen. Wenn dieser Ring gesprengt wird, drückt es auf den Nerv. Je stärker der Austritt der Bandscheibe, desto stärker wird der Nerv abgeklemmt - deswegen konnte Sabine H. kaum noch gehen. Nach Röntgen und Kernspin waren die ersten Diagnosen vernichtend: Die OP sei unausweichlich. Zu viel Bandscheibenmaterial sei ausgetreten, zu groß das Risiko, dass der Nerv dauerhaft geschädigt wird.

Doch Fakt ist: In Deutschland wird zu viel operiert. Über 90 Prozent der Bandscheiben-OPs sind überflüssig, so aktuelle Studien. Doch Operationen sind ein gutes Geschäft. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Operationen an der Wirbelsäule mehr als verdoppelt. Doch diese Operationswut ist weitgehend sinnlos oder gar schädlich, wie sich aus zahlreichen Studien ergibt: In den meisten Fällen helfen Eingriffe an Bandscheiben nicht besser als konservative Behandlungen wie Krankengymnastik oder Schmerzmittel. Mindestens 40 Prozent aller Eingriffe an der Wirbelsäule gelten Experten zufolge als überflüssig. Dass viele deutsche Rückendoktoren dennoch häufiger schneiden als je zuvor, liegt vermutlich auch an der Gutgläubigkeit und Verführbarkeit etlicher Patienten.

Die Operationsspirale

Arzt deutet auf das CT einer Wirbelsäule
CT-und Röntgenbilder helfen nur bedingt.

Misstrauisch geworden, wandte sich Sabine an weitere Ärzte. Für Dr. Degwert aus München sind die Risiken einer OP sind nur schwer kalkulierbar. "OPs sind häufig überflüssig meines Erachtens, weil es sehr schwierig ist, den Schmerz überhaupt zuzuordnen. Oft ist es so, dass nicht die Bandscheiben die Hauptproblematik verursachen oder veranstalten. Man hat auch auf der anderen Seite konservative Therapien, die Möglichkeiten bieten, die man auch ausschöpfen sollte!" Dr. Degwert weiß aber auch: "Patienten sind ungeduldig. Die Operation steht bei ihnen im Ruf, alles schnell wegzumachen, auch wenn dies gar nicht stimmt." Denn an den Bandscheiben liegt es kaum, wie Reihenuntersuchungen im Kernspin-Tomographen bewiesen haben. Menschen mit vorgewölbten und vorgefallenen Bandscheiben können vollständig unterschiedliche Leben führen: Der eine muss ständig Schmerzmittel schlucken, der andere springt morgens schmerzfrei aus dem Bett. Weniger als fünf Prozent der Beschwerden kommen von den Bandscheiben selbst. Auch moderne Technik wie CT und Röntgenbilder helfen nicht unbedingt. Im Gegenteil: In ihrer angeblichen Eindeutigkeit schüren sie die Angst des Patienten und verstärken die Tendenz zu immer mehr Operationen.

Erstaunliches haben etwa Mediziner in der Schweiz entdeckt, als sie 46 erwachsene Menschen über einen längeren Zeitraum begleiteten. Den Versuchspersonen tat der Rücken anfangs gar nicht weh, aber Kernspin-Untersuchungen ergaben: 73 Prozent von ihnen hatten verschlissene Bandscheiben. Fünf Jahre später untersuchten die Mediziner die Probanden erneut. Mehr als 41 Prozent von ihnen hatten in der Zwischenzeit Rückenschmerzen gehabt - was ziemlich genau der Rate der normalen Bevölkerung entspricht. Die Übrigen hingegen waren beschwerdefrei. Die Mediziner stießen dabei auf einen bemerkenswerten Zusammenhang: Es war nicht der Bandscheibenverschleiß, der darüber entschied, wem das Kreuz schmerzte und wem nicht. Vielmehr gab es offenbar eine andere Erklärung: Je unzufriedener sich ein Mensch an seinem Arbeitsplatz fühlte, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass er unter Rückenschmerzen litt. Die Ursachen: Rund 40 Prozent der Bundesbürger, das zeigen neuste Umfragen, fühlen sich von der Arbeit überfordert und im Leben gestresst. Dieses seelische Ausbrennen ist nicht nur Vorstufe einer Depression, sondern es kann auch den Körper krank machen. Als Folge psychischer Überforderung macht der Rücken dicht: Muskeln verkrampfen, verspannen und verhärten - Ischias, steifer Nacken und Hexenschuss können Ausdruck seelischer Erschöpfung sein. Kurzum: Der Rückenschmerz beginnt auch im Kopf.

Training statt OP

Anzeige eines Traininggerätes
Mit einem speziellen Trainingsgerät können die tiefsitzenden Rückenmuskeln gestärkt werden.

Sabine H. half nur Disziplin und Hightech. Eine 60.000 Euro teure, computergesteuerte Maschine und der Sporttherapeut Bernd Sigl sind in den nächsten Monaten ihre ständigen Begleiter. Der Sporttherapeut hat genaue Vorstellungen: "Das Entscheidende der Maschine ist es, dass sie die kleinen tiefsitzenden Muskeln in der Lendenwirbelsäule kräftigt, ohne dass man hier die großen Gesäß- und Beinmuskeln einsetzen kann. Die normalen Fitnessgeräte kräftigen nur diese Muskeln. Wir können sie sozusagen wissenschaftlich ausschalten und die kleinen Rückenmuskeln isoliert trainieren." Nur mit einer starken Muskulatur kann der Rücken gestützt und unterstützt werden. Für Sabine war das Training am Anfang oft schmerzhaft. Doch ein großer Fehler bei einem Bandscheibenvorfall ist es, zu wenig zu trainieren oder zu spät in die Therapie einzusteigen. Denn die Unsicherheit um die Gesundheit schlägt nicht nur auf die Psyche.

Die Folgeschäden einer OP am Rücken werden oft unterschätzt. Gelkissen oder Prothesen können die komplizierte Architektur eine Bandscheibe nicht ersetzen. Versteifungen zwischen zwei Wirbeln bringen häufig den ganzen Bewegungsapparat aus dem Gleichgewicht. Die Folgeschäden der Eingriffe sind fatal und langwierig, manchmal nicht mehr zu beheben oder rückgängig zu machen.

Wann operieren?

Dr. Degwert rät nicht nur Sabine H. von einer OP ab, sondern weit über 90 Prozent seiner Patienten - denn oft liegt keiner der drei Faktoren vor, die einen Eingriff unbedingt notwendig machen. "Das eine ist der Patient, der sagt ich halte den Schmerz nicht mehr aus, das ist für mich unerträglich und es ist so und so viel schon gemacht worden. Das zweite ist das neurologisch untersucht wird und gewisse Defizite vor allem motorisch vorliegen, gefühllose Beine oder Arme zum Beispiel. Und das dritte ist eine etwas seltene Symptomatik oder Problematik, das sogenannte Kauder-Ssyndrom, das heißt, dass man Blasen- und Darmstörungen hat."

Sabine H. ist heilfroh, dass sie sich gegen eine Operation entschieden hat. Sie ist seit Monaten schmerzfrei. Doch ihr Leben lang wird sie nicht nur einzelne Muskeln trainieren müssen, sondern immer ganze Muskelketten. Denn Bauch-, Nacken-, Schulter- und Fußmuskulatur sind eng miteinander verbunden. Auch Beweglichkeit ist ein wichtiger Baustein, um endlich wieder schmerzfrei zu leben.

Autor: Florian Guthknecht (BR)

Stand: 07.11.2012 18:40 Uhr

Sendetermin

So, 14.10.12 | 17:00 Uhr