SENDETERMIN So, 07.10.12 | 17:00 Uhr

Gefährlicher Trip: Schlafwandeln

Gefährlicher Trip: Schlafwandeln | Video verfügbar bis 06.10.2017
Ein Mann steht auf einem Sofa, eine Frau davor.
Timo bekommt von seinen Anfällen nichts mit.

Schlafwandeln - davon haben wir heute immer noch die Vorstellung, dass Menschen mit ausgestreckten Armen und gemessenem Schritt in der Nacht umherlaufen. Diese Bilder haben wir schon oft gesehen, aber Schlafwandeln sieht ganz anders aus und kann für die Betroffenen zum 'Albtraum' werden.

Es ist ein ruhiger Sonntag. Timo und Melli S. sind auf dem Sofa eingeschlafen. Melli S. erzählt uns im Interview: "Es war später Nachmittag, ich bin aufgewacht und leise aufgestanden. Anscheinend hat das bei Timo etwas ausgelöst, er ist erschrocken, aufgesprungen und hat geschrien: 'Hilfe, Hilfe, lasst mich raus!' und hat mit den Fäusten um sich geschlagen. Ich bin zu Tode erschrocken." Timo selbst bekommt von all dem nichts mit. "Ich hab erst etwas mitbekommen, als meine Frau mich wieder aufgeweckt hat. Von dem Ganzen, was davor passiert ist, hab ich rein gar nichts gemerkt."

Selbst ein Sturz in einen Spiegel weckt ihn nicht auf

Ein Auge
Der starre Blick ist typisch bei Schlafwandlern.

Einige Wochen später häufen sich plötzlich die Anfälle. Timo bekommt sie jetzt immer nachts. "Er liegt dann einfach da und ist angespannt. Und dann schreckt er auf und reißt die Augen auf", erzählt Melli. Timo spricht sogar, doch wach ist er offensichtlich nicht. Ein paar Wochen später spitzt sich die Situation weiter zu. "Ich war im siebten oder achten Monat schwanger", erzählt Melli, "irgendwann nachts bin ich aufgestanden und bin zur Tür. In dem Moment, wo ich aus dem Bett aufstehe und an der Tür stehe, springt er auf, springt in einem Salto mit allen Vieren auf meine Bettseite. Hätte ich noch da gelegen, wäre er auf mich gesprungen. Dann hat er sich zweimal richtig überschlagen und ist in den Spiegel gefallen. Er lag dann blutend in den Scherben und ist nicht zu sich gekommen. Das war richtig furchtbar."

Melli versucht ihn aufzuwecken, doch er reagiert nicht auf sie. Schließlich schafft sie es, doch Timo hat wieder keinerlei Erinnerung an das Geschehen. Er ist erschrocken, nicht nur über das Blut und die Schnittwunden: "Wenn ich mir überlege, dass meine Frau im Bett gelegen hätte, im achten Monat schwanger, dann hätten wir heute kein Kind."

Schlafwandeln kann durch unterbrochene Schlafphasen ausgelöst werden

Ein Mann liegt verkabelt im Schlaflabor
Unterbrochene Schlafphasen können Schlafwandeln auslösen.

Der Schock sitzt tief. Timo will jetzt endlich Klarheit! Woher kommen seine nächtlichen Anfälle? Er sucht Hilfe in einer schlafmedizinischen Klinik, der Hephata-Klinik in Schwalmstadt in Hessen. Dort wird er im Schlaflabor untersucht. Mehrere Nächte muss er bleiben. Die Ärzte vermuten: Timo ist Schlafwandler. Doch was passiert beim Schlafwandeln eigentlich? Im Schlaf ist der größte Teil des Gehirns im Ruhezustand. Nur Klein- und Stammhirn sind aktiv und steuern die lebenswichtigen Funktionen wie Atmung und Herzschlag. Bei Schlafwandlern wird das Gehirn plötzlich aktiv, allerdings nur in den Bereichen, in denen Bewegung gesteuert wird. Dabei sind die Schlafwandler trotzdem im Tiefschlaf. Etwa fünf Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Bei Timo hat das Schlafwandeln im Alter von 27 Jahren angefangen. Aber wie kommt es überhaupt dazu? Wodurch wird es plötzlich ausgelöst?

Timos Arzt, Professor Geert Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt: "Klassische Auslöser für Schlafwandeln sind zum Beispiel Schlafentzug. Hier bei Timo war das Entscheidende, dass er Schichtarbeit macht. Diese Schichtarbeit und sehr hohe Arbeitsbelastung können dazu führen, dass es zu wenig Schlaf gibt und dass der Schlaf unterbrochen ist, weil der Patient so angespannt ist." Besonders wenn die ersten zwei Schlafphasen unterbrochen sind, kann Schlafwandeln ausgelöst werden.

Voll verkabelt springt er aus dem Bett im Schlaflabor

Ein Mann sitzt am Steuer (nachgespielte Szene)
Schlafwandler fahren sogar Auto.

Die erste Nacht im Schlaflabor - nach wenigen Stunden zeigen sich erste Anzeichen, die auf Schlafwandeln hindeuten. Das Aufschrecken mit aufgerissenen Augen etwa. Zwei Nächte später: Timo hat vor dieser Untersuchung 24 Stunden nicht geschlafen. Die Forscher wollen wissen, wie stark er auf den Schlafentzug reagiert. Plötzlich kommt es im Schlaflabor zu einem unerwarteten Ereignis. Timo schreckt plötzlich auf, springt mit dem Körper aus dem Bett des Schlaflabors und geht in Kauerstellung. Später wird er erzählen, dass er geträumt hat, er müsse Melli vor einem herannahenden Fahrzeug retten. Es ist das einzige Mal, dass er sich an einen konkreten Traum erinnern kann.

Die Diagnose ist eindeutig: Timo ist Schlafwandler. Seine Anfälle sind heftig und es besteht immer die Gefahr, dass er sich verletzt. Aber er bleibt im Schlafzimmer. Das ist nicht bei allen Schlafwandlern so. Viele Schlafwandler machen Dinge, die im Wachzustand völlig routiniert ablaufen. Etwa essen, kochen und putzen. Tätigkeiten, für die kein bewusstes Denken notwendig ist. Manche Schlafwandler fahren sogar Auto, ohne wach zu werden - sie bringen andere und sich selbst in Lebensgefahr.

Vorsatzbildungs-Therapie kann Hilfe bringen

Ein Pärchen liegt im Bett
Dank Therapie können Schlafwandler "lernen", sich wieder hinzulegen.

Professor Mayer zeigt Timo, wie er aus dem Bett gesprungen ist. Das ist wichtig, damit Timo sich selbst eine Vorstellung davon machen kann, was nachts passiert. Doch was können Angehörige bei solch einem Anfall tun? Wie verhält man sich einem Schlafwandler gegenüber richtig? Soll man ihn wecken? Vom Wecken rät Geert Mayer ab. Denn Wecken würden die meisten Schlafwandler einfach nicht verstehen. Viel besser sei es auf den Schlafwandler ruhig und bestimmt einzureden: "Einfach zu sagen‚ beruhige dich, die Situation ist in Ordnung, schlaf weiter. Also ganz beruhigend darauf einwirken, dass derjenige, wenn er wandelt, zurück ins Bett geht. Dabei sollte man gar nicht groß durch Schieben oder Ziehen den Betroffenen ins Bett zurück bringen, sondern ihn einfach nur führen, ins Bett führen."

Doch was kann Timo tun? Professor Mayer stellt ihm eine Therapie vor, mit der er sein Verhalten steuern kann. Dabei geht es um eine sogenannte Vorsatzbildung. Das ist eine verhaltenstherapeutische Maßnahme, bei der vorher Entspannungsübungen eingesetzt werden, um einen schlafähnlichen Zustand herbeizuführen. Ein Verfahren, das im Grunde durch Autosuggestion funktioniert. In diesem schlafähnlichen Zustand wird ein bestimmter Satz verinnerlicht, den der Arzt ständig wiederholt: "Wenn ich im Schlaf merke, dass ich mich aufrichte, lege ich mich gleich wieder hin und schlafe weiter." Diesen Satz soll der Patient in der Therapie verinnerlichen. Wenn alles gut läuft, handelt der Patient nach einer bestimmten Zeit tatsächlich unbewusst nach diesem Satz, immer dann, wenn er aufschreckt.

Bei rund 90 Prozent der Patienten, die solch eine Therapie beginnen, hat sie auch Erfolg. Noch hat Timo mit der Therapie nicht begonnen. Um die Gefahr des Schlafwandelns einzudämmen, bekommt er Medikamente. Die sorgen für Entspannung in den beiden ersten kritischen Schlafphasen. So kann Timo erst einmal die Zeit bis zum Beginn der Therapie überbrücken. Und für sich selbst hat er eine weitere Strategie entwickelt, um das Schlafwandeln besser in den Griff zu bekommen: "Ich nehme nun nicht nur die Medikamente, sondern gehe richtig früh ins Bett, viel früher als meine Frau. Denn wenn dann was ist, ist sie vielleicht nicht im Zimmer oder zumindets noch wach."

Autor: Wolfgang Zündel (HR)

Fachausdrücke
Parasomnie:
Das Schlafwandeln zählt man zu den Parasomnien. Zwei Dutzend Schlafstörungen gehören dazu. Von Schlafwandeln bis zu Schlafapnoe.

Pavor noctornus:
So nennt man das plötzliche Aufschrecken, das häufig das Schlafwandeln einleitet. Oft ist es auch von einem Schrei begleitet.

Stand: 12.08.2015 16:30 Uhr

Sendetermin

So, 07.10.12 | 17:00 Uhr