SENDETERMIN So, 02.12.12 | 17:00 Uhr

Tibet: Wasser marsch!

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Tibet: Wasser marsch! | Video verfügbar bis 01.12.2017
Ein Fluss in Tibet
In Tibet entspringen fast alle großen Flüsse Asiens.

Das tibetanische Hochland wird auch das "Dach der Welt" genannt. Eine Landschaft, die viele noch für wild und unberührt halten. Dabei befindet sie sich in einem dramatischen Wandel. China verfolgt in der Bergregion Tibets ehrgeizige Pläne: An den Oberläufen des Yangtse, Mekong und Salween-Fluss entstehen rund 100 Staudämme. Besonders intensiv ist die Bauwut am Yarlung Tsampo, dem Oberlauf des Brahmaputra, wie der Fluss in Indien genannt wird. Eine Umweltgefahr für die Region und eine Bedrohung für den labilen Frieden zwischen Indien und China, den bevölkerungsreichsten Staaten der Erde.

In Tibet entspringen die großen Flüsse Asiens

Gewitterwolken über einer Hochebene
Im Hochland von Tibet entspringen fast alle großen Flüsse Asiens.

Das tibetanische Hochland ist eine riesige, über 4.000 Meter hoch gelegene Ebene mit angrenzenden Berggipfeln. Im Sommer bilden sich hier gigantische Gewitterfronten. Regen ergießt sich in unzählige Quellen und Bäche. Hier entspringen fast alle großen Flüsse Asiens. Diese Ströme versorgen China, Indien und Südostasien mit lebenswichtigem Wasser. Mehr als zwei Milliarden Menschen sind vom Wasser aus dem Himalaya abhängig. Jeder menschliche Eingriff in dieses Reservoir hat unweigerlich gewaltige ökologische und politische Konsequenzen.

Rund 100 neue Staudämme

Betonmauern eines Staudamms vor Bergkulisse.
100 Staudämmen sind schon in Betrieb oder im Bau.

Unbemerkt vom Rest der Welt arbeitet eine Armada von chinesischen Bauarbeitern daran, das Gesicht Tibets dauerhaft zu verändern. Überall entstehen neue Staudämme und Stauseen. Nur wenige Fachleute weltweit wissen, was sich an Tibets Flüssen abspielt. Einer von ihnen ist Wang Weiluo. Der Ingenieur hat beim Bau des Drei-Schluchten-Dammes in China mitgearbeitet, bevor er nach Deutschland kam, um Raumplanung zu studieren. Was die chinesische Regierung verschweigt, kritisiert Wang Weiluo öffentlich: An den Oberläufe von Yangtse, Mekong und Salween-Fluss sind 100 Staudämme in Betrieb, in Bau oder geplant. Am Yarlung Tsampo, dem höchstgelegenen Fluss der Welt, entstehen gleich fünf neue Wasserkraftwerke. Nirgendwo sonst auf der Welt schlagen die Dammbauer derart zu. In einer Region, die bis vor kurzem noch völlig unberührt war, entsteht ein Damm nach dem anderen. Ein Drittel allen Stroms, der in China aus Wasserkraft erzeugt wird, soll in Zukunft aus Tibet stammen.

Strom für Chinas Wirtschaft

Staudamm an einem Berghang
Das Risiko von geologischen Katastrophen steigt.

Die Wasserkraft aus Tibet soll beim Ausbau von Chinas boomender Wirtschaft helfen. Koste es, was es wolle. Denn die Flüsse in allen anderen Landesteilen Chinas sind bereits restlos gestaut. Überlandleitungen transportieren den Strom in die Metropolen. Doch was ist das Problem am Ausbau der Wasserkraft in dieser Region? "Der Dammbau im Hochgebirge birgt große Gefahren", weiß Wang Weiluo, "man hebt den Wasserstand in den Flüssen und erhöht dadurch den Druck der Wassermassen auf das Erdreich. Das führt zu einer Zunahme geologischer Katastrophen. Vor allem weil die Täler des Yarlung Tsampo und dessen Nebenflüsse in Tibet erdgeschichtlich gesehen sehr jung sind und auf geologischen Bruchlinien liegen." Erdrutsche oder Felsenabbrüche werden zunehmen, warnt der Ingenieur. Genau wie dies bereits im Einzugsgebiet des Drei-Schluchten-Damms geschehen sei.

"Tibets Wasser anzapfen, um China zu retten"

Wang Weiluo sitzt in Dortmunder Uni-Bibliothek an einem Tisch
Der in Dortmund lebende chinesische Wasserexperte Wang Weilou

Doch im Hochland Tibets steht mehr auf dem Spiel als nur Erdrutsche oder eine verschandelte Landschaft. Der Grund: Die chinesische Regierung ist nicht nur an der Kraft aus den unzähligen Wasserläufen interessiert, sondern auch am klaren, trinkbaren Himalaya-Wasser selbst. Das Wasser, das heute durch die Täler Tibets und der angrenzenden Provinzen fließt, könnte in Zukunft zu großen Teilen in den Norden Chinas umgeleitet werden, befürchtet Wang Weiluo. Detaillierte Pläne dafür existieren bereits: "Tibets Wasser anzapfen, um China zu retten" - so lautet der in Buchform veröffentlichte Plan mehrerer Generäle der chinesischen Armee. Mit Hilfe von bis zu 400 Meter hohen Dämmen soll das Wasser aufgestaut werden und durch ein Netz an Tunneln, Kanälen und Flüssen in den an Wassermangel und unter Dürren leidenden Nordosten Chinas fließen. Es geht in den Planspielen um riesige Mengen Trinkwassers: Im so genannten Himmelskanal könnten bis zu 300 Milliarden Kubikmeter Wasser aus 3.000 bis 4.000 Metern Höhe bis nach Peking abfließen - Jahr für Jahr. Das entspricht mehr als der vierfachen Menge des Rheins.

Eine Gefahr für den Frieden

Schwarz-Weiß-Zeichnung in einem Buch
Pläne für den "Himmelskanal" - größtes Wasserumleitungsprojekt der Menschheitsgeschichte

Die chinesische Regierung bestreitet im Moment noch jeglichen Plan zum Bau des Himmelskanals. Doch Wang Weiluo misstraut den offiziellen Dementis: "Vergleicht man die Dämme, die China auf dem Yarlung Tsampo und dessen Nebenflüssen baut und noch bauen will, so ist sofort klar: Das sind genau die Standorte, die für die Umleitung des Wassers aus Tibet nach China vorgesehen sind. Der Staudamm Zangmu etwa, an dem derzeit gebaut wird, entspricht haargenau dem vorgesehenen Beginn für den Himmelskanal." Nur mit Hilfe von Satellitenbildern lässt sich der Fortgang der Bauarbeiten in Zangmu erkunden. Filmaufnahmen vor Ort sind streng verboten. Nicht umsonst, denn Chinas Pläne am Yarlung Tsampo könnten ernsthafte geopolitische Konsequenzen haben. Die indische Regierung hat bereits gegen den Bau protestiert. Denn sollte hier der Himmelskanal entstehen, fehlte in Indien, wo der 'Yarlung Tsampo' 'Brahmaputra' heißt, das Wasser für Hunderte Millionen Menschen.

Kriege ums Wasser

Wang Weilou schaut über Staumauer der Möhentalsperre
Im zweiten Weltkrieg wurde die Möhnetalsperre gesprengt.

"Wenn man aus Tibet jährlich 300 Milliarden Tonnen Wasser abzweigt", warnt Wang Weiluo, "um es nach Nordostchina umzuleiten, bedeutet das für die Unterläufe aller Flüsse eine Katastrophe. Das kann man schon am Drei-Schluchten-Damm am Yangtse-Fluss beobachten, wo sich alle am Unterlauf befindlichen Provinzen immer lauter über Wassermangel beklagen. Daraus kann man schließen, wie die asiatischen Nachbarstaaten am Unterlauf der Flüsse auf Chinas Plan reagieren werden: mit Kriegen. Mit unvermeidbaren Kriegen werden sie reagieren. Kriegen ums Wasser."

Stauseen als Bedrohung

Es wäre nicht das erste Mal, dass Indien und China in Tibet Krieg führten. Schon 1962 stritten beide Staaten militärisch um die Kontrolle Süd-Tibets. Der Grenzverlauf zwischen China und Indien ist in diesem Gebiet bis heute umstritten. Und ausgerechnet hier planen chinesische Generäle mit dem Himmelskanal das größte Wasserumleitungsprojekt der Menschheitsgeschichte.

 Was im Fall eines Krieges mit Dämmen geschehen kann, führt Wang Weiluo am Beispiel der Möhnetalsperre im Ruhrgebiet vor. Im zweiten Weltkrieg wurde sie gezielt bombardiert, mehr als 1.000 Menschen fanden den Tod. Für Wang Weiluo ist die Möhnetalsperre ein Mahnmal gegen die Dammbaupläne in Tibet: "Für beide, Indien wie China, bedeutet das Himmelskanal-Projekt eine Katastrophe. Eine Katastrophe auch für die ganze Menschheit. Heute würden in einem Krieg Mittelstreckenraketen auf Dämme abgefeuert. Wenn dann ein gigantischer Damm bricht, werden die Folgen verheerend sein." Der Ingenieur fordert deshalb ein Einschreiten der internationalen Politik - damit den chinesischen Plänen keine Taten mit unkalkulierbaren Konsequenzen folgen.

 Autor: Thomas Weidenbach (WDR)

Stand: 03.12.2012 09:14 Uhr