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Ärger beim Auspacken

Seniorin versucht Salamiverpackung zu öffnen. (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Ärgerverpackungen - vor allem ältere Menschen haben beim Öffnen vieler Verpackungen Probleme. ]
Um komplizierte Verpackungen zu öffnen, greifen viele Menschen in ihrer Verzweiflung zu gefährlichem Werkzeug. Das kann schmerzhafte Folgen haben. In nur einem Jahr verletzten sich 49.000 Verbraucher beim Öffnen solcher "Ärgerverpackungen". Zu diesem Ergebnis kommt eine englische Studie aus dem Jahr 1997. Die darin aufgeführten Versuche, schwierige Verschlüsse mit Hilfe von Schraubenziehern, Messern und Zangen zu überwinden, endeten nicht selten sogar im Krankenhaus. 90 Prozent der Leidtragenden fügten sich Schnittwunden zu. Weitere Verletzungstypen waren Stichwunden, Zerrungen, Verstauchungen und Prellungen. Auch wenn hier vielleicht etwas übertrieben wurde – die eine oder andere Szenen kann sich trotzdem jeder Verbraucher bestens vorstellen.

Hitliste der Ärgerverpackungen

Siegertreppchen mit genannten Ärgerverpackungen. (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Die erste Hitliste der Ärgerverpackungen: Käse- und Wurstschalen, Kaffee und Trockenhefe. ]
Die Situation bessert sich - wenn auch langsam. Immer mehr Hersteller begreifen, dass Ärgerverpackungen sich sogar schädlich auf die Verkaufszahlen auswirken können. Dass in Deutschland die Hersteller allmählich auf die Missstände reagieren, liegt vor allem an zwei Studien: Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) publizierte 2003 eine Meinungsbefragung älterer Menschen. 75 Prozent gaben an, dass bei zahlreichen Verpackungen der Öffnungsmechanismus nicht funktioniere. Mehr als die Hälfte ärgerte sich über zu kleine Aufreißfäden. Unterstützung bekam die BAGSO von der Universität Chemnitz. Hier entstand 2009 die erste "Hitliste der Ärgerverpackungen": Welches Produkt lässt sich am schwierigsten öffnen? Ganz oben: In Plastik eingeschweißte Trockenhefe. Nur 22 Prozent der Probanden gelang es, das kleine Päckchen ohne Hilfsmittel zu öffnen. Auf Platz zwei: vakuumverpackter Kaffee. Und Platz drei: in Plastik eingeschweißte Käse- oder Wurstscheiben.

Eine Lasche, die hilft

Hand zieht an Lasche des PPF-Testers. (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Am PPF-Tester messen Probanden ihre Fingerkräfte. ]
Angesichts des demografischen Wandels muss sich bald etwas ändern - da sind sich Wissenschaft, Industrie und Verbraucher einig. Aber wie? An einer Lösung arbeiten Wissenschaftler des Fraunhofer Anwendungszentrums für Verarbeitungsmaschinen und Verpackungstechnik in Dresden (Fraunhofer AVV). Andrea Liebmann und ihr Team messen mit Hilfe eines kleinen Kastens, dem sogenannten Pinch-Pull-Force-Tester, kurz PPF-Tester, die "Mindestfingerkräfte der Bevölkerung an Laschenverpackungen". Probanden ziehen an verschieden großen Laschen im PPF-Tester. Sensoren übertragen die gemessene Kraft an den Computer. Das Ergebnis der bisherigen Messungen: Damit 95 Prozent der Bevölkerung eine Laschenverpackung ohne Probleme aufreißen können, darf der dazu nötige Kraftaufwand nicht über elf Newton liegen. Jetzt gibt es also erst einen Richtwerte für die Industrie.

Viele Laschenverpackungen verfehlen das 11-Newton-Ziel

Käseverpackung, eingespannt in einem Gerät zur Messung der Zugkraft. (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Wie viel Kraft braucht es, um die Käseverpackung zu öffnen? ]
Laschenverpackungen gibt es in zahlreichen Varianten: Käse- und Wurstschalen, Waschmittelbeutel, Joghurtbecherdeckel. Viele Verpackungen aus dem Handel verfehlen das 11-Newton-Ziel. Das haben Andrea Liebmann und ihr Team mit Hilfe einer zweiten Apparatur gezeigt. Sie misst die Zugkräfte, die beim Aufreißen einer realen Verpackung anfallen. Eine handelsübliche Käseschale erreichte bei dem Test beispielsweise Werte zwischen 16 und 28 Newton. Was den Wissenschaftlern außerdem auffiel: Keine Verpackung gleicht der anderen - der Messzeiger kann bei dem gleichen Typ vom gleichen Hersteller mal 17 und mal über 20 Newton anzeigen.

Keine Ärgerverpackungen mehr

Salamiverpackung mit breiter Siegelnaht, blau gekennzeichnet. (Bild: WDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Die breite Siegelnaht (blau) verursacht einen hohen Kraftaufwand beim Öffnen. ]
Die Verbesserungsvorschläge der Dresdner Wissenschaftler sind vielfältig und immer auf das konkrete Produkt abgestimmt. Mal empfehlen sie dem Hersteller, der seine Verpackung dort testen lässt, eine größere Lasche zu bauen, mal eine bessere Kontrolle des Produktionsprozesses, um bei allen Verpackungen des gleichen Typs niedrige Kraftwerte zu garantieren. Eine häufige Empfehlung ist außerdem die Veränderung der Abrissgeometrie. Wenn die Siegelnaht einer Lasche nicht spitz genug zuläuft, muss der Verbraucher viel Kraft einsetzen, um die Lasche aufzureißen. Die Lösung: Ein komplett neues Design der Verpackung. Für die Hersteller kann das erst einmal teuer werden. Den Verbraucher freut es aber.

Ringpull-, Schraub- und Perforationsverschlüsse – noch viel Arbeit

Die Verbesserung der Laschenverpackungen ist nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer verbraucherfreundlicheren Verpackungswelt: Für die Wissenschaftler in Dresden gibt es noch zahlreiche weitere Aufgaben. Dosen-, Schraub- oder Perforationsverschlüsse - jede Verpackung braucht eine individuelle Testmethode und Lösung. Aber immerhin ist jetzt ein Anfang gemacht.

Autor: Max Lebsanft (WDR)

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 09.09.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendetermin
So, 09.09.12 | 17:00 Uhr