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Rasthof für Zugvögel

Wissenschaftler stellen im Watt ein Netz auf (Bild: NDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Wissenschaftler fangen Vögel zu Forschungszwecken. ]
Manchmal müssen Umweltschützer Dinge tun, die so gar nicht zu dem passen, was eigentlich ihr Ziel ist. Vogelforscher Gerhard Nikolaus und Franziska Hillig vom Institut für Vogelforschung haben zum Beispiel in regelmäßigen Abständen die unangenehme Aufgabe, im "Nationalpark Wattenmeer" riesige Fangnetze aufzubauen. Normalerweise ist Vogelfang in dem riesigen Schutzgebiet an der Nordsee natürlich nicht erlaubt. Doch in diesem Fall liegen die Dinge gänzlich anders.

Das Wattenmeer ist zwei Mal im Jahr eine wichtige Zwischenstation für Zugvögel, die im Frühjahr aus Afrika kommen, hier rasten und fressen, um dann weiter in die arktischen Brutgebiete zu fliegen. Einige Monate später, Ende August, kehren sie aus den russischen Weiten für ein paar Wochen zurück, stärken sich an derselben Stelle, um dann zur Überwinterung gen Süden zu fliegen. Das norddeutsche Wattenmeer hat mit seinem breiten Nahrungsangebot für Vögel eine lebenswichtige Bedeutung. Doch die jährlich wiederkehrende Idylle von Millionen Vögeln mit atemberaubenden Formationen am Himmel trügt. In den letzten Jahrzehnten haben 40 Prozent der Arten in ihren Beständen abgenommen.

Michael Exo will herausbekommen, was dahinter steckt. Einige Faktoren haben er und seine Kollegen vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven schon erforscht. Doch noch bleibt vieles im Unklaren. Und genau deshalb müssen seine Mitarbeiter ab und zu ins Watt, um Vögel zu fangen. Denn Gerhard Nikolaus und Franziska Hillig wollen die Tiere nicht einsperren. Im Gegenteil - sie fangen sie, um sie freilassen zu können. Klingt absurd, ist es aber nicht.

Datensammeln über Flugrouten

Wissenschaftler bringen an einem Vogel einen Sender an (Bild: NDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Der Sender soll den Wissenschaftlern Informationen über den Reiseverlauf liefern. ]
Die Flugrouten der Tiere sind recht gut bekannt, doch vieles gibt den Forschern noch immer Rätsel auf: Kommen die Tiere jedes Jahr an dieselben Plätze zurück? Wo fliegen sie genau entlang und was passiert, wenn sich auf ihrer Strecke gravierende Veränderungen ergeben? Ändern Vögel zum Beispiel ihre Strecken, wenn sich plötzlich irgendwo größere Industriebetriebe ansiedeln? Was könnte der Grund sein, warum bestimmte Tierarten verschwinden? Sind es globale Probleme oder liegt es vielleicht nur an einer einzigen Stelle irgendwo auf der Reiseroute?

Gerhard Nikolaus und Franziska Hillig statten die gefangenen Tiere deshalb mit neuen, fingernagelgroßen Satellitensendern aus, die täglich Daten nach Wilhelmshaven schicken. Lückenlos kann Michael Exo in seinem Büro nun überprüfen, wo seine "besenderten" Studienvögel entlang fliegen, ob sie unterwegs auffällige Streckenänderungen vornehmen oder ob sie womöglich sogar sterben. Schon in kurzer Zeit erhofft er sich, große Problemzonen markieren zu können. Denn wenn immer an derselben Stelle Tiere verschwinden, könnte dafür vielleicht eine bislang unbekannte Gefahr oder Umweltverschmutzung der Grund sein. Bisher hätte das überhaupt niemand mitbekommen.

Ornithologie als Frühwarnsystem

Ein Vogel steht im Wasser (Bild: NDR) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Schon jetzt hat die Klimaerwärmung Auswirkungen im Watt. ]
Insofern hat die Bedeutung der Vogelforscher in den letzten Jahren zugenommen. Sie entdecken oftmals zuerst, welche Gefahren der Natur drohen. So konnten die Wissenschaftler um Michael Exo erst vor kurzem nachweisen, dass die Klimaveränderung sehr wohl Konsequenzen für die Tierwelt hat. Manche Vögel kommen inzwischen bis zu zwei Wochen früher nach Norddeutschland. Mit gefährlichen Folgen: Denn die Nahrungsquelle Muschel hat zu dieser Zeit noch ungefähr 30 Prozent weniger Nährwert. In letzter Konsequenz kann der Vogel deshalb trotz normaler Mahlzeiten theoretisch verhungern. Insofern gilt: Auch wenn es um Zugvögel geht, im Wattenmeer werden vielleicht Erkenntnisse gewonnen, die für uns alle von großer Bedeutung sein können.

Autor: Tom Ockers (NDR)

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 19.08.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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Sendetermin
So, 19.08.12 | 17:00 Uhr
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