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Bei Ebbe ist die Nordsee ein besonderer Spielplatz.
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Es ist das typische Sommerbild am Nordseestrand: Fröhliche Menschen toben durch das Watt. Sie schmieren sich mit schwarzem Schlick ein oder bewerfen sich gegenseitig damit. Viele wandern, solange Ebbe herrscht, barfuß durch den tiefen, morastigen Grund. An fast allen Deichen stehen Schlickduschen, um die Haut anschließend wieder von der klebrigen Masse zu befreien. Kurzum: Schlick gehört zum Nordsee-Watt wie Sand zum Mittelmeer. Und kaum jemand kann sich seinem Zauber entziehen. Urlauber nicht, die ihren Spaß damit haben, Naturforscher nicht, die Wattwürmer, Schnecken oder Umweltgifte darin (unter)suchen und Kurgäste schon gar nicht: Sie erhoffen sich von dem Stoff Heilung oder Besserung verschiedenster Krankheiten.
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Ein besonderes Gemisch: Schlick
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Als Schlick bezeichnet man ein Sedimentgemisch aus feinen Mineralbestandteilen (Sand, Schluff, Ton, Salze) und organischen Bestandteilen wie Überreste von Meerestieren und Algen. Besonders die Algen sind es, die die Sedimentpartikel mit ihrem Schleim zu einer Masse "verkleben". Schlick findet sich als Ablagerung an der Meeresküste, aber auch in Flussmündungen. Er setzt sich aus eher kleinen Partikeln (Korngrößen unter 0,06 Millimeter) zusammen. Die Ablagerung der im Meerwasser mitgeführten "Schwebteilchen" vollzieht sich am stärksten in Bereichen, in denen die Wasserbewegung reduziert ist. An den der Küste zugewandten Seiten von Inseln und in Buchten respektive Flachwasserzonen lagern sich besonders viele kleine Partikel ab, da sie wegen des geringen Gewichts langsam sedimentieren und sich daher erst in ruhigen Zonen ablagern.
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Schlick ist ein wichtiges Produkt für die Nordseebäder.
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Fast alle Nordseebäder sind sich des wirtschaftlichen Potenzials dieses Naturproduktes bewusst und treiben zum Teil erheblichen Aufwand, es ihren Gästen zugänglich zu machen. Naturschutzbehörden messen regelmäßig die Schadstoffbelastung des Schlicks, damit sich am Meer jeder gefahrlos darin bewegen kann. Trotz der Schadstoffeinträge durch Schifffahrt und Industrieanlagen sind zurzeit keine bedenklichen Werte messbar. Und Kurkliniken bemühen sich intensiv darum, ihren Gästen allerlei Anwendungen des Schlicks anbieten zu können. Klar, gesund soll er sein, aber ebenso soll er auch als Spa-Erlebnis Kur- und Wellness-Gäste anziehen.
Beispiel Büsum. Hier werden rund 140 Tonnen Schlick jährlich im Kurzentrum "Vitamaris" als Heil- und Wellnessprodukt angewendet. Bagger müssen sich tief ins Watt fressen, um das "schwarze Gold", wie es Björn Hoppe, Chef des Kurzentrums Büsum, bezeichnet, den Nordseegästen zugänglich zu machen. Mit großen Kippern wird es ins Lager gebracht. Zunächst muss der Schlick von Sand gereinigt werden. Sonst würde die schleimige Masse auf der Haut kratzen. Der Anteil an Meerwasser muss mindestens 50 Prozent betragen und vor allem: Schlick in Reinform ist ein ortsgebundenes Heilmittel, es darf also nur dort angewendet werden, wo es auch abgebaut wurde. Lange Transportwege entfallen also.
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Für Anwendungen wird der Schlick extra aufbereitet.
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Nach der Reinigung wird der Schlick pasteurisiert und sämig gerührt. Irgendwie wirkt er jetzt wie dunkler Kuchenteig, wenn er nicht nach Meer, Salz und Wasser riechen würde. Ist das Produkt "Schlick" anwendungsfertig zubereitet, können damit Schlickpackungen, Schlickbäder, Schlickmassagen und Schlickpeelings durchgeführt werden. 40 Prozent des Umsatzes im Vitamaris Büsum haben inzwischen direkt oder indirekt mit Schlick zu tun. Die Kurkliniken am Watt haben in letzter Zeit viel Phantasie entwickelt, ihr heimisches Produkt vielfältig zu vermarkten.
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Schlick fördert die Durchblutung.
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Doch warum die Mühe? Hat Schlick etwas, was andere Dinge nicht haben? In der Tat scheint er eine gewisse Heilwirkung zu besitzen. So speichert Schlick Wärme sehr gut und gibt sie langsam wieder ab - etwa vergleichbar mit einer Fangopackung. Das kann die Durchblutung fördern und gleichzeitig helfen, muskuläre Verspannungen zu lindern und den Körper so auf Massagen vorzubereiten. Inzwischen liegen auch Forschungsergebnisse vor, die dem Schlick entzündungshemmende Wirkung zuschreiben. Auch bei der Behandlung von Hautkrankheiten und Gelenkschmerzen soll Schlick hilfreich sein. Es muss was dran sein: Bei Kuren sind Schlickbehandlungen anerkannt, sie können sogar auf Krankenschein verschrieben werden. Allerdings ist das Budget der Ärzte hierfür recht mager. Daher heißt die Parole in der Regel: selbst zahlen. Und das bringt so manchen auf innovative Ideen:
Der neueste Clou bei der Schlickvermarktung ist die Idee eines Unternehmers aus der Nähe von Husum. Er trocknet die schwarz-braune Masse und zermahlt sie anschließend zu feinem Pulver. Das verkauft er als "1 Kilo-Watt" im Plastikgefäß an die Urlaubsgäste der großen Nordseebäder. Noch ist der Umsatz überschaubar. Doch Detlef Schramm ist sich sicher: „Wer hier Urlaub oder Kur macht, der will anschließend ein Stück Nordsee-Watt mit nach Hause nehmen.“
Autor: Tom Ockers (NDR)
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 19.08.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.