SENDETERMIN So, 02.12.12 | 17:00 Uhr

Wasservorhersage für Zentralasien

PlayWissen
Wasservorhersage für Zentralasien  | Video verfügbar bis 01.12.2017
Gletscher in Zentralasien
Wasserreservoir vieler Flüsse: die Gletscher Asiens

Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan, diese fünf zentralasiatischen Länder waren einmal Teil der Sowjetunion. 1991 wurden die Länder politisch eigenständig, jedes für sich ein eigener Nationalstaat. Trotzdem sind sie immer noch voneinander abhängig, denn ihre Lebensgrundlage ist das Wasser der Gletscher in den westlichen Himalaya-Ausläufern, dem Pamir- und dem Tien-Tschan-Gebirge. Deren Wasser speist die beiden Flüsse Amu-Darjia und Sir-Darjia, die zum Aralsee fließen.

In Zentralasien herrscht ein extremes kontinentales Klima. Das bedeutet im Winter ist es sehr kalt, bis minus 40 Grad Celsius und im Sommer ist es extrem heiß und trocken. Dann regnet es kaum und die Menschen beziehen ihr Trinkwasser und das Wasser für die Feldbewässerung fast ausschließlich aus den beiden Flüssen Amu-Darjia und Sir-Darjia. Der Wasserverbrauch ist seit Jahren so hoch, dass der Aralsee inzwischen fast ganz ausgetrocknet ist - eine Umweltkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

Steigender Wasserbedarf

Bauern im Ferghanatal/Kirgistan nutzen noch eine altmodische Furchenbewässerungsmethode
Altmodische Furchenbewässerungs-Methoden tragen zur Wasserverschwendung bei.

Um das Wasser der Flüsse schwelt seit Jahren ein heftiger Streit zwischen den zentralasiatischen Ländern, denn der Bedarf an Wasser steigt aus mehreren Gründen jedes Jahr rapide an. Ein wichtiger Faktor: das hohe Bevölkerungswachstum. Die Menschen brauchen Trinkwasser und Nahrung. Darum wird viel Weizen auf den Feldern angebaut und die Felder müssen bewässert werden - mit Wasser aus dem Amu-Darjia und dem Sir-Darjia. Zusätzlich werden sehr viele "Cash-Crops" angebaut, also Feldfrüchte, die Geld einbringen, insbesondere Baumwolle und Reis für den Export. Diese Pflanzen brauchen besonders viel Wasser.

Noch ein Faktor lässt den Wasserverbrauch jedes Jahr weiter ansteigen: der Verfall der Infrastruktur. Von den Flüssen führen Kanäle zu den Feldern. Viele Tausend Kilometer Kanäle wurden seit den 50er-Jahren gebaut. Heute fehlt den Staaten Zentralasiens das Geld, diese Kanäle zu unterhalten. Die Folge ist, dass die Betonrinnen undicht werden und die Wehre verfallen. Schätzungen gehen davon aus, dass nur knapp ein Drittel des Wassers bei den Pflanzen ankommt. Der Rest versickert ungenutzt.

Einflussfaktor Klimawandel

Ein altes Fischerboot
Die Reste eine Bootes, in einem Dorf, das einmal am Ufer des Aralsees lag.

Auf Dauer wird der Klimawandel aber das größte Problem für die Wasserversorgung Zentralasiens werden. Wie in fast allen Gebirgen der Erde schrumpfen auch im Tien-Tschan und im Pamir die Gletscher. Schon heute können Wissenschaftler feststellen, dass im Sommer an einigen Stellen weniger Schmelzwasser fließt. Prognosen gehen davon aus, dass ab 2050 die Wassermenge in Amu-Darjia und Sir-Darjia klimabedingt drastisch abnehmen wird.

Die Wasserknappheit ist ein großes Problem für die Bauern oder die Fischer am Aralsee, das zudem eine ganze Reihe Folgeprobleme nach sich zieht: etwa einen Verteilungskampf der Länder um die knappe Ressource Wasser. "Wer darf wie viel Wasser abzweigen und wie viel muss für die Länder im Unterlauf übrig bleiben?"

Politiker aus aller Welt fürchten Konflikte ums Wasser in Zentralasien. Am 20. Juli 2011 tagte diesbezüglich in New York sogar schon der Weltsicherheitsrat. Thema: Klima und Sicherheit. Einstimmig erkannten die Mitglieder an, dass der Klimawandel nicht nur in Zentralasien, sondern bald auch weltweit zu Kriegen führen wird. Die Konflikte in Ländern, die unter Umweltproblemen leiden, werden in Zukunft eine bedeutend größere Rolle auf der internationalen politischen Agenda spielen.

Konflikte zwischen "Oberlieger" und "Unterlieger"

Der Fluss Syrdarja nahe Baikonur (Kasachstan)
Wasser ist überlebenswichtig für die Länder Zentralasiens.

Was die Lage in Zentralasien besonders kompliziert macht: Die Kontrolle über das Wasser haben die sogenannten Oberlieger, also die Länder, die am Oberlauf der Flüsse liegen. In Zentralasien sind das die Staaten Kirgistan und Tadschikistan. Am Unterlauf von Amu-Darjia und Sir-Darjia sind die "Unterlieger": Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Auf deren Staatsgebiet haben die Flüsse keine weiteren Zuflüsse mehr. Das heißt also, die Unterlieger bekommen nur das Wasser, das die Oberlieger übrig lassen.

In den letzten Jahren steigt aber der Wasserbedarf der Oberlieger besonders stark. Die Gründe sind neben der Landwirtschaft, gigantische Staudämme, mit denen die Länder hauptsächlich im Winter Strom produzieren. Das führt dazu, dass im heißen Sommer, wenn der Wasserbedarf der Unterlieger besonders groß ist, die Oberlieger ihre Schleusen schließen, um die Stauseen für den Winter zu füllen. Die Oberlieger haben also dank der Dämme die Macht über das Wasser und die könnte bald noch zunehmen: Anfang kommenden Jahres wird die Entscheidung für den Bau eines weiteren Staudamms in Tadschikistan fallen. Die Ohnmacht der Unterlieger und die Spannungen in ganz Zentralasien werden dann noch größer werden.

Gerade die Nähe von Zentralasien zu Afghanistan hat viele Regierungen alarmiert. Die ganze Region droht zum Pulverfass zu werden. Heute schon kommt es zu ersten militärischen Konflikten zwischen Oberliegern und Unterliegern. Sollte tatsächlich Anfang des kommenden Jahres mit dem Bau des neuen Staudamms begonnen werden, dann könnte die Lage endgültig eskalieren. Darum bemühen sich viele Regierungen um Vermittlung in der Region und machen Vorschläge zur Entschärfung der Situation. Insbesondere die Europäer sind hier aktiv. Sie organisieren Gespräche und Konferenzen mit allen Beteiligten in den Ländern Zentralasiens, oft auf höchster Regierungsebene. Gleichzeitig versuchen sie, mit technischer und organisatorischer Hilfe die maßlose Wasserverschwendung in den Griff zu bekommen.

Aufgabe für Klimaforscher

Blick auf den Abramovgletscher, im Vordergrund die Baustelle der Forschungsstation.
Die Wissenschaftler bauen ihre Forschungsstation in der Nähe des Abramovgletschers.

Eine wichtige Aufgabe haben dabei die Wissenschaftler. Das Geoforschungszentrum in Potsdam und verschiedene Universitäten sind mit Forscherteams vor Ort, um die Lage zu erkunden. Zunächst geht es um eine Bestandsaufnahme: Wie viel Wasser ist in der Region wirklich vorhanden? Wo wird das meiste verschwendet und welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die Region? Klimaforschung in Zentralasien ist immer auch Abenteuer: Martin Hoelzle, Professor für Glaziologie an der Uni Fribourg, verstaut seine Geräte auf zehn Pferden. Zusammen mit seinen Kollegen hat er einen harten Marsch vor sich. Ihr Ziel ist der Golubinagletscher in den Höhen des Tien-Tschan. Wissenschaftlich ist die Gletscherwelt hier in jeder Hinsicht ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es gibt kaum Klimadaten aus der Region, keine Messstationen und kaum genaue Aufzeichnungen über den Gletscherschwund der letzten Jahre. Diese Lücke wollen Martin Hoelzle und seine Kollegen schließen.

Auf den Rücken der Pferde befinden sich die Geräte, die sie für dieses Vorhaben brauchen. Von zentraler Bedeutung: ein Bodenradar. Seine Strahlen durchdringen das Gletschereis und werden vom darunterliegenden Fels reflektiert. So können die Forscher die Dicke des Gletschereises ermitteln und schließlich sogar das Volumen des gesamten Gletschers. Ziel ist es, diese Messungen regelmäßig zu wiederholen, um sich ein Bild vom Schwinden des Gletschers und damit der Wasserreserven Zentralasiens zu machen. Mit Hilfe von Bohrungen und Vermessung der einzelnen Schneeschichten hofft Martin Hoelzle aber auch, in die Vergangenheit blicken zu können und eine Ahnung davon zu bekommen, wie stark und wie schnell der Gletscher in den vergangenen Jahren schon abgetaut ist.

Die Politiker hoffen bald auf diesem Wege zu belastbaren Zahlen zu kommen und dann insbesondere die Frage beantworten zu können, wie viel Wasser in den kommenden Jahren zur Verfügung steht. Denn wer weiß, wie viel es zu verteilen gibt, der hat die besseren Chancen, das Wasser auch tatsächlich gerecht zu verteilen. Und würde eine gerechte und einvernehmliche Wasserverteilung stattfinden ohne unnötige Verschwendung, dann könnte das Wasser für alle reichen.

Autor: Arno Trümper (BR)

Stand: 03.12.2012 09:21 Uhr

Sendetermin

So, 02.12.12 | 17:00 Uhr