SENDETERMIN So, 13.10.13 | 17:00 Uhr

Welche Airline ist die sicherste?

Welche Airline ist die sicherste? | Video verfügbar bis 12.03.2018
Eine gezeichnetes Fragezeichen mit einem Flugzeug im Hintergrund.
Ist die Sicherheit von Airlines berechenbar?

Welche Fluggesellschaft den besten Service hat und welche den schlechtesten, wird jedes Jahr in einem Ranking festgehalten. Für die Flugsicherheit gibt es bisher allerdings keine Liste der sichersten Fluggesellschaften. Der Grund: Es gibt keine verlässlichen Werte, auf die sich so ein Ranking stützen könnte. Die Zahl der bisherigen Unfälle lässt kaum eine Aussage zu. Seit drei Jahren versucht die Rating-Agentur ATRA hier Licht ins Dunkel zu bringen.

Drei Katastrophen - eine Gemeinsamkeit

  • San Francisco, USA, 6. Juli 2013: Eine Boeing 777 der Asiana Airline rutscht bei der Landung neben die Landebahn. Die Piloten verließen sich zu lange auf die automatische Schubregelung.
  • Smolensk, Russland, 10. April 2010: Ein Passagierflugzeug der polnischen Luftwaffe stürzt in den Wald vor dem Flughafen. Der Pilot hatte trotz dichtem Nebel die Landung gewagt.
  • Paris, Frankreich, 1. Juni 2009: In der Nacht zum 1. Juni stürzte der Air France Flug 447 aus Rio über dem Atlantik ab. Fehlerhafte Geschwindigkeitsanzeigen ließen die Piloten die Kontrolle über das Flugzeug verlieren.

Drei Flugkatastrophen, die etwas gemeinsam haben: Sie ereigneten sich bei Fluggesellschaften, die als sicher galten. Was bedeutet das für die Flugsicherheit?

Auf der Pariser Luftfahrtschau

Pariser Flugshow
Die Besucher der Pariser Luftfahrtmesse sind sich nicht einig, was eine Fluggesellschaft sicher macht.

Im Juni 2013 fand die 50. Pariser Luftfahrtschau statt. Es ist die vielleicht größte Flugmesse der Welt. Über 2.000 Aussteller aus aller Welt zeigen, wie man heute und morgen fliegt. Hier trifft man Luftfahrtexperten, Piloten und Fans der Fliegerei. Der richtige Ort also für die Frage: Was macht eine Fluggesellschaft sicher? Doch so richtig einig werden sich die Besucher nicht. Mal ist es die Crew, mal das verwendete Flugzeug, mal dessen Wartung, mal das Training der Piloten. Kein Wunder, denn nur selten lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen Fluglinie und Unglück herstellen, wie die genannten Beispiele gezeigt haben.

Ein Mathematiker verspricht die Lösung

Grafik mit der Zahl der Flüge in Millionen und der Anzahl der schweren Unfälle (1993-2012).
Immer mehr Flüge - immer weniger schwere Unfälle.

Mitten unter den Besuchern der Flugmesse ist auch der Mathematiker Ariel Beresniak. Er ist der Kopf der Schweizer Rating Agentur ATRA. In Paris stellt er seine aktuelle Liste der sichersten Fluggesellschaften vor. Der Mann müsste eigentlich wissen, was Fliegen sicher macht. Helfen dabei etwa doch die Flugunfälle weiter? Beresniak wiegelt ab: "Flugunfälle sind so selten, dass es unmöglich ist, brauchbare Aussagen allein aus Unfallstatistiken zu gewinnen. Zum Glück." Keine andere Verkehrssparte wächst so stark, wie die zivile Luftfahrt. Schnell, komfortabel und sicher soll es sein. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Flüge verdoppelt. Gleichzeitig ging die Zahl der sehr schweren Flugunfälle zurück. Eine positive Entwicklung, die es allerdings immer schwerer macht zu sagen, welche Fluggesellschaft die sicherste ist.

Nur eine gesunde Fluggesellschaft ist eine sichere

Comic mit einigen der wichtigsten Faktoren, die eine Fluggesellschaft ausmachen.
Es sind viele Faktoren, die eine sichere Fluggesellschaft ausmachen.

Ariel Beresniak verfolgt bei der Beurteilung der Flugsicherheit einen "ganzheitlichen" Ansatz, den man eher aus dem Gesundheitsbereich kennt. "Wir gehen davon aus, dass die 'Konstitution' einer Fluggesellschaft extrem wichtig ist. Das ist genauso wie bei jedem einzelnen Menschen. Wenn wir erkranken, ist das ein Ausdruck unserer gesundheitlichen Gesamtverfassung." Der Mathematiker glaubt, den "Gesundheitszustand“ einer Fluggesellschaft berechnen zu können. Dafür lässt er neben der Unfallhäufigkeit noch 14 weitere Faktoren in seine Formeln einfließen. Unter anderem die finanzielle Ausstattung, Zahl der beförderten Passagiere, Größe und Zustand der Flotte, Anzahl der Flüge, Personaldecke und Größe der Kabinencrew.

Der Faktor Mensch

Gerade dem Flugpersonal widmet der Mathematiker eine besondere Aufmerksamkeit: "Einer der größten Risikofaktoren ist der Mensch und das Zusammenspiel zwischen Maschine und Mensch. Das ist sehr schwer zu bestimmen und wir können es nicht messen. Dabei sind menschliche Fehler für viele Unfälle verantwortlich - oder zumindest mitverantwortlich." Das wissen auch die Entwickler und Hersteller der Passagierflugzeuge. Deswegen stecken sie viel Geld in die Entwicklung immer besserer Technik. Die soll dem Piloten die Arbeit erleichtern und Fehler korrigieren oder gar vermeiden. Doch geht das überhaupt? Und ist das der richtige Ansatz?

Die Flugzeuge werden immer besser

Der französischen Flugsicherheitsexperte Jean-Pierre Otelli hat seine Zweifel, dass nur eine bessere Technik zu mehr Sicherheit beim Fliegen führt. Er hat sich eingehend mit Pilotenfehlern beschäftigt. In der immer besser werdenden Technik sieht er auch eine Gefahr. "Flugzeuge können heute alleine von Rio nach Paris fliegen. Die können sogar alleine in Paris landen. Deswegen ist das Training für die Piloten nicht mehr ausreichend. Die Flugzeuge sind technisch so gut, dass die Piloten während des Fluges 'nichts' zu tun haben und wenn dann plötzlich ein Problem auftaucht: was dann?" Otelli sieht moderne Piloten vor immer neue Aufgaben gestellt und drängt darauf, dass das Pilotentraining weiter verbessert und der neuen Technik angepasst wird. Allerdings könne das beste Training im Notfall auch nur die Erfahrung eines Piloten ergänzen.

Wie wertvoll Erfahrung und Können sind, zeigte im Januar 2009 die erfolgreiche Notwasserung eines Airbus A320 auf dem Hudson River vor New York. Pilot Sullenberger landet den Airbus sicher auf dem Fluss. Er hatte über 19.000 Flugstunden auf dem Buckel. Das zahlte sich in dieser Situation aus.

Je besser die Fluggesellschaft, desto besser die Piloten

Comic mit zwei Piloten.
Hauptsache, den Piloten geht's gut, oder?

Für den Mathematiker Ariel Beresniak könnte die Formel ganz einfach sein. "Wir sind davon überzeugt, dass eine gute und starke Fluggesellschaft besonders gute Piloten anzieht. Denn normalerweise beginnt ein unerfahrener Pilot seine Karriere bei einer kleinen Fluglinie und kommt erst später zu den größeren Fluggesellschaft." Sprich: Je besser die Fluggesellschaft, desto besser die Piloten. Die Sichtweise scheint plausibel, trotzdem hat Beresniaks Ranking viele Kritiker. In der Luftfahrt spricht man nicht gerne über vorhandene Sicherheit oder fehlende Sicherheit. Im ATRA-Ranking haben fünf nordamerikanische Fluggesellschaften die Nase vorn. Sieger ist die US-Gesellschaft Delta-Airlines. Hier haben es die Piloten anscheinend besonders gut. Die Deutsche Lufthansa schafft es auf Platz zehn. Mehr wollte Ariel Beresniak von seinem Ranking der 95 umsatzstärksten Fluggesellschaften nicht preisgeben.

Autor: Martin Schneider (SWR)

Stand: 13.10.2013 17:35 Uhr