SENDETERMIN So, 26.05.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Rettung für die Aale

Kraftraubender Lebenswandel

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Rettung für die Aale | Video verfügbar bis 25.05.2018

Nur wenige kommen durch

Flussaale
Ein einziges Mal in ihrem Leben machen sich Aale auf den gefährlichen Weg zu ihrem Laichplatz.

Aale gehören zu den am meisten bedrohten Fischarten der Welt. Bisher kann man sie nicht züchten, sie vermehren sich nur in freier Wildbahn, und das auch noch in einem sehr komplizierten und kräftezehrenden Lebenszyklus: Die Tiere leben bis zur Geschlechtsreife mit circa acht bis 15 Jahren in Flüssen. Dann wandern sie innerhalb weniger Nächte im Jahr in großen Verbänden mit der Strömung ab ins Meer.

Sie schwimmen quer durch den Atlantik bis in die Sargassosee kurz vor der Küste Floridas. In einer Tiefe von bis zu 3.000 Metern laichen die Elterntiere ab und sterben danach. Nach dem Schlupf aus dem Ei überlassen sich die Aal-Larven den Meeresströmungen. Auf diese Weise erreichen die Nachkommen der Europäischen Aale mit dem Golfstrom nach zwei bis drei Jahren die europäischen Küsten. Von dort schwimmen sie die Ströme und Flüsse hinauf und leben bis zur Geschlechtsreife dort, wo ihre Eltern herkamen.

Wasserkraftwerke: Tödlicher Sog

Ein Wasserkraftwerk in der Dämmerung
Die Turbinen der Wasserkraftwerke sind für Aale sehr gefährlich.

Leider sterben viele Aale bereits lange bevor sie sich vermehren können: Sie werden nicht nur als begehrte Delikatesse gefangen, sondern auch durch Wasserkraftwerke verletzt und getötet. Aale schwimmen bei der großen Wanderung zu den Laichplätzen immer in der stärksten Strömung. Das spart zwar Kraft für die lange Reise, aber es führt sie auch zielstrebig in die Turbinen von Wasserkraftwerken. Über 7.500 dieser Bauwerke blockieren die Wanderruten der Fische in deutschen Flüssen.

Abstiegsanlagen für die Tiere oder besondere Schutzmechanismen gibt es nicht. Zwar werden immer wieder Rohre als Umleitungen vor den Kraftwerken gebaut, doch die Aale finden sie nicht, denn die Strömung in Richtung der Turbinen ist viel stärker. Nach Studien des Bundesamtes für Umwelt erleiden bis zu 40 Prozent der Tiere in den Turbinen tödliche oder zumindest so schwere Verletzungen, dass sie das offene Meer nie erreichen werden. Zudem müssen die Fische auf ihrem Weg oft eine ganze Kette von Wasserkraftwerken an diversen Staustufen passieren.

Allerdings ist es problematisch, genau zu sagen, wie hoch die Schädigungsrate bei den abwandernden Aalen ist. Um diese Rate zu ermitteln, werden traditionelle Fischernetze stromab der Turbinenauslässe eingesetzt. Neuste Untersuchungen zeigen jedoch, dass einige der tödliche Verletzungen bei Aalen, die üblicherweise dem Kraftwerk angelastet werden, auf das Konto des Wasserdrucks gehen, mit dem die gefangenen Aale im Fischernetz zusammengepresst werden.

Aber unabhängig davon, wer nun hauptsächlich für den Tod der Aale verantwortlich ist, steht fest, dass diese Fischart in unseren Flüssen ein massives Problem hat.

Wettlauf gegen die Zeit

Die EU hat bereits 2007 eine Aalschutzverordnung erlassen. Sie soll garantieren, dass mindestens 40 Prozent aller abwandernden Fische unverletzt ins Meer gelangen können, um sich zu vermehren. Als geeignete Maßnahmen werden Fangbeschränkungen, die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Gewässern sowie Entwicklung und Bau von funktionsfähigen Fischschutz- und Abstiegsanlagen vor Wasserkraftwerken genannt, auch eine zeitweise Abschaltung oder Drosselung der Turbinen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Mitgliedsstaaten entsprechende nationale Gesetze erlassen und umsetzen - und daran hapert es immer noch.

Aal-Alarm

Der norwegische Energieerzeuger Statkraft Markets betreibt zehn Kraftwerke in Deutschland. Sie unterstehen Wasserkraft-Manager Maik Thalmann, der begeisterter Hobbyangler ist. Er hat den Aalschutz bei Statkraft zur Chefsache gemacht. Eine ungewöhnliche Kombination in einem Geschäft, in dem sich die Fischer und die Betreiber von Wasserkraftanlagen gegenseitig die Schuld am Niedergang der Aale zuschieben. Thalmann hat das Problem wissenschaftlich analysieren lassen und erkannt, dass die Zahl der toten und verletzten Aale hinter seinen Kraftwerken maßgeblich von der Stellung der Turbinenschaufeln abhängt. Turbinen arbeiten wie riesige, senkrecht stehende Schiffsschrauben: Das aufgestaute Wasser trifft von oben auf die Schaufelblätter und versetzt die Turbine in Rotation. Um die Durchflussmenge und die Drehgeschwindigkeit der Anlage zu regulieren, lassen sich die Schaufelblätter verstellen. Dabei gilt: je größer die Lücke zwischen den Schaufelblättern, desto höher die Chance eines Aals, diesen Spalt und damit die Turbine lebend und unverletzt zu passieren.

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend entwickelte Thalmann ein sogenanntes Turbinenmanagement: Bei bevorstehender Aalwanderung werden die Schaufelblätter automatisch auf maximale Spaltweite gestellt. In Versuchen konnte der Kraftwerksleiter dadurch die Verletzungs- und Mortalitätsrate der Aale auf circa drei Prozent minimieren. Allerdings liefert diese aalschonende Betriebsweise weniger Strom, so dass Statkraft Geld verliert. Um die Ausfälle zu minimieren muss der Kraftwerksbetreiber genau wissen, in welchen Nächten die Aale kommen.

Der Migromat

Jahrzehnte lang haben Wissenschaftler versucht herauszufinden, mit welchem Signal sich die Aale zur gemeinsamen Wanderung verabreden - vergeblich. Beate Adam vom Institut für angewandte Ökologie hat daher einen anderen Weg eingeschlagen. Sie "befragt" diejenigen, die es am besten wissen müssen, nämlich die Aale selbst: In zwei großen, geschlossenen Becken, die permanent mit Frischwasser aus dem jeweiligen Fluss versorgt werden, werden jeweils 30 Aale von Juli bis Februar gehalten. In der Zeit finden normalerweise die Abwanderwellen statt. Beate Adam hat das System "Migromat" getauft, von migrare, dem lateinischen Wort für Wandern. Jedem Aal wird ein Mikrochip unter die Haut gespritzt, der ihn individuell kennzeichnet. In den Becken sind Antennen installiert, die automatisch rund um die Uhr die Bewegungsmuster jedes Fisches registrieren. Während der Zeit der Gefangenschaft erhalten die Aale in den Becken über die Frischwasserzufuhr nicht nur Nahrung, sondern sie merken auch, wenn sich ihre Artgenossen im Fluss zur Wanderung aufmachen. Trifft diese Botschaft ein, werden die Tiere in den Becken nervös und ändern ihr Verhalten. Dies wird von einem Computer registriert, der Alarm auslöst.

Das zugehörige Wasserkraftwerk stellt dann automatisch von 19 bis 6 Uhr morgens die Turbinenschaufeln aufrecht.

Geheimer Einsatz auf der Weser

Unter den Berufsfischern heißt es, derjenige, der weiß, wann eine Abwanderwelle von Aalen bevorsteht, macht den Fang seines Lebens. Deshalb werden Migromat-Alarme streng geheim gehalten. Nur zu Testzwecken und um die Verlässlichkeit des Frühwarnsystems zu kontrollieren, erhält Berufsfischer Carsten Brauer kurz vor den Wanderungen einen Anruf von Statkraft. In einer Nacht Anfang November ist es soweit: Der Migromat am Kraftwerk Landesbergen hat für die kommende Nacht ein großes Abwanderereignis vorhergesagt. Brauer hat kurz dahinter die Netze seines Fischkutters aufgespannt. Der sogenannte Aal-Schokker liegt in der Mitte der Weser vor Anker und wartet auf die abwandernden Fische, die ihm mit der Strömung in die Maschen gehen. Kurz nach 22 Uhr zieht Brauer das Netz mit einer Seilwinde an Bord und bereits nach wenigen Minuten ist klar, der Migromat und das Turbinenmanagement haben funktioniert: Seine Netze enthalten überdurchschnittlich viele Aale und nach der ersten Durchsicht sind keine toten oder schwer verletzten Tiere darunter.

Leben mit dem Fluss

Das Turbinenmanagement kostet Statkraft nach eigenen Angaben im Jahr zwischen drei und sechs Millionen Kilowattstunden entgangener Stromproduktion. Das entspricht einem Marktwert von 400.000 bis 800.000 Euro. Für den Aalschutz erhält Statkraft allerdings vom deutschen Staat über das Erneuerbare Energien Gesetz einige Zehntausend Euro pro Kraftwerk an Fördermitteln. Das Wichtigste aber ist: Der Energieversorger tut als Erster etwas Wirksames zum Schutz der bedrohten Aale. "Wir leben vom Fluss", sagt Statkraft Manager Maik Thalmann. Jetzt sei es an der Zeit, dem Fluss etwas zurückzugeben.

Endlich frei!

Ende Februar werden die gefangenen Aale im Migromaten von Mitarbeiter des Instituts für angewandte Ökologie in ihre wohlverdiente Freiheit entlassen. Träge schlängeln sie noch ein paar Runden im Uferbereich, bevor sie im tiefen Wasser verschwinden. Ihre fast sechsmonatige Gefangenschaft hat vermutlich Tausenden von Artgenossen das Leben gerettet. Für diese Saison sind die großen Wanderwellen vorbei. Vielleicht ziehen sie im nächsten Jahr Richtung Meer.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 28.10.2014 13:04 Uhr