SENDETERMIN So, 08.09.13 | 17:00 Uhr

Agroforst statt Monokultur - der Anbau der Zukunft?

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Agroforst statt Monokultur? | Video verfügbar bis 08.09.2018
Mais
Maismonokulturen werden immer häufiger.

Im Zuge der Energiewende soll fossile Energie mehr und mehr von nachwachsenden Rohstoffen abgelöst werden. Mais etwa ist ein idealer Rohstoff für Biogasanlagen. So wächst auf immer mehr Feldern Mais. Während deutschlandweit 2005 noch 70.000 Hektar Energiemais angebaut wurden, waren es 2012 schon fast eine Million Hektar. Umweltschützer kämpfen aber seit Jahrzehnten gegen diese Monokulturen: Der Boden ist anfällig für Erosion, und die monotonen Felder bieten bedrohten Tier- und Pflanzenarten keinen Lebensraum. Die ohnehin gefährdete Biodiversität nimmt immer weiter ab. Umweltfreundlich ist das nicht mehr. Dabei gibt es auch andere Möglichkeiten.

Holz als Energielieferant

Herbert Borchert und Kolleginnen im Wald
Laut Forstwirt Herbert Borchert liefert Holz eine zehn Mal höhere Energieausbeute als Mais.

Die Mais- oder Raps-Monokulturen, deren Erträge nicht auf dem Teller landen, sondern direkt in Energie umgewandelt werden, sind eine Belastung für die Umwelt. Eine gute Alternative ist Holz. Wissenschaftler der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft haben in langen Testreihen ausgerechnet: Beim Holzanbau muss nur eine Einheit Energie (zumeist fossile Energie) hineingesteckt werden, um 30 bis 50 Einheiten an gleichwertiger Bioenergie zu gewinnen. Bei einjährigen Feldpflanzen wie etwa Mais liegt das entsprechende Verhältnis nur bei 1:5. Damit nicht nur Waldbesitzer von dieser guten Energieausbeute profitieren können, haben französische Wissenschaftler eine neue Variante entwickelt: den Agroforst. Bäume im Acker.

Landwirtschaft der Zukunft: Agroforst

Traktor in Frankreich auf Feld zwischen den Bäumen
Im Agroforst profitieren Bäume und Feldfrüchte voneinander.

Diese Variante des Holzanbaus sorgt dafür, dass der Landwirt sich nicht mehr zwischen dem Anbau für den Tank oder für den Teller entscheiden muss. Im Agroforstsystem kann er beides machen, auf ein- und demselben Feld. Als erster wissenschaftlich unter die Lupe genommen hat dieses System der Botaniker Christian Dupraz aus Frankreich. Auf seinen Versuchsflächen in der Nähe von Montpellier testet er seit vielen Jahren verschiedene Baum- und Pflanzenarten darauf, ob sie sich ergänzen oder etwa gegenseitig stören. Dabei pflanzt er Bäume wie zum Beispiel Pappeln in Reihen und mit großem Abstand voneinander. So kann zum einen der Mähdrescher problemlos zwischen den Bäumen hin- und herfahren und das Feld abernten, zum anderen haben die Bäume genügend Platz, um ihre Kronen zu entfalten. So beschatten die Kronen tagsüber das Feld und morgens hält sich der Tau länger auf den Pflanzen. Im heißen Südfrankreich profitieren Bäume und Feldfrüchte so voneinander. Darüber hinaus holen die Wurzeln der Bäume das Grundwasser aus großer Tiefe und versorgen so auch die Feldfrüchte. Das Ergebnis in Frankreich ist positiv: Auf den Agroforst-Versuchsfeldern wächst heute dieselbe Menge an Pflanzen wie früher ohne Bäume. Und das, obwohl ein Teil der Fläche jetzt von Bäumen beansprucht wird - also weniger Fläche für den Anbau zur Verfügung steht. Die Bäume sorgen also für höhere Erträge auf dem Feld. Und nach einigen Jahren kann der Landwirt zusätzlich die Bäume fällen und verwerten.

Agroforste auch in Deutschland?

Baumstreifen auf Feld
Schnellwachsende Baumstreifen aus Pappeln können schon nach drei Jahren geerntet werden.

In Deutschland ist die Erforschung des Systems Agroforst noch eine sehr junge Wissenschaft – bislang liegen nur wenige Ergebnisse vor. Doch Forst- und Landwirte glauben, dass das System durchaus Zukunft haben kann. Sie erforschen vor allem das System aus heckenartigen Baumreihen, die den Acker in regelmäßigen Abständen unterbrechen. Die Baumhecken bestehen aus schnellwachsenden Baumarten wie Pappeln, Weiden, Robinien, Erlen oder Eschen. Diese können zum Teil bereits nach drei Jahren "geerntet" werden. Ein wichtiges Argument für Bauern, die an jährliche Erträge gewöhnt sind. Bei der Holzernte alle drei bis acht Jahre bleiben die Baumwurzeln im Boden - 20, 30 oder gar 40 Jahre lang. Nach der Ernte treiben sie im Frühjahr von alleine neu aus. Für den Landwirt bedeutet das sehr wenig Aufwand. Insbesondere da er sich kaum um die Baumstreifen kümmern muss. Und davon profitieren auch Tiere und seltene Pflanzen. Denn obwohl die Baumstreifen im Vergleich zu einem richtigen Wald relativ kurzlebig sind, nutzen sie viele Tiere als vorübergehenden Rückzugsort. Auch Pflanzen, die sonst nicht dauerhaft überleben könnten, siedeln sich rund um die Bäume oder zwischen ihnen an. Die Biodiversität wächst also.

Schutz und Struktur für die Landschaft

Mais im Vordergrund, dahinter  Bäume
Agroforststreifen können eintönige Landschaften strukturieren.

Und noch eine Sache schätzen die Wissenschaftler am System Agroforst: Die Bäume unterbrechen eintönige Landschaften und schützen große Flächen vor starkem Wind. Gerade im Osten Deutschlands sind die Felder noch aus den Zeiten der ehemaligen LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften der früheren DDR) besonders groß und ohne Struktur. Über diese Flächen fegt der Wind ungehindert. Wenn die Felder abgeerntet sind, trägt der Wind dabei wertvollen Ackerboden davon. Agroforststreifen können diese Winderosion aufhalten. Wissenschaftler der BTU Cottbus-Senftenberg testen deshalb schnellwachsende Baumhecken auf Flächen nahe der polnischen Grenze. Und auch auf Flächen des ehemaligen Braunkohletagebaus haben sie Agroforstsysteme angelegt. Denn dort ist die Humusdecke besonders dünn, die Böden sind zu schlecht für reinen Ackerbau. Anspruchslose Bäume können aber dort wachsen und auf lange Sicht die Böden verbessern.

So könnte das System Agroforst nicht nur für eine effiziente Erzeugung von nachwachsenden Rohstoffen sorgen, sondern darüber hinaus für den Schutz vor Erosion, für abwechslungsreichere Landschaften und für mehr Biodiversität.

Autorin: Susanne Delonge (BR)

Stand: 08.09.2013 19:49 Uhr