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Der Altkleiderirrsinn - Entsorgung statt Spende

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Der Altkleiderirrsinn - Entsorgung statt Spende | Video verfügbar bis 19.01.2018
Ein Haufen aussortierter Kleidung
Tonnenweise werden in Deutschland Altkleider weggeworfen.

Die Deutschen sind ein großzügiges Volk - zumindest wenn es um die Spende von Alttextilien geht. Rund 100.000 Tonnen - basierend auf Schätzungen, denn wirklich konkrete Zahlen gibt es nicht - landen Jahr für Jahr in Altkleidercontainern oder werden bei Straßensammlungen oder Recyclinghöfen abgegeben. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Im heimischen Schrank ist wieder Platz für die nächste Saison und jemand anderes freut sich noch über unsere abgelegte Kleidung.

Aber ist das wirklich so?

Quantität statt Qualität

Altkleider in einer Altkleiderbox
75 Prozent der Kleiderspenden sind unbrauchbar.

Die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Lokstedt ist eine von fünf in Hamburg. Allein in den sieben Containern, die direkt vor der Kleiderkammer stehen, landen jeden Monat fünfzehn bis zwanzig Tonnen Alttextilien. Die werden zunächst auf Sauberkeit und Unversehrtheit überprüft, aber auch der Allgemeinzustand des Materials wird kritisch unter die Lupe genommen.

"75 Prozent ist Müll", sagt Markus Tieseler, der Verantwortliche für alle Kleiderkammern des DRK in Hamburg. Seit acht Jahren macht er den Job und in dieser Zeit hat er ein beständiges Nachlassen der Qualität der Kleiderspenden festgestellt. Die Hauptursache dafür sieht er im veränderten Kleidungsangebot. Denn Discounter und Billigketten böten oft von vornherein minderwertige Ware an. "Das ist Saisonware, Wegwerfware. Und die waschen Sie zwei, drei Mal, und dann ist das einfach ausgeleiert und nicht mehr brauchbar."

Die guten ins Kröpfchen...

In einem Regal liegen Kleidungsstücke.
Nur ein kleiner Teil der gespendeten Kleidung geht an Bedürftige.

Aus den verwertbaren 25 Prozent deckt das Rote Kreuz zunächst seinen eigenen Bedarf: Kleidung, die kostenlos an Bedürftige weiter gegeben, und solche, die in den Second-Hand-Läden des DRK verkauft werden kann. Der Rest - rund die Hälfte der brauchbaren Ware – wird an Textilhändler verkauft, die sie ebenfalls in Second-Hand-Läden anbieten oder ins Ausland (Osteuropa, Afrika, Südamerika) exportieren.

Die 75 Prozent Ausschuss werden zu Putzlappen verarbeitet, als Innenverkleidung in Autos verbaut oder auch in Müllverbrennungsanlage als Brennzusatz verfeuert.

Der hohe Preis der Billigkleidung

Näherinnen in einer Halle
In Ländern wir Kambodscha herrschen schwierige Abreitsbedingungen in der Kleidungsindustrie.

'Was soll’s', mag mancher sagen, 'dafür waren die Klamotten wenigstens schön billig'. In der Tat. Und das macht sich auch im Kaufverhalten deutlich: Die Deutschen kaufen heute im Jahr etwa doppelt so viele Kleidungsstücke wie noch vor 30 Jahren. Doch für unsere billige Kleidung zahlen andere einen hohen Preis. Nicht nur durch die Verschwendung kostbarer Ressourcen, zum Teil auch mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben.

Um das zu verdeutlichen, werfen wir einen Blick auf zwei Kleidungsstücke, die praktisch jeder von uns im Kleiderschrank hat: T-Shirts und Jeans.

Umweltsünde Baumwolle

Ein Mann versprüht auf einem Baumwollfeld Pestizide
Beim Anbau von Baumwolle werden oft Pestizide eingesetzt.

T-Shirts und Jeans werden beide in erster Linie aus Baumwolle gefertigt, die weltweit beliebteste Naturfaser für Kleidung. Leider ist diese Pflanze enorm begierig nach Wasser. Um die nötige Fasermenge für ein einziges T-Shirt zusammen zu bekommen, muss der Baumwollstrauch etwa 2.000 Liter Wasser aufnehmen.

Unglücklicherweise mag er aber auch kein wechselhaftes Klima mit regelmäßigen Regenschauern, so dass er meist in eher trockenen Gegenden angebaut wird, die dann künstlich bewässert werden müssen. Sechs Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs gehen zu Lasten der Baumwollproduktion.

Baumwolle für Billigkleidung wird vor allem in China und Indien angebaut. Speziell in Indien in erster Linie von kleinen Familienbetrieben, die nicht mehr als zwei Hektar Anbaufläche bearbeiten. Baumwolle ist höchst anfällig für Schädlinge, darum werden meist flächendeckend Pestizide versprüht. Umgerechnet auf ein T-Shirt etwa 150 Gramm. Da die einfachen Bauern in der Regel ungenügend ausgebildet sind, vergiften sie sich beim Sprühen oft selbst. Nach Schätzungen der WHO sterben infolge der Pestizide etwa 20.000 Menschen pro Jahr.

Tödliche Mode

Näherinnen in einer Halle
In Ländern wir Kambodscha herrschen schwierige Abreitsbedingungen in der Kleidungsindustrie.

Ostasien ist die internationale Werkbank für Billigkleidung. In Kambodscha, Bangladesch oder China werden für Tageslöhne von ein bis zwei Euro Kleidungsstücke für den europäischen Markt genäht. Oft unter räumlichen Bedingungen, die in Europa nicht einmal mehr für Legehennen akzeptabel sind. Der Versuch von NGOs die Einhaltung von Mindeststandards durchzusetzen scheitert oft an einem Gewirr von Subunternehmern.

Besonders kritisch ist die so genannte Veredelung von Jeans. Die in Europa beliebte Used-Optik wird unter anderem durch das Aufsprühen von Bleichmitteln erzeugt. Oft in Räumlichkeiten mit unzureichender Belüftung und ohne ausreichenden Atemschutz für die Beschäftigten. In China wird sogar noch das in Europa längst verbotene Sandstrahlen von Jeans praktiziert - und von europäischen Modeketten beauftragt. Die gesundheitliche Langzeitfolge für die damit befassten Arbeiter: Silicose, auch bekannt als Staublunge.

Aus Alt mach Neu

Wie also das Bedürfnis nach wechselnder und abwechslungsreicher Mode befriedigen, ohne kostbare Ressourcen und Menschenleben zu gefährden? Ein echtes Erste-Welt-Problem. Eines, mit dem sich auch immer mehr deutsche Modedesigner befassen. Ein möglicher Ausweg: "Upcycling" - aus Alt mach nicht nur Neu, sondern Modisch Neu.

Ein Beispiel dafür ist das Hamburger Label "ReDesign". Gründerin Christina Schelhorn arbeitete früher selbst für einen internationalen Modekonzern. Die Unzufriedenheit mit den Bedingungen, unter denen Mode produziert wurde, motivierten sie, sich mit neuem Konzept selbstständig zu machen. Heute verarbeitet sie ausschließlich gebrauchte Textilien zu neuen Kleidern, Anzügen oder Gebrauchsgegenständen wie Taschen oder Notebook-Etuis. Ihr Arbeitsmaterial findet sie auf Flohmärkten und Recyclinghöfen, oder Kunden bringen selbst alte Stücke vorbei, die sie in neue verwandelt haben möchten.

Die Beschränkung auf schon mal verarbeitete Werkstoffe empfindet die Designerin aber nicht als Einschränkung. Im Gegenteil. "Ein Vorteil ist, dass sie durch das häufige Waschen relativ pestizidfrei ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sehr viel Elemente mit verwenden kann, die schon da sind. Es gibt einfach eine sehr große Auswahl an Mustern, Stoffen, Stoffqualitäten. Und oft ist es auch so, dass alte Stoffe noch eine bessere Qualität hatten als neue Stoffe."

Das Konzept kommt so gut an, dass Christina Schelhorn mittlerweile fünf Mitarbeiterinnen beschäftigt. Ihr Wissen und ihre Fertigkeiten gibt sie weiter an Interessierte, in Workshops an der Volkshochschule und Abendkursen im eigenen Laden im Hamburger Karolinenviertel. Und selbst in der Ausbildung des Designer-Nachwuchses spielt das Thema Re- und Upcycling eine zunehmende Rolle. Die Kunsthochschule Berlin-Weißensee etwa bietet entsprechende Kurse und versteht sich als Sammel- und Kommunikationsknotenpunkt für diverse "Gebraucht-Design"-Projekte.

Zugegeben: Bislang sind dies absolute Nischenprojekte. Doch Umdenken fängt meist im Kleinen an.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 06.03.2014 10:13 Uhr