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Tiere im Großstadt-Stress

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Tiere im Großstadt-Stress | Video verfügbar bis 11.08.2018
Eine Amsel sitzt auf einem Ast
Stadtamseln sind vorsichtiger.

Die Großstadt kann für ihre Bewohner ganz schön stressig sein: Verkehrslärm, Luftverschmutzung, Menschenmengen. Die Stadt beeinflusst aber nicht nur uns Menschen, auch das Verhalten und die Gewohnheiten der Tiere verändern sich, wie Wissenschaftler am Max Planck Institut in Radolfzell am Bodensee nun herausgefunden haben. Ihr Forschungsobjekt: Turdus Merula - die Amsel.

Amsel ist nicht gleich Amsel

Jesko Partecke und eine Amsel.
Jesko Partecke und seine Amseln: Der Wissenschaftler vergleicht Stadt- mit Landvögeln.

In Europa gehört die Amsel zu den häufigsten Vogelarten in den Städten. Vor rund 200 Jahren begann sie, den neuen Lebensraum zu besiedeln. In Parks, Hinterhöfen, Gärten, Grünstreifen und Verkehrsinseln findet sie Nahrung im Überfluss. Aber das Stadtleben hat auch Nachteile. Schon länger ist bekannt, dass Stadtamseln lauter singen müssen als ihre Verwandten auf dem Land. Nur so können sie sich gegen den Verkehrslärm behaupten. Weil sich die Populationen von Stadt- und Waldamseln so gut wie gar nicht vermischen, bilden die Vögel für Wissenschaftler das ideale Forschungsobjekt, um den Einfluss der Stadt auf das Verhalten von Tieren zu untersuchen. Die Ornithologen Jesko Partecke und Catarina Miranda haben in mehreren Versuchsreihen Stadt- und Waldamseln miteinander verglichen.

Nachts auf Vogelfang

Catarina Miranda beim Netzaufbau.
Vögel fängt man am besten bei Sonnenaufgang.

Sie wollen zum einen herausfinden, welchen Einfluss das Kunstlicht der Städte auf das Verhalten von Amseln hat. Noch vor Morgengrauen sind die Wissenschaftler in einem Waldstück nahe Radolfzell unterwegs, um Landvögel mithilfe drei Meter hoher Netze einzufangen. Wenn die Amseln morgens ihre Schlafplätze in den Bäumen verlassen und zur Futtersuche aufs Feld fliegen, müssen sie an den feinmaschigen Netzen vorbei. Zwischen ein und vier Vögel fangen die Forscher hier durchschnittlich.

Stadtamseln bekommen nachts mehr Licht ab

Vogel mit einem dornförmigen Sensor auf dem Rücken
Ein Rucksack für die Wissenschaft: Amsel mit Licht-Sensor.

11 Landamseln und 29 Stadtamseln gehen Jesko Partecke und seinem Team insgesamt ins Netz. Sie alle bekommen einen kleinen Chip auf den Rücken geschnallt. Darin befindet sich ein Sensor, der misst, wie viel Licht der Vogel in der Nacht ausgesetzt ist. Denn bevor die Forscher den möglichen Einfluss von Kunstlicht auf das Verhalten der Tiere untersuchen können, müssen sie erst einmal wissen, ob Amseln in der Stadt überhaupt mehr Licht abbekommen als auf dem Land. Das eindeutige Ergebnis: Landamseln schlafen bei durchschnittlich nur 0,00006 Lux im Wald - Stadtamseln dagegen bei 0,2 Lux Lichtstärke.

Stadtamseln pflanzen sich früher fort

Amsel in Voliere
Stadtamseln wie "Peter" werden mit Landamseln verglichen.

Jesko Partecke und sein Team untersuchen die Tiere auch im Labor. Zehn Monate lang bekommt eine Gruppe nachts Kunstlicht mit einer Lux-Stärke, die dem Stadtlicht entspricht. Die zweite Gruppe schläft bei den Lichtverhältnissen des Waldes. Beide Gruppen bestehen sowohl aus Stadt- und Waldamseln. Das Ergebnis: Bei den Tieren der "Stadtlicht" Gruppe steigt der Testosteronspiegel einen Monat früher an als bei den Vögeln der zweiten Gruppe - sie werden früher geschlechtsreif. Weil das sowohl bei den Stadt- und Waldamseln in gleicher Weise geschieht, muss es das Kunstlicht sein, das diesen starken Einfluss auf die Vögel hat. Es führt dazu, dass Stadtamseln rund einen Monat früher mit der Fortpflanzung beginnen. Ein Ergebnis, das auch Beobachtungen im Freiland bestätigen.

Vorsicht: Stadt verändert Charakter

Amselküken im Nest
Ist ihr Verhalten genetisch festgelegt?

In einem zweiten Experiment nimmt die Ornithologin Catarina Miranda die "Persönlichkeit" der Amseln ins Visier. Unterscheidet sich das Verhalten von Stadt- und Landvögeln? Sie zieht junge Stadt- und Landamseln im Labor von Hand auf. So will sie herausfinden, ob bestimmte Charaktermerkmale angelernt oder sich schon genetisch verändert haben.

Amsel in Voliere, neben Plastik-Schildkröte.
Unbekanntem nähert sich die Stadtamsel nur zögerlich.

Den erwachsenen Vögeln werden dann unbekannte Gegenstände in den Käfig gelegt, zum Beispiel eine Plastikschildkröte oder ein Joghurtbecher. Dann misst Miranda die Zeit, die die Amseln benötigen, um sich an das ungewohnte Objekt heranzutrauen. Das Ergebnis: Stadtamseln brauchen signifikant länger als Landamseln. Sie sind "schüchterner". Und diese Schüchternheit ist nicht im städtischen Umfeld angelernt, sondern wird von den Eltern bereits weitervererbt. Was das bedeutet, darüber kann auch Orinthologin Miranda nur spekulieren: "Wahrscheinlich haben Stadttiere einen Überlebens-Vorteil, wenn sie sich erst mal von neuen und eventuell gefährlichen Gegenständen fernhalten, denen sie ja in den Städten andauernd ausgesetzt sind."

Amseln profitieren vom Stadtleben. Aber es verändert sie auch nachhaltig. So geht es ihnen also nicht anders als den ungefiederten, menschlichen Stadtbewohnern.

Autor: Max Lebsanft (WDR)

Buchtipp
Tiere in der Stadt - Eine Naturgeschichte
von Bernhard Kegel
Dumont Buchverlag, 477 Seiten, 22,00 Euro
ISBN-10: 3832197184
ISBN-13: 978-3832197186

Stand: 11.08.2013 17:00 Uhr

Sendetermin

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