SENDETERMIN So, 14.07.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Der Garten als Naturrefugium

Der Garten als Naturrefugium | Video verfügbar bis 13.07.2018 | Bild: NDR
Ein riesiges Maisfeld
"Vergrünte" Landschaft - kein Lebensraum für Wildpflanzen und Tiere | Bild: HR

Wir Menschen verändern nicht nur unsere eigenen Lebensräume, sondern auch die von Tieren und Pflanzen. Vorbei sind die Zeiten, in denen diese in weitgehend unberührten Natur- und Landschaftsräumen leben und gedeihen durften. Selbst auf dem Land, wo es früher Nischen für alle möglichen Arten gab, sind die Veränderungen dramatisch. Die Monokulturen der Energiepflanzen etwa haben den Bauern von einst zum Energiewirt gemacht. Land ist teuer, deshalb werden Felder bis zum letzten Winkel genutzt. Sogenannte Blühstreifen, also vom Landwirt nicht genutzte Flächen am Feldrand, die wichtige Lebensräume für Insekten, Wildblumen und Säugetiere waren, sind kaum mehr zu finden. Deshalb werden unsere Gärten als Refugien für Pflanze und Tiere immer wichtiger.

Industrialisierte Landwirtschaft lässt Wildpflanzen und Tieren keinen Rückzugsraum

Eingang zu einem Naturgarten
Heimat für Tiere und Pflanzen | Bild: HR

Ein Maisfeld mitten in Deutschland: 75 Zentimeter Reihenabstand, genau acht Pflanzen pro Quadratmeter wachsen hier. Außer Mais gedeiht hier nichts - kein Lebensraum mehr für andere Pflanzen und Tiere und das kilometerweit. Zum Glück gibt es aber noch eine Zuflucht, den Ort auf der anderen Seite des Feldwegs. Hier liegt ein Garten. Ein Reservat für unzählige Pflanzen und Tiere. Rosenkäfer, Hummeln und all die anderen Tiere finden hier das, was es in Gegenden mit industrieller Landwirtschaft kaum mehr gibt, einen Ort zum Leben.

Der Naturgarten - ein Refugium für Pflanzen und Tiere

Eine junge Blaumeise.
Junge Blaumeisen sind auch in unseren Gärten zu Hause. | Bild: HR

Diesen Zufluchtsort haben sie der Naturgartenplanerin Susanne Piwecki zu verdanken. Sie hat den Garten angelegt. Zahlreiche Vogelarten leben hier. Nistkästen am Haus und im Garten bieten ihnen die Möglichkeit zur Familiengründung. Die Blaumeisen-Nestlinge sind gerade aus ihrem Kasten ausgezogen und erkunden die Welt. Ihre Eltern müssen jetzt Berge von Nahrung ranschaffen, denn jedes Junge muss täglich mindestens ein Drittel seines Körpergewichts an Insekten fressen. Auch den Feldsperling entdecken wir hier. Er ist selten geworden, seit es immer weniger Streuobstwiesen und Grünstreifen zwischen den Feldern gibt.

Was muss ein Garten bieten, damit sich so viele Tiere hier ansiedeln? Vor allem muss das Nahrungsangebot groß und vielfältig sein. Susanne Piwecki setzt zum Beispiel auf Wildrosen. Denn gezüchtete Rosen erkennen viele Tiere nicht als Nahrung, weil sie auf die Wildtypen spezialisiert sind.

Jede Wildrosenart ernährt etwa 100 verschiedene Insektenarten

Eine Hummel fliegt zu einer Wildrosenblüte
Wildrosen - wichtige Futterquelle für Insekten | Bild: HR

"Mich fasziniert einfach diese Vielfalt an Wildrosen", erzählt Susanne Piwecki. "Man sagt, dass jede einzelne Wildrose über 100 verschiedene Insektenarten ernährt. Und wenn ich mir vorstelle, ich habe jetzt fünf oder sechs Wildrosen im Garten, was allein dadurch für ein Leben geschaffen wird, das ist wunderschön." Einen alten Kirschbaum pflegt Susanne Piwecki absichtlich nicht mehr. Seine abgestorbenen Äste sind Lebensraum für unzählige Schnecken und Insekten.

Wohnen im Insektenhotel

Wildbiene fliegt Allium-Pflanze an
Wildbienen sind wichtige Bestäuber-Insekten. | Bild: HR

Besonders wichtig sind Bestäuber-Insekten, weil sich ohne sie viele Pflanzen nicht vermehren können. Deshalb hat Susanne Piwecki ein Insektenhotel aufgestellt. "Es sind Mauerbienen beispielsweise, die Insektenhotels beziehen, also solitäre Wildbienen", sagt Piwecki. "Wenn jemand Bienen hört, dann denkt er ja sofort an die Kulturbiene, die den Honig produziert. Es gibt natürlich noch viele andere Bienen. Viele solitär lebende, also allein lebende Wildbienen, und für die fehlen durch die ausgeräumte Landschaft und durch das fehlende Totholz die Nistgelegenheiten."

Neben dem Insektenhotel gibt es viele natürliche Verstecke für Bestäuber-Insekten und auch Nahrung. Eine der wichtigsten Futterpflanzen für viele Erdhummel-Arten ist der große Beinwell, den Frau Piwecki gepflanzt hat. Die Tiere brauchen solch nektarreiche Pflanzen.

Das Kalkschotterbeet für Wildpflanzen

Taubenkropfleimkraut
Hier wächst seltenes Taubenkropfleimkraut. | Bild: HR

Im Zentrum des Gartens liegt Susanne Piweckis Kalkschotterbeet - ein Trockenbereich für sehr genügsame Pflanzen. Mit Bauschutt und Sand hat sie einen besonders nährstoffarmen Boden für Spezialisten wie Fetthenne, Lab- und Johanniskraut oder die Wilde Kugeldistel geschaffen. Es sei nicht so, dass Wildpflanzen fette Erde brauchen, erklärt Susanne Piwecki, ganz im Gegenteil: "Die meisten europäischen Wildpflanzen wachsen auf nährstoffarmem Böden und den finden sie hier. Mit diesen Pflanzen kommen auch spezialisierte Tierarten wieder wie Eidechsen, die ebenfalls auf solche Trockenbereiche spezialisiert sind."

Gerade blüht das Taubenkropfleimkraut im Trockenbeet. Eine Wildpflanze, die selten geworden ist. Daneben - auf die Wilde Kugeldistel - hat sich ein Rosenkäfer gesetzt. Ein imposanter Zeitgenosse mit einer beeindruckenden Färbung.

Rückzugs- und Lebensraum für Käfer und kleine Säugetiere

Überall im Garten liegt Totholz, also Ast- und Reisighaufen. An einer Stelle hat Susanne Piwecki ein Igelhaus vor all das Gestrüpp platziert. Erst bei Einbruch der Dämmerung kommen die Tiere raus; sie sind nachtaktiv. Igel brauchen Rückzugsräume aus Holz und Gestrüpp. Sie fressen Käfer und Schnecken und schützen damit Pflanzen vor Fressfeinden.

Jetzt in der Dämmerung flattern kreuz und quer Fledermäuse über und durch den Garten. Auch diese Jäger der Nacht sind ein selten gewordener Anblick. Die bei uns heimischen Fledermäuse ernähren sich von Insekten - etwa von Motten, die jetzt auf den Blättern der Bäume sitzen. Viele Fledermausarten in Deutschland stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten– sind vom Aussterben bedroht.

Ein naturnaher Garten wie der von Susanne Piwecki, ist ein Paradies für viele Pflanzen und Tiere. Sie können den Artenschwund vielleicht nicht stoppen, dennoch sind sie wichtige Asyle für die, deren Lebensräume zunehmend zerstört werden.

Autor: Wolfgang Zündel (HR)

Tipp: Weil viele Tiere und Pflanzen so selten geworden sind, ist unser Naturgarten im Film mittlerweile ein beliebtes Ausflugsziel für Schulklassen und Naturliebhaber geworden. Sie können im Naturgarten auf Entdeckungsreise gehen. Hunderte Menschen erleben hier jedes Jahr, was selbst für Landkinder heute nicht mehr selbstverständlich ist. Artenvielfalt auf engstem Raum.

Kontakt zu unserem Garten: Kunst und Kulturwerkstatt
Bahnhofstraße 10
65589 Hadamar-Oberzeuzheim
Inhaberin: Susanne Piwecki

Stand: 02.01.2015 11:26 Uhr