SENDETERMIN So, 27.01.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Volkskrankheit Diabetes

Kohlenhydratreiche Nahrungsmittel Brot wie Nudeln und Brot

Kohlenhydrate: Basis unserer Ernährung.

Typ-2-Diabetes Erkrankungen nehmen in der Welt rasant zu. In Deutschland sind sechs Millionen Menschen betroffen - neun Prozent der Bevölkerung. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass die Zahlen weit höher liegen, danach gibt es in Deutschland schon über zehn Millionen Typ-2-Diabetes-Erkrankte. Früher wurde diese Form noch "Altersdiabetes" genannt, da es vor allem ältere Menschen traf. Heute entwickeln sogar schon Kinder Typ-2-Diabetes. Sind unsere Ernährungsgewohnheiten schuld? Macht Zucker "Zuckerkrank"? Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir Zucker essen?

Weg vom Insulin?

Eine Spritze

Bei manchen Diabetiker helfen Insulinspritzen nicht mehr ausreichend.

Wir haben Helmuth R., einen Diabetes-Kranken, getroffen. Noch vor einem Jahr musste er jeden Tag hohe Dosen Insulin spritzen. Zum Schluss drei Mal so viel Insulin, wie ein gesunder Mensch normalerweise selbst produziert. Doch der Blutzuckerspiegel von Helmut R. war trotzdem viel zu hoch. So sollte es nicht weiter gehen! 2011 ging er zur Kur. Doch was dann geschah, hätte er nie für möglich gehalten: Nach drei Tagen wurde das Insulin komplett abgesetzt. Der behandelnde Arzt, Dr. Peter Heilmeyer von der Rehaklinik Überruh, ist überzeugt: Typ-2-Diabetes kann häufig gut therapiert werden, wenn die Patienten ihre Erkrankung verstehen und lernen, sich dementsprechend zu ernähren.

Zucker und Diabetes

Grafische Darstellung, wie sich Insulin an Rezeptoren bindet.

Insulin bindet sich an Rezeptoren, so gelangt der Zucker in die Zelle.

Bei Diabeteskranken bleibt zu viel Zucker aus der Nahrung im Blut. Ein normalerweise gut funktionierender Regelkreislauf wird gestört. Immer, wenn wir Kohlenhydrate essen, wird im Körper das Hormon Insulin ausgeschüttet. Es sorgt dafür, dass der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangen kann. Das Insulin "öffnet" dabei die Transportkanäle der Zellen. So gelangt der Zucker ins Zellinnere und wird dort verbraucht oder gespeichert. Bei Diabeteskranken reagieren die Zellen jedoch nur noch schwach auf den "Zellöffner" Insulin. Nur wenig Zucker gelangt in die Zellen - der Rest bleibt im Blut.

Schwere Folgeschäden

Grafische Darstellung der Schädigung eines Blutgefäßes

Zu viel Zucker im Blut schädigt die Blutgefäße.

Zu viel Zucker im Blut schädigt auf Dauer vor allem die feinen Blutgefäße in Augen, Nieren, Herz und Gliedmaßen. Auch schwere Nervenschäden können die Folge sein. Um das zu verhindern, und um den Zucker aus dem Blut wieder in die Zellen zu transportieren, gibt es zahlreiche Medikamente oder eben die Möglichkeit, Insulin zu spritzen.

Peter Heilmeyer empfiehlt seinen Patienten jedoch einen anderen Weg: eine Ernährung mit möglichst wenig konzentrierten Kohlenhydraten, also den weitgehenden Verzicht der sogenannten Sättigungsbeilagen und Süßigkeiten. Kleine Portionen Nudeln oder Brot, gelegentlich ein Stück dunkle Schokolade sind erlaubt. Außerdem dürfen die Patienten fettreicher essen, mehr Eiweiß, Obst und vor allem Gemüse. Das verhindert den starken Anstieg des Blutzuckerspiegels.

Teufelskreis Insulin

Grafische Darstellung wie Zellen der Bauchspeicheldrüse Insulin ausschütten.

Ist viel Zucker im Blut, schüttet die Bauchspeicheldrüse viel Insulin aus.

Durch die hohe Zuckerkonzentration wird bei Diabeteskranken oftmals ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Die Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produziert, reagiert auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel, indem sie noch mehr Insulin ausschüttet. Doch je mehr Insulin ins Blut gelangt, desto weniger sprechen die Zellen darauf an. Im schlimmsten Fall produziert die Bauchspeicheldrüse immer weiter Insulin, bis sie schließlich erschöpft aufgibt. Kann der Körper kein oder nicht mehr genügend Insulin herstellen, muss das Hormon gespritzt werden. Aber die Insulinresistenz bleibt und die Dosis muss häufig immer weiter gesteigert werden.

Problem Ernährungsumstellung

Ein Teller mit Gemüse

Viel Gemüse, mehr Fett und Eiweiß

Aber ist das wirklich machbar und sinnvoll? Ein Leben mit wenig Brot, Nudeln und fast ohne Süßigkeiten? Wir fragen Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Er hält es aus medizinischer Sicht für durchaus wünschenswert, wenn Diabetiker Kohlenhydrate sehr maßvoll verzehren. Allerdings gibt er zu bedenken, dass es für diese Form der Ernährung noch keine Langzeitstudien über Auswirkungen und mögliche Probleme gibt. Vorsichtig sollten Diabetiker sein, die bereits einen Nierenschaden haben. Eine grundsätzliche Schwierigkeit wäre, dass solch eine Ernährungsumstellung für viele Menschen sehr schwierig durchzuhalten sei.

Gute Ergebnisse in Überruh

In der Rehaklinik Überruh geht das Konzept trotzdem auf. Auf dem Speiseplan stehen nur 20 bis 25 Prozent Kohlenhydrate. Bei einer normalen Ernährung ist der Kohlenhydratanteil eher doppelt so hoch. Während der Kur werden die Patienten in Einzelgesprächen und Vorträgen sehr gut über ihre Krankheit und die Ernährungsumstellung informiert. Und sie lernen zahlreiche kohlenhydratarme Gerichte kennen.

Klinikeigene Untersuchungen zeigen, dass mindestens die Hälfte der Diabetespatienten durch diese kohlenhydratreduzierte Ernährung völlig ohne Insulinspritze auskommt. Die restlichen Patienten können nach der Kur und Ernährungsumstellung die Insulin-Dosis um 50 Prozent reduzieren.

Die Mehrheit der Patienten in Überruh schafft es, ihr Leben dauerhaft umstellen - wie Helmut R. Seit der Reha bewegt er sich mehr und isst kohlenydratreduziert. So hat er seiner Krankheit ein Schnippchen geschlagen.

Autorin: Anja Galonska (HR)

Adresse:
Rehaklinik Überruh
Bolsternang
88316 Isny im Allgäu
Telefon 07562 75 - 0
Telefax 07562 75 - 400
info(at)rehaklinik-ueberruh.de

Stand: 20.06.2013 16:57 Uhr