SENDETERMIN So, 27.04.14 | 17:00 Uhr

Mysteriöse Krankheit: Ein Fall für den deutschen "Dr. House"

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Mysteriöse Krankheit: Ein Fall für den deutschen "Dr. House" | Video verfügbar bis 26.04.2019
Dieter K. hält sich Hand ans Ohr
Dieter K. - ein hoffnungsloser Fall?

Die Geschichte von Dieter K. klingt so absurd, dass man sie kaum glauben kann. Der heute 57-Jährige hat sein Leben lang hart gearbeitet, betreibt erfolgreich ein mittelständisches Bauunternehmen. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben. Doch irgendwann ist seine Hüfte abgenutzt. Er bekommt eine Prothese. Ein Routine-Eingriff. Allein in Deutschland werden jährlich rund 150.000 Patienten mit solchen Endoprothesen versorgt. Vor etwa vier Jahren stürzt Dieter K.. Ein Teil seiner künstlichen Hüfte wird ausgewechselt. Kurz darauf beginnen die Probleme. Er bekommt unerklärbares Fieber, hört zunehmend schlechter, wird fast blind. Und auch sein Herz wird immer schwächer. Der Anfang einer unglaublichen Leidensgeschichte.

Der moderne Arzt - hochspezialisiert ohne Überblick?

Krankenschwester schiebt Bett durch Flur
Odyssee durch den Ärzte-Dschungel

Wie Dieter K. geht es vielen Patienten. Er tut sich schwer im Ärzte-Dschungel. Mit seinen Symptomen sucht er die unterschiedlichsten Spezialisten auf, vom Allgemeinmediziner zum Ohren- und Augenarzt, über Kardiologen und Neurologen bis hin zum Internisten. Und selbst von den Internisten hat jeder vor allem SEIN Spezialgebiet im Blick: Der Kardiologe das Herz, der Pneumologe die Atemwege, der Nephrologe die Nieren, der Gastroenterologe den Verdauungstrakt. Generalisten in der Medizin scheint es immer seltener zu geben. Für Patienten wie Dieter K. bedeutet das eine Odyssee, ausgerechnet dann, wenn man krank ist und am wenigsten Kraft zum Kämpfen hat.

Ein Marburger Professor - Kämpfer für die hoffnungslosen Fälle

Professor Jürgen Schäfer
Professor Jürgen Schäfer - ein Ausnahmemediziner

Fälle wie der von Dieter K. sind keine Seltenheit. Immer wieder kommen Patienten mit unklaren, manchmal rätselhaften Leiden zu Professor Jürgen Schäfer an die Universität Marburg. Er selbst ist Internist und obendrein auch noch Herzspezialist, Endokrinologe und Intensivmediziner. Ein Ausnahmemediziner, der seinen Beruf als Berufung begreift. Fälle, an denen seine Kollegen sich die Zähne ausbeißen, sind für ihn eine Herausforderung. Dabei setzt er auf eine besondere Konstellation in seinem Ärzteteam: erfahrene Ärzte unterschiedlicher Fachgruppen, die in ihrem Berufsleben schon so Einiges gesehen haben. Aber auch junge Kollegen, die frisch von der Universität kommen und seltene Erkrankungen und deren Symptome noch frisch aus dem Lehrbuch im Gedächtnis haben.

Die Methode Dr. House

Vorlesung Dr. House
Die Methode Dr. House: alles hinterfragen

So ernst, wie Professor Schäfer das Leid seiner Patienten nimmt, so wichtig ist ihm die umfassende Ausbildung seiner Studenten. Für sie hat er ein ungewöhnliches Seminar zur Diagnostik entwickelt. Dafür hat er sich auch mit den Helden verschiedener Arzt-Serien im Fernsehen beschäftigt, ihre Vorgehensweise und medizinische Richtigkeit analysiert. Besonders angetan hat es ihm der Held der amerikanischen Serie "Dr. House". Ihn hält Professor Schäfer zwar für kauzig und im Umgang mit Kollegen und Patienten häufig für ruppig und äußerst fragwürdig. Aber als Mediziner ist Dr. House genial, denn die Machern haben sauber recherchiert - und für die Studenten ist es im Vorlesungsalltag ein Höhepunkt. Das Besondere an Dr. House: Er ist stets bereit, alle Diagnosen, auch seine eigenen, zu jedem Zeitpunkt zu hinterfragen und wieder ganz von vorne anzufangen.

Die Hüfte - Ursache allen Übels

Professor Schäfer, neben ihm ist das Röntgenbild auf einem Monitor zu sehen
Eine schwierige Diagnose - die Hüfte als Ursache

Ganz von vorne wieder anfangen - das ist auch der Schlüssel zum Erfolg im Fall von Dieter K.. Professor Jürgen Schäfer verlässt sich nicht nur auf die umfangreiche Krankenakte und die Überweisungsberichte seiner Kollegen. Er spricht mit Dieter K. und seiner Schwester noch einmal detailliert über den Krankheitsverlauf - eine erneute "Erst-Anamnese". Aufmerksam hört er zu. Schnell kommt ihm ein Verdacht. Ein Verdacht, auf den ihn einer der Fälle des Fernseh-Arztes Dr. House gebracht hat, den er auch in sein Seminar aufgenommen hat: Kobaltvergiftung. Der zerbrochene Keramikhüftkopf von Dieter K. wurde gegen einen Hüftkopf aus Metall ausgetauscht. Keramik ist ein sehr hartes Material, das extrem selten bricht. Tut es das aber dennoch, so lassen sich die Splitter niemals vollständig aus dem Körper entfernen. Diese Splitter reiben den Metallkopf ab wie Sandpapier. Das verursacht eine Anreicherung von Kobalt und Chrom im Körper, was wiederum zu einer akuten Kobaltvergiftung führt. Mit den typischen Symptomen Taubheit, Blindheit, Herzschwäche.

Am Anfang war - die Anamnese

Dieter K. wird noch einmal operiert. Der völlig zerstörte Metallkopf wird entfernt. Er bekommt dieses Mal wieder eine Keramikprothese. Nach einer langwierigen Entgiftung kann er inzwischen wenigstens wieder etwas besser hören und sehen. Und auch die Herzschwäche geht langsam zurück. Gesund allerdings wird er wohl nie mehr.

Damit noch mehr solch hoffnungslosen Patienten geholfen werden kann, gibt es seit Ende 2013 in Marburg ein "Zentrum für unerkannte Krankheiten" mit Professor Jürgen Schäfer als Leiter. Bis heute haben sich schon Hunderte Patienten aus ganz Deutschland bei ihm gemeldet. Für sie alle sind er, sein Team und die Methode "Dr. House" die letzte Hoffnung.

Autorin: Iris Rietdorf

Stand: 27.04.2014 15:50 Uhr