SENDETERMIN Sa, 25.10.14 | 16:00 Uhr

Zucker oder Fett - wer ist der wahre Übeltäter?

Zucker oder Fett - wer ist der wahre Übeltäter? | Video verfügbar bis 24.10.2019

Wie wirken Zucker und Fett?

Zwillinge auf Fahrrad mit Fett-Zucker-T-Shirts
Was macht fitter: Fett oder Zucker? Die Zwillinge wollen es herausfinden.

Fett gilt als Dickmacher Nummer Eins. Zuviel Fett im Essen ist zudem ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch Zucker gilt als ungesund. Manche Experten behaupten ein Zuviel an Zucker und Kohlenhydraten sei noch viel schlimmer als Fett.

In [W] wie Wissen machen wir den Vergleich. Wir begleiten ein Zwillingspaar während einer extremen Ernährungs-Phase und wollen wissen: Wie wirkt Fett, wie wirkt Zucker?

Der Test

Zwillinge mit Ernährungsforscherin an Esstisch
Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christiana Gerbracht begleitet das Ernährungs-Abenteuer.

Miles und Dean überlegen nicht lange, als es darum geht, das Ernährungs-Abenteuer "Fett versus Zucker" anzugehen. Allerdings ist die Entscheidung, wer übernimmt den Zucker-, wer den Fett-Part nicht ganz einfach für sie. Denn beide haben die gleichen Vorlieben, nicht nur beim Essen. Fitness spielt für sie eine wichtige Rolle, beide spielen Fußball, beide joggen regelmäßig. Sie achten zwar auf eine ausgewogene Ernährung, essen aber auch gerne mal ein saftiges Steak und eine große Portion Tiramisu. Schließlich entscheiden sie per Los: Miles wird sich zehn Tage lang zucker- und kohlenhydratreich ernähren, Dean wird zehn Tage eine fettbetonte Kost zu sich nehmen. Begleitet wird das Experiment vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke.

Der Speiseplan

Kohlenhydratlebensmitte  und Fettlebensmittel
Die Extremdiäten

Miles darf alle zucker- und kohlenhydratreichen Speisen essen: Brot, Brötchen, Marmelade, Müsli, Reis, Nudeln, Kartoffeln, aber auch Früchte. Wichtig ist dabei, dass sein Speiseplan kaum Fett enthält. "Ich bin gespannt, wie sich das auf meine Psyche auswirkt," gibt Miles zu bedenken, ist aber zuversichtlich, dass er die Diät durchhält. Müsli und viel Obst ist ja erlaubt und stehen bei ihm ohnehin täglich auf dem Frühstückstisch.

Sein Zwillingsbruder Dean übernimmt die fettbetonte Kost. Zehn Tage lang wird er bei Wurst, Fleisch, Eiern in jeder Form, Speck, Käse und Fisch zulangen. Auch so leckere Dinge wie Mayonnaise oder Fleischsalat sind erlaubt. Allerdings ohne Brot, denn auf alle Kohlenhydrate muss Dean verzichten.

Mengenmäßig sind den Zwillingen keine Grenzen gesetzt - von ihrer Extrem-Kost dürfen sie essen, soviel sie wollen.

Die Untersuchung - was wird gemessen?

Zwilling bei der Blutabnahme
Wie werden sich die Blutwerte durch die extreme Ernährung verändern?

Vor Beginn der zehntägigen Extrem-Ernährung werden die Zwillinge am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) untersucht. Miles wiegt gut 70 Kilogramm bei einer Größe von 1,80 Meter. Dean ist etwas größer und schwerer. Mit einem BMI von 21,9 und 22,3 liegen die 25-jährigen Männer im optimalen Bereich. Eine Überraschung gibt es bei den Blutzuckermessungen - der Glukose-Wert ist bei den Zwillingen bis auf die Stelle hinter dem Komma identisch. Auch ihre Blutfett-Werte sind ähnlich und ganz normal. Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christiana Gerbracht vom Dife erläutert, auf welche Messungen und Parameter es bei dem bevorstehenden Experiment ankommt: "Wir bestimmen zu Beginn und am Ende den Blutzucker, die Blutfettwerte, dazu gehören die Cholesterinwerte, also das Gesamtcholesterin, LDL-, HDL-Cholesterin und die Triglyceride. Diese Risikoparameter geben uns einen Hinweis darauf, wie ist der Status jetzt und wie wird er nach der extremen Ernährungsveränderung sein. Studien zeigen uns, dass die Ernährung einen ganz wichtigen Einfluss auf diese Werte hat. Das heißt wir können über die Ernährung auch Erkrankungen vorbeugen."

Es handelt sich nicht um einen wissenschaftlichen Versuch, sondern um ein Experiment mit zwei Personen. Die Zwillinge sind gespannt, was die Kostformen mit ihnen machen.

Extreme Ernährung: Wer hat die Nase vorn?

Miles Atwell hat zehn Tage lang zucker- und kohlenhydratreiche Kost gegessen, Dean Atwell hat die fettreiche Kost genossen . Wer kann sich besser konzentrieren? Welche Ernährungsform macht schneller satt? Fett oder Zucker? Und: Wer ist schneller beim Fahrradrennen?

Der Frühstücks-Test

Müsli und Fleisch
Wer nimmt mehr Kalorien beim Frühstück auf?

Miles und Dean frühstücken auf nüchternen Magen. Soviel sie wollen, so lange bis sie satt sind. Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christiana Gerbracht notiert jeden Bissen und berechnet die Energiemenge. Das Ergebnis zeigt: Dean mit der Fett-Kost hat 600 Kilokalorien zu sich genommen, Miles mit der Zucker-Kost 1.200 Kilokalorien. Miles hat mit Marmeladenbrötchen, Haferflocken, Früchten und Vollkornbrot also doppelt so viel Kalorien verschlungen als sein Zwillingsbruder. Dean war nach Rühreiern, Steak und gegrilltem Huhn schnell satt. Die Erklärung, dafür liegt in der Zufuhr von Proteinen. Proteine sättigen schneller. Fleisch, Wurst, Käse und Eier haben nun mal einen nicht unerheblichen Proteinanteil; deshalb sättigt diese Kost besser.

Der Konzentrations-Test

Zwillinge am PC
Unterstützt Zucker die geistige Leistungsfähigkeit?

Das Gehirn verbraucht einen Großteil der Glukose, die der Organismus täglich braucht. Wenn Miles und Dean bei einem Konzentrationstest um die Wette rechnen, ist zu erwarten, dass Zucker-Miles im Vorteil ist. Doch es kommt anders: Dean gewinnt! Er ist ein paar Sekunden schneller und schafft bei den gestellten Aufgaben einen Punkt mehr. Konzentrations- und Denkvermögen hängen von viel mehr ab als nur von der Nahrung. Selbst bei Zwillingen. Dean hatte einfach die bessere Tagesform.

Das Fahrrad-Rennen

Zwei Fahrradfahrer
Wer wird das Rennen gewinnen?

Zunächst strampeln Dean und Miles auf einem Fahrradergometer bis zur Erschöpfung. Jetzt sind ihre Glukose-Speicher leer. Das ist die Voraussetzung für ein Fahrradrennen über eine vier Kilometer lange Strecke. Vor dem Start trinkt Miles eine Glukoselösung, Dean isst eine Portion Butter. Jetzt macht nur noch die Ernährung den Unterschied. Was ist der bessere Treibstoff? Nach dem Start geht es in eine Konditionsphase. Wie zu erwarten liegt Zucker-Miles vorn. Aber beim Endspurt holt Fett-Dean auf und gewinnt knapp. Ernährungswissenschaftlerin Christiana Gerbracht ist erstaunt. Denn eigentlich sind Zucker und Kohlenhydrate die Top-Lieferanten schlechthin für die sportliche Leistungsfähigkeit:"Aber ich geh davon aus, die beiden sind jetzt sehr jung, das heißt da kann der Stoffwechsel extrem kompensieren und deshalb hatte der Fett-Zwilling diesmal die Nase vorn."

Die Enduntersuchung

Nach zehn Tagen Extrem-Ernährung erfolgt die Enduntersuchung. Die Zwillinge haben gut durchgehalten. Dean kann zwar kein Fleisch mehr sehen, hat aber mit Rühr- und Spiegelei, Käse und Nüssen gut durchgehalten. Miles hat sich an große Portionen Müsli gehalten und viel Reis gegessen.

Gewicht

Die Überraschung beim Wiegen: Beide haben zugenommen. Miles 1,7 Kilogramm, Dean 2,1 Kilogramm. Das war so nicht zu erwarten. Denn einseitige Kostformen führen in der Regel dazu, dass man weniger davon isst. Mögliche Erklärung bei Dean, er hat sich durch die Fett-Kost oft so schlapp gefühlt, dass er sich nicht mehr zum Sport aufraffen konnte. Und Miles ist von der fettfreien Zucker-Kost einfach nicht so gut satt geworden und musste deshalb mehr essen.

Blutwerte

Dafür hat die einseitige Ernährung die Blutwerte völlig durcheinandergebracht. Bei Zucker-Zwilling Miles sind ausgerechnet die Fettwerte im Blut gestiegen, die Triglyceride. Sie liegen zwar noch in der Norm, zeigen aber eindeutig eine Tendenz nach oben, berichtet Dr. Christiana Gerbracht: "Das kann man sich erklären durch die extreme Zufuhr von kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln. Dazu kommt, dass sich der gute Anteil des Cholesterins, das HDL auch gesenkt hat. Also das ist der Ernährungseinfluss durch die Zufuhr von Kohlenhydraten. Würde er so weiteressen und weiter an Gewicht zunehmen, könnte das definitiv in Richtung Fettstoffwechselstörung und dann auch in Richtung Herz-Kreislauf-Erkrankung gehen."

Bei Fett-Zwilling Dean sind dagegen die Glukose-Werte im Blut gestiegen. Sie liegen zwar noch in der Norm, trotzdem ist das für Dr. Christiana Gerbracht bedenklich: "Durch die fettreiche Kost kann es sein, dass das Insulin an den Zellen im Körper nicht mehr so ganz wirksam ist. Ein zweiter Aspekt kommt dazu: Das Körpergewicht hat sich vermehrt und das kann natürlich auch dazu beitragen, dass der Blutzuckerspiegel schlechter wird. Wenn jetzt noch eine positive Familienanamnese dazukommt, dann könnte er ein erhöhtes Risiko haben, wenn er so weiteressen wrüde und wenig Sport macht, dass er ein erhöhtes Risiko für die Diabetes-Erkrankung hätte."

Fazit

Miles und Dean haben die Risiken von Zucker und Fett am eigenen Leib erfahren. Sie wissen nun, dass Sport allein nicht ausreicht, um fit und gesund zu bleiben. Die Ernährung spielt vor allem langfristig eine große Rolle, wenn es darum geht, den Körper vor möglichen Zivilisationskrankheiten zu schützen.

Autorin: Monika Kovacsics (SWR)

Stand: 14.11.2014 09:16 Uhr