SENDETERMIN Sa, 06.09.14 | 16:00 Uhr

Schornsteinsprengung

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Schornsteinsprengung - unterwegs mit einem Sprengmeister | Video verfügbar bis 05.09.2019

"Es ist wie Bäume fällen..."

Ein 67 Meter hoher Schornstein
Dieser Schornstein soll weg.

... sagt Martin Hopfe, Chef der Thüringer Sprenggesellschaft und mustert den 67 Meter hohen Schornstein. Der steht in einem Zementwerk in Erwitte, 70 Kilometer östlich von Dortmund. Noch, denn Hopfe will ihn "sprengtechnisch niederführen", wie es fachlich korrekt heißt. Dieser Schornstein muss ausgesprochen exakt fallen, denn er steht in einer engen Nische des alten Betonwerks. Die Gebäude, die ihn von drei Seiten umschließen, dürfen bei der Sprengung nicht beschädigt werden.

Sprengmaul auf und tschüss!

Der Sprengmeister füllt etwas in extra gebohrte Löcher am Schornstein.
Das "Sprengmaul" wird vorbereitet.

Martin Hopfe will den Schornstein durch eine sogenannte Fallrichtungssprengung präzise aus der engen Nische kippen lassen. Dafür ließ er das Bauwerk an 70, vorher exakt angezeichneten Stellen anbohren, um es mit Sprengladungen zu präparieren. Wenn sie fast gleichzeitig explodieren werden sie das so genannte "Sprengmaul" aufreißen, eine keilförmige Öffnung am Fuße des Schornsteins. Für einen kurzen Moment wird es so aussehen, als habe ein unsichtbarer Riese mit einer gigantischen Axt über die Hälfte der Standfläche herausgeschlagen. Es ist, als würde man einem Stuhl in einer Zehntelsekunde zwei Beine wegtreten. Der Schornstein kann sich nicht mehr halten. Er kippt in die Richtung, wo der Keil herausgesprengt wurde. Wenn alles gut geht, dann wird er auf einem eigens vorbereiteten Fallbett aus Sand zerschellen.

Sprengung der Sinntal Autobahnbrücke an der A7
Sprengung der Sinntal Autobahnbrücke an der A7

Das Verfahren funktioniert auch mit Hochhäusern, Plattenbauten oder Autobahnbrücken. Immer entsteht ein keilförmiges Sprengmaul und dorthin kippt dann die ganze Konstruktion. In einigen Fällen musste Martin Hopfe ganze Etagen aus Häuserfronten heraussprengen, um den gezielten Kollaps einzuleiten. Die Schwerkraft und die Masse des Bauwerks erledigen dann den Rest.

Schneiden, falten, legen

Der Berliner Funkturm knickt im unteren Bereich ein.
"Falt-Sprengung" des Berliner Funkturms

Es ist sogar möglich, hohe Bauwerke, wie Türme oder eben Schornsteine, bei der Sprengung zu falten. Das ist immer dann nötig, wenn nicht genug Platz vorhanden ist, um das Bauwerk in voller Länge in die Landschaft kippen zu lassen. Dafür müssen mehrere Sprengmäuler in verschiedenen Höhen gesprengt werden. Die keilförmigen Öffnungen zeigen nach der Detonation jeweils in entgegengesetzte Richtungen. Dementsprechend kippen die einzelnen Gebäudeteile dann auch, so dass ein Falteffekt wie bei einem Zollstock entsteht. Auf diese Weise hat Sprengmeister Hopfe den 358 Meter hohen Berliner Funkturm auf ein Fallbett von nur 80 Metern in die eine, und 60 Metern in die andere Richtung krachen lassen.

Im Gegensatz zu dem Schornstein im Zementwerk Erwitte bestand der Funkturm aus einem Stahlgerüst. Deshalb wurden hier keine Löcher gebohrt und mit Sprengstoff bestückt sondern sogenannte Schneidladungen eingesetzt. Sie bestehen aus einem geknickten, dachförmigen Kupferblech, das an der Stelle befestigt wird, die durchtrennt werden soll. Auf dem "Giebel" dieses kleinen "Daches" befindet sich eine Sprengladung. Bei der Detonation wird das Blech mit solcher Gewalt nach innen eingedrückt, dass die Kupferblechschiene wie eine glühende Axt selbst Zentimeter dicke Stahlträger durchschneidet.

Zögerlich gezündet

Der Zünder wird in den weichen Sprengstoff gedrückt
Die benutzten Zünder sind kleine pyrotechnische Wunderwerke.

Die Zünder der Sprengladungen sind kleine, pyrotechnische Wunderwerke. Die meisten werden elektrisch ausgelöst. Ein Glühdraht entzündet einen Minibrandsatz und der wiederum sorgt dafür, dass der Industriesprengstoff aus gelatinösem Ammonsalpeter "umgesetzt wird", wie die Fachleute sagen. Ohne Zünder ist der Sprengstoff relativ ungefährlich. Die Flamme eines Feuerzeugs würde nicht ausreichen, um ihn zur Explosion zu bringen. Bei der Zündung selbst arbeiten die Fachleute fast immer mit Zeitverzögerungen, denn ein großes Loch/Sprengmaul lässt sich am besten in eine Wand sprengen, wenn die dicht beieinander liegenden Ladungen im Millisekunden-Abstand detonieren und die Fläche von innen nach außen aufreißen. Deshalb haben die einfachen Zünder einen chemischen Verzögerer eingebaut. Der Sprengmeister verwendet also vom Zentrum bis zu den Rändern des Sprengmauls immer andere, fein abgestufte Zünder. Die Zeitstufen der Explosionen sind damit schon eingebaut.

Große, komplizierte Sprengungen, bei denen zwischen den Detonationen einige Sekunden vergehen müssen, werden elektronisch gesteuert. Da haben die Zünder einen eingebauten Chip, der sich an den vorher einprogrammierten Zeitplan hält. Letztlich geht es auch darum, dass in der Fallphase, wenn ein Bauwerk schon in Bewegung ist, eine Gegensprengung ausgelöst wird und sich Teile des Gebäudes in eine andere Richtung bewegen. Dadurch werden komplizierte Faltungen möglich.

Ein wenig Sprengstoff und ein weiches Bett

Schornstein auf dem Weg ins Fallbett
Schornstein auf dem Weg ins Fallbett

Nur 70 Ladungen mit insgesamt 5,6 Kilogramm Sprengstoff sollen ausreichen, um den Schornstein in Erwitte abzureißen. Das ist kein falscher Geiz. Überdimensionierte Detonationen würden den gefährlichen Streuflug von Betonbrocken und Splittern verstärken. Die eigentliche Zerstörung findet beim Aufprall statt. Meist lassen die Fachleute ein großes Fallbett errichten. Es besteht aus speziellem, sandartigem "Lockermaterial". Das wird beim Aufprall zusammengepresst und schluckt einen Großteil der Energie, so dass die Erschütterungen im Umfeld abgemildert werden. Das ist vor allem wichtig, wenn in unmittelbarer Nähe Gebäude stehen, die keine Risse oder Beschädigungen abbekommen dürfen. Gleichzeitig sorgt das Fallbett dafür, dass ein Bauwerk, wie der Schornstein in Erwitte, beim Aufprall möglichst vollständig zerbricht. Denn das Lockermaterial wird nicht etwa gleichmäßig auf dem Boden verteilt sondern in kleinen Hügelketten aufgehäuft. Im rechten Winkel zur Fallrichtung betrachtet, bildet es also ein wellenförmiges Bett. In diesen Wellen zerschellt ein Bauwerk wie ein Schornstein besonders wirkungsvoll, weil die Aufprallenergie sich ebenfalls wellenförmig verteilt. Zurück bleibt viel Staub, Schutt und jede Menge Arbeit für den Bagger. Im Falle des Erwitter Schornsteins hat alles exakt funktioniert. Er ist zentimetergenau aus seiner Nische gekippt.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 17.09.2014 15:56 Uhr