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Heilkraft der Gedanken

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Heilkraft der Gedanken | Video verfügbar bis 03.05.2019
Uni Tübingen: in einem Seminarraum meditierende Studenten
Uni Tübingen: Studenten trainieren die Heilkraft des Geistes

Durch alternative Heilmethoden wie Handauflegen, Meditation oder einfach durch den Glauben an Heilung lassen sich Stress, Angst und sogar lebensbedrohliche Krankheiten in den Griff kriegen. Die Heilkraft des Geistes spielt auf dem Weg zur Gesundheit eine große Rolle. Manche Mediziner schätzen heute, dass sie sogar 50 Prozent des Heilungserfolges ausmacht. Doch kaum jemand weiß, wie genau der Geist uns auf dem Weg zur Heilung hilft.

Achtsamkeits-Meditation gegen Depressionen

Zen Mönche bei der Meditation
Tägliche Reise ins Innere: Zen Mönche bei der Meditation

Methoden wie die Meditation sind in der Naturmedizin und auch in vielen Religionen schon seit Jahrtausenden verankert. Buddhisten zum Beispiel üben die Reise in das Innere auf dem Weg zu Gesundheit und Glück täglich mehrere Stunden und zudem jahrelang. Doch der Heileffekt braucht kein langes Training - schon wenige Sitzungen reichen aus. Das zeigen neuere Studien wie am Institut für Psychologie der Universität Tübingen. Die Forscher trainierten meditationsunerfahrene Patienten einmal wöchentlich mit der sogenannten Achtsamkeits-Meditation. Die Freiwilligen hatten schon einmal an einer Depression oder einem sogenannten Burn-Out gelitten, zum Zeitpunkt des Tests waren sie allerdings beschwerdefrei. Bei diesen Krankheiten ist die Rückfallquote sehr hoch. Durch Achtsamkeits-Meditation - das weiß man aus vergleichbaren Untersuchungen - gibt es deutlich weniger Rückfälle. Das es wirkt, war also klar, nicht aber was genau im "Oberstübchen" passiert.

Das EEG zeigte schon nach acht Wochen deutlich, dass sich das sogenannte Achtsamkeitspotenzial gesteigert hat. Das bedeutet: Auf den Hirnrinden der Teilnehmer haben die Forscher eine höhere Spannung gemessen. Dieser scheinbar oberflächliche Effekt lässt auf tiefe Veränderungen im Gehirn schließen.

Einfache Maßnahme - Große Wirkung

Ein Frau beim EEG
Kann man die Wirkung einer Achtsamkeits-Meditation im EEG erkennen?

Mentales Training steigert die Aktivität der Nervenbahnen insgesamt. Achtsamkeits-Meditation ist eine Konzentrationsübung, mit der man alle planerischen und bewertenden Gedanken, alles von Gestern und Morgen ausblendet und nur das Hier und Jetzt in den Vordergrund spielt. "Unser Gehirn ist gewöhnt, immer über etwas nachzudenken, und man lernt, das zu unterbinden, und zwar nicht, indem man sich verbietet zu denken, sondern man lernt, die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Atem zu richten", erklärt der Psychologe Dr. Vladimir Bostanov, der die Versuchsreihe durchgeführt hat.

Es ist wie ein einfacher Trick: Durch die Konzentrationsübungen wird der Geist zur Pause gezwungen. Dem Körper wird die Möglichkeit gegeben, Stress abzubauen. Gleichzeitig profitiert das vegetative Nervensystem - und auch das ist messbar: So konnte zum Beispiel die Leipziger Forscherin Bethany Kok in einem Experiment nachweisen, dass der Vagusnerv durch Meditation gestärkt wird.

Der direkte Draht zur Immunzelle

Animation: Signal kommt gerade an und Granulate werden freigesetzt
Mastzellen setzen nach einem Impuls körpereigene Abwehrstoffe frei.

Mit der Meditation wird unser Geist sozusagen geimpft - in diesem Fall gegen Stress oder gegen Depressionen. Doch mentales Training wirkt auch gegen viele andere Krankheiten. Im Grunde hat jeder Körper seine eigene Erste-Hilfe-Apotheke an Bord: das Immunsystem. Und das kann man bewusst aktivieren. Die Psychoneuroimmunologin Dr. Eva Peters von der Justus-Liebig-Universität Gießen erforscht die Abläufe zwischen dem Nervensystem und dem Immunsystem. Wenig bekannt ist, dass zum Beispiel die Mastzellen über Nervenenden direkt vom Gehirn beeinflusst werden. Mastzellen sind Zellen des Immunsystems, die überall in der Haut und den Atemwegen vorkommen. Signalstoffe der Nerven können die Mastzelle sozusagen in Alarmbereitschaft versetzen. Nach dem Eindringen von fremden, potenziell schädlichen Stoffen setzen die Mastzellen dann leichter körpereigene Abwehrstoffe frei.

Arzneien an Bord: Glück, Liebe, Hoffnung

Für Mediziner wird es immer deutlicher: Abläufe im Immunsystem funktionieren offenbar besser, wenn man verliebt ist oder ganz allgemein glücklich und gesund lebt, nicht gestresst ist und regelmäßig Sport treibt. "Eine optimistische Haltung oder auch ein Fokus auf etwas, was ich gut kann oder was eine Stärke von mir ist - also das sind ja mentale Prozesse, Vorstellungen oder Gedanken - beeinflusst die Stimmung, beeinflusst die Physiologie und reduziert damit auch das Belastungsniveau", sagt Professor Martin Hautzinger, der das Psychologische Institut der Universität Tübingen leitet, an dem das Meditations-Experiment durchgeführt wurde.

Die Wissenschaft beginnt gerade erst, das Geheimnis der Heilung durch den Geist zu lüften. Doch eins ist jetzt schon klar: Gedanken und Stimmungen wirken im Körper und lassen sich in der körpereigenen Apotheke gewinnbringend nutzen.

Autor: André Rehse (SWR)

Stand: 07.05.2014 11:13 Uhr