SENDETERMIN So, 14.07.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Gift im Gartenkraut

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Gift im Gartenkraut | Video verfügbar bis 13.07.2018
Eine Frau gießt Blumen in einem Garten
Urban Gardening - Gärtnern in der Stadt

Etwa 8,5 Milliarden Euro geben deutsche Hobbygärtner laut des Industrieverbands Garten jedes Jahr für Grün-, Nutz- und Zierpflanzen aus. Besonders die Städter sehnen sich nach der Natur und nach dem Gärtnern. Ein Trend der letzten Jahre: "Urban Gardening". In öffentlich zugänglichen Bereichen der Stadt werden Gemüsefelder bestellt. Aber auch im eigenen Garten oder im gepachteten Schrebergarten gehen viele dieser Leidenschaft nach: Doch Vorsicht! Besonders in den großen Städten kann eine Gesundheitsgefahr lauern.

Gemüseanbau in der Stadt - eine Gesundheitsgefahr?

Kohlrabi
Eigenanbau - immer gesund?

Wer sein Gemüse im eigenen Schrebergarten anbaut, benutzt meist keine Kunstdünger oder Pflanzenschutzmittel und erntet somit besonders gesunde Produkte - sollte man meinen. Doch Ina Säumel, Expertin für Umweltgifte an der Technischen Universität Berlin, rät zur Vorsicht beim Gärtnern in der Großstadt. In der Stadt sind Böden oft belastet, unter anderem mit Schwermetallen wie Cadmium und Blei, erklärt die Ökotoxikologin. Der Verzehr von Gemüse mit solchen Belastungen kann gesundheitliche Folgen haben, beispielsweise für das Herz-Kreislaufsystem, das Nervensystems oder für die Nieren.

Industrie- und Autoabgase
Industrie- und Autoabgase belasten die Luft.

Durch Verkehrs- und Industrieabgase gelangt jede Menge Feinstaub in die Luft und der enthält Cadmium und Blei. Dieser Feinstaub sinkt zu Boden und die Schwermetalle werden von den Pflanzen aufgenommen. Aber auch Dünger und Pflanzenschutzmittel können mit Schwermetallen belastet sein.

Hobbygärtnern auf dem Prüfstand

Sollten Städter den privaten Gemüseanbau also besser bleiben lassen? Das wollen wir wissen und machen einen Test in Berlin. Bei drei passionierten Kleingärtnern nehmen wir Proben von Salat und Gemüse - jeweils etwa 200 Gramm Salat, Kohlrabi und Radieschen. Die werden wir auf ihre Schwermetallbelastung untersuchen lassen. Der erste Garten liegt nur wenige Meter hinter einer Autobahnzufahrt, dort staut sich der Verkehr fast den ganzen Tag lang. Hat das Auswirkungen auf den Gemüseanbau im Garten? Die Gartenbesitzerin glaubt, dass in ihrem Gemüse keine gesundheitsschädlichen Stoffe stecken, da sie sogar die Samen zum Teil selbst züchtet und keine Kunstdünger einsetzt. Der zweite Garten ist einige Kilometer entfernt und liegt an einer weniger befahrenen Straße. Auch dieser Kleingartenbesitzer hat keine Bedenken. Er arbeitet nur mit organischem Dünger und eigener Komposterde. Der dritte Garten liegt am anderen Ende der Stadt, mitten in einer Kleingartenanlage. Die nächstgrößere Straße ist rund einen halben Kilometer entfernt.

Die Proben bringen wir noch am gleichen Tag in ein Berliner Untersuchungslabor. Dort wird jede einzelne Probe zerkleinert, eingewogen und mit einer Mischung aus Salzsäure und Salpetersäure, auch Königswasser genannt, versetzt. Nach dem Kochen werden die noch festen Bestandteile herausgefiltert. Danach wird die gewonnene Flüssigkeit in einer speziellen Apparatur, dem Atomabsorptionsspektrometer, analysiert.

Untersuchungsergebnis - Grenzwert für Bleibelastung überschritten

Blätterschnipsel in einem Reagenzglas
Die Pflanzen werden auf Schwermetallbelastungen untersucht.

Drei Tage später liegen die Ergebnisse vor. Besonders auffällig ist die hohe Bleibelastung im Salat, 0,528 Milligramm auf das Kilogramm hochgerechnet, aus dem ersten Garten, also dem mit der stärksten Verkehrsbelastung. Der zulässige EU-Grenzwert von 0,30 Milligramm pro Kilogramm wird deutlich überschritten. Auch die Belastung der Radieschen liegt über dem zulässigen Grenzwert. Salat und Radieschen aus diesem Garten sollte man nicht mehr essen. Der Kohlrabi ist mit 0,054 Blei pro Kilogramm Frischmasse belastet, er könnte also noch gegessen werden. In den anderen beiden Gärten wird der Grenzwert zwar eingehalten, dennoch sind die Proben teilweise mit Blei belastet. Betroffen ist vor allem auch hier der Kopfsalat. Der Cadmiumgehalt ist in allen drei Gärten unbedenklich.

Woher kommt die hohe Bleibelastung?

Obwohl das Benzin ist seit Jahren bleifrei ist, finden sich Bleirückstände in den Gemüse Proben. Das hängt damit zusammen, dass Schwermetalle sehr stabil sind, das heißt: Sie bleiben im Boden, sie bauen sich nicht leicht ab, erklärt Dr. Ina Säumel. "Wir treten ein Erbe an aus der Vergangenheit und es kommen natürlich immer auch noch neue Einträge dazu, aus dem Reifenabrieb oder wenn bleihaltige Farben verwendet werden."

Ist Gemüse aus dem Supermarkt besser?

Das Dilemma: Auch Supermarktware ist nicht zwangsläufig besser. Die TU-Berlin hat dazu Vergleichsstudien gemacht. Zwar haben Mangold, Tomate, Möhre und Kohl aus dem Supermarkt insgesamt besser abgeschnitten als die Vergleichsprodukte aus Kleingartenanlagen, die in der Nähe von stark befahren Straßen lagen. Dafür waren in der Studie Kohlrabi, Bohnen, Äpfel, Mirabellen, Pflaumen und Nüsse aus dem Supermarkt teilweise stärker belastet als die jeweiligen Stadtgemüse bzw. Stadtfrüchte.

Was tun?

Heckenstrukturen als biologische Luftfilter
Hecken dienen als biologische Luftfilter.

Auf den Gemüseanbau im städtischen Garten muss man nicht verzichten, aber Dr. Ina Säumel rät allen drei Gartenbesitzern Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, um das Gemüse gegen die Schadstoffe zu schützen. Denn grundsätzlich sollte jede Bleibelastung vermieden werden.

Ein Tipp: Mit "biologischen Luftfilter" können die Gemüsebeete von der Straße abgeschirmt werden. Als Filter kommen zum Beispiel Hecken und Totholzhecken in Frage oder auch Obstgehölze und Obststräucher. Das Obst kann dann natürlich auch wieder mit Blei belastet sein. Laut Studien wurden die Grenzwerte für Blei und Cadmium aber in der Regel nicht überschritten - selbst wenn das Obst unmittelbar neben der Straße geerntet wurde. Man sollte es vor dem Verzehr aber gut abwaschen, um den Teil der Schadstoffe zu entfernen, die außen auf dem Obst haften.

Einfache Lösungen für jeden Gartenbesitzer

Hochbeete in Säcken
Alternative: Hochbeete in Säcken schützen vor belasteten Böden.

Ein weiterer Tipp: Vom Boden isolierte Beete anlegen - zum Beispiel in Kisten, Säcken oder klassischen Hochbeeten. Genau so werden unsere drei Hobbygärtner in Zukunft ihren Salatbeete anbauen: in Hochbeeten oder Sackgärten mit "sauberer Erde". Denn für die Kleingärtner kommt mit Schwermetall belastetes Gemüse nicht in die Tüte.

Adresse:
Technische Universität Berlin

Institut für Ökologie
Fachgebiet Ökologische Wirkungsforschung und Ökotoxikologie (BH09-1)
Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie
Straße des 17. Juni 135
10623 Berlin

Stand: 14.07.2013 17:56 Uhr