SENDETERMIN So, 25.05.14 | 17:00 Uhr

Was Hänschen nicht turnt - Macht Bewegungsmangel Kinder schlapp und unkoordiniert?

Macht Bewegungsmangel Kinder schlapp und unkoordiniert? | Video verfügbar bis 24.05.2019 | Bild: WDR


Heutige Kinder und Jugendliche sind weniger fit und haben eine deutlich schlechtere Körperkoordination als ihre Eltern früher. So oder so ähnlich liest man es jedenfalls immer wieder in den Medien. Was ist dran an dieser Behauptung? Und was sind die Ursachen?

Am Anfang war das Motorik-Modul

Ein Kind steht einem Sportlehrer in einer Sporthalle gegenüber.
Wie fit sind Schulkinder? | Bild: NDR

Ursprung all dieser Berichte ist die sogenannte KIGGS-Studie. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums untersuchte das Robert-Koch-Institut, wie gesund Kinder und Jugendliche in Deutschland sind. Ein Teil dieser ab 2003 durchgeführten Großstudie war das sogenannte Motorik-Modul.

Forscher des Instituts für Sport und Sportwissenschaft der Uni Karlsruhe testeten und befragten bundesweit 4.529 Kinder und Jugendliche an 167 Orten. Wie weit konnten sie springen, wie schnell und wie lange laufen, wie sicher balancieren? Womit verbrachten sie ihre Freizeit, und wie viel und wie intensiv bewegten sie sich dabei?

Bemerkenswerte Ergebnisse

Ein Kind versucht mit den Fingerspitzen an seine Zehen zu kommen.
Fast die Hälfte der getesteten Kinder erreichen ihre Füße nicht. | Bild: NDR

Bei diesen Tests stellten die Sportwissenschaftler fest, dass 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht in der Lage waren, zwei oder mehr Schritte rückwärts auf einem schmalen Balken zu balancieren. 43 Prozent erreichten bei Rumpfbeugen nicht die eigenen Füße. Im Weitsprung aus dem Stand lag die durchschnittliche erreichte Weite 14 Prozent unter dem, was gleichaltrige Kinder 1976 noch geschafft hatten.

Verschlechterungen, die auch langjährige Sportlehrer wie Ingo Schiller von der Oberschule an der Egge in Bremen im Unterrichtsalltag beobachten: "Die Koordinationsfähigkeit hat meines Erachtens deutlich abgenommen. Ebenso die motorischen Fähigkeiten wie Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer. Schüler können heute kaum noch fünf Minuten am Stück durchgehend laufen."

Veränderter Alltag

Eine Hand auf einer Computertastatur.
Viele Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit am Rechner. | Bild: NDR

Eine mögliche Erklärung dafür sehen Experten im veränderten Alltagsverhalten der Kinder. Sie verbringen im Vergleich zu früheren Generationen weniger Zeit mit bewegungsintensiven Spielen im Freien. Teils weil das große Angebot an elektronischen Medien (Fernsehen, Internet, Spielekonsolen) verlockende Alternativen bietet, teils auch weil Eltern in Sorge vor möglichen Unfällen oder anderen Gefahren ihre Sprösslinge lieber im häuslichen Umfeld spielen lassen. 25 Prozent kommen nach Erhebungen der Karlsruher Sportwissenschaftler höchstens einmal in der Woche zum Spielen an die frische Luft.

Wenn Zahlen nur die halbe Wahrheit sagen

Ein Kind balanciert auf einem Balken.
Beim Leistungstest schneiden auch mehr Kinder gut ab. | Bild: NDR

Trotzdem ist der Eindruck, dass hier eine ganze Generation von unsportlichen Schlaffis heranwächst, falsch. Es stimmt zwar, dass mehr Kinder als früher bei den Fitnesstests schlecht abschneiden, doch auch am anderen Ende des Leistungsspektrums hat es deutliche Veränderungen gegeben.

"Wir sehen eher so etwas wie eine Leistungsschere", sagt Dr. Lutz Müller, Sportwissenschaftler an der Uni Bremen. "Früher hatten wir es mit einer sogenannten Normalverteilung zu tun: Es gab wenige sehr gute Sportler, ein großes Mittelfeld und ein paar schlechte Sportler. Heute haben wir deutlich mehr sehr gute Sportler, ebenso einen größeren Anteil schlechter und nur noch ein sehr kleines Mittelfeld."

Gibt es wirklich einen Bewegungsmangel?

Müller tut sich ebenfalls schwer mit dem oft konstatierten Bewegungsmangel. "Die Kinder und Jugendlichen bewegen sich zwar weniger als ihre Elterngeneration. Aber ist das gleich ein Bewegungsmangel? Tatsächlich wissen wir (noch) nicht, welche Langzeitfolgen ein Weniger an Bewegung oder ein Weniger an körperlicher Fitness haben werden. Vielleicht orientieren wir uns auch nur an einem körperlichen Ideal, das kaum jemand erfüllen kann."

Eine verblüffende Entdeckung

Das Becken eines Kindes
Im Durchschnitt hat die Beckenbreite von Kindern abgenommen. | Bild: NDR

Dass das Weniger an Bewegung tatsächlich Auswirkungen auf den Körper hat, fanden Humanbiologen der Uni Potsdam heraus. Sie untersuchten im Abstand von zehn Jahren Schulkinder und nahmen dabei auch unterschiedliche Körpermaße. Zu ihrer Verblüffung stellten sie fest, dass die durchschnittliche Skelettbreite an den Beckenknochen deutlich abgenommen hatte.

"Zehnjährige Mädchen und Jungen hatten 1999 im Schnitt eine Beckenbreite von 20 bis 23 Zentimetern", erläutert Dr. Christiane Scheffler. "Zehn Jahre später sind es im Schnitt 1 bis 1,5 Zentimeter weniger. Für Körpermaße ist das eine enorm hohe Veränderung."

Ursache und Wirkung

Scheffler und ihre Kolleginnen suchten nach einer Erklärung für das Phänomen. Da genetische und ernährungsbedingte Einflüsse über einen so kurzen Zeitraum ausgeschlossen werden konnten, blieb nur noch ein Faktor übrig: das Bewegungsverhalten der Kinder. Entscheidend war dabei offenbar nicht so sehr die Frage, ob die Kinder regelmäßig Sport trieben, sondern wie viel sie sich im ganz normalen Alltag bewegten. Untersuchungen mit Schrittzählern ergaben: Wer sich weniger zu Fuß bewegte, hatte meist auch ein schmaleres Becken.

Es sind die typischen Bewegungen der Muskulatur, die Wachstumsreize an das Skelett geben. Und wenn die Muskeln weniger benutzt werden... "Es gibt in der Biologie die Diskussion mit Kosten und Nutzen", sagt Dr. Scheffler. "Das heißt: Strukturen, die nicht genutzt werden, werden schwächer ausgebildet. Offensichtlich wird das Skelett bei Kindern, die sich wenig bewegen im Alltag, nicht so benötigt und der Körper spart sich die Ressourcen und baut dieses Skelett geringer auf."

Wie diese Veränderungen sich langfristig auswirken werden, wissen die Forscher noch nicht. Möglicherweise haben diese Kinder in späteren Jahren mehr mit Osteoporose oder anderen Erkrankungen des Bewegungsapparats zu kämpfen. Möglicherweise passt sich aber auch nur die Körperbiologie an veränderte - in diesem Fall verringerte - Anforderungen an.

Sicher ist nur: Was in jungen Jahren nicht an Knochenmasse aufgebaut wird, ist zu einem späteren Zeitpunkt nur unter gewaltigen Anstrengungen nachholbar.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

INFOS ZU DEN STUDIEN

1.) KiGGS
Die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) ist eine vom Robert-Koch-Institut seit 2003 durchgeführte Erhebung zum Gesundheitszustand der in Deutschland lebenden Kinder und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren sowie zu deren gesundheitlicher Entwicklung bis ins Erwachsenenalter. Start der Untersuchungen und Erhebungen war in 2003.

2.) Motorik-Modul
Das Motorik-Modul ist ein Teilmodul der KiGGS-Studie. Es dient zur Ermittlung der motorischen Leistungsfähigkeit und der körperlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren. Ursprünglicher Untersuchungszeitraum waren die Jahre 2003 bis 2006. Es wird aktuell als Längsschnittstudie weitergeführt.

3.) Deutscher Motoriktest DTM 6-18
Eines der Ergebnisse des Motorik-Moduls war die Entwicklung des Deutschen Motoriktests. Er stellt eine etwas vereinfachte, leicht durchführbare Variante der körperlichen Tests aus dem Motorik-Modul dar, mit dem Sportlehrer und Vereinstrainer die körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit ihrer Schützlinge überprüfen können.

Stand: 27.05.2014 14:12 Uhr