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Heißes Pflaster- Die Stadt als Hitzeinsel

PlayW wie Wissen
Heißes Pflaster | Video verfügbar bis 11.08.2018
Messmobil mit Blinklicht bei der nächtlichen Messfahrt
Die Klimatologen der RUB auf nächtlicher Messfahrt

Es ist 11 Uhr nachts. Ein warmer Sommertag ist zu Ende gegangen. Während sich die Menschen in Bochum von der Hitze des Tages erholen, ist die Klimatologin Monika Steinrücke mit ihrem Team in einem Messfahrzeug unterwegs. Diese Nachtmessungen helfen den Klimatologen der Ruhr-Universität-Bochum, sich ein Bild vom besonderen Klima ihrer Stadt zu machen. Während tagsüber Wind und Sonne die Messungen stark beeinflussen, spricht die Nachttemperatur eine deutliche Sprache: Alles über 20 Grad Celsius in der Nacht ist zu heiß und ungesund für Menschen, die in europäischen Klimaverhältnissen aufgewachsen sind.

Kaum ein Luftzug in Bochums City

Messmobil mit ausgefahrenem Windmesser
In fünf Metern Höhe herrscht beinahe Windstille.

Die Forscher führen uns an den üblicherweise heißesten Ort jeder Stadt - in die Fußgängerzone. Hier bleibt die Hitze des Tages zwischen Straßenasphalt und Beton- und Glaswänden regelrecht hängen. Zwar ist die Luftschicht in 50 Zentimeter Höhe immerhin fünf Grad kühler als der heiße Boden, doch die Luft kann sich nicht weiter abkühlen, weil der aufgeheizte Asphalt die Luftschichten wieder und wieder aufwärmt.

Der Windgeschwindigkeitsmesser kann selbst in fünf Meter Höhe kaum einen Luftzug messen. Normalerweise würden Luftbahnen die heiße Luft abtransportieren und frische reinbringen, aber die hohen Häuser verhindern das. Das macht die Innenstadt von Bochum mit ihren angrenzenden Wohnbereichen zu einer sogenannten Hitzeinsel.

Hitze in der Stadt wird zunehmen

Eine solche "Insellage" ist für die Bewohner ganz schön anstrengend. Während einer Hitzeperiode im Sommer kann es passieren, dass die Temperaturen nachts nicht mehr unter 20 Grad Celsius absinken. Das nennen die Wetterforscher dann "Tropennächte". Sie werden auch in Deutschland zunehmen. Tropennächte belasten den menschlichen Organismus. Nachts, in der Erholungsphase, wäre ein gutes Klima aber besonders wichtig. "Tagsüber kann man so eine Hitze viel besser vertragen", sagt die Klimatologin Monika Steinrücke.

Den Prognosen nach werden sich die Hitzeinseln ausweiten. Seit über 100 Jahren werden für Bochum jetzt schon Wetterdaten gesammelt. 1912 gab es nur vier richtig heiße Tage bei einem Temperaturmaximum von 30 Grad Celsius im Jahresdurchschnitt. Momentan sind es zehn Tage und ab 2050 sollen es etwa 30 solcher richtig heißen Tage sein, so die Prognosen. Dann wird vor allem in den Städten die Hitzebelastung von Jahr zu Jahr zunehmen.

Hitzekarte von Bochum

Vergleichskarten der Hitzeinsel Bochums heute und in 50 Jahren (Bild: RUB, WDR)
Es wird heiß (lila): Bochum heute und in etwa 50 Jahren

Diese Prognosen haben inzwischen die Verantwortlichen der Stadt Bochum aufhorchen lassen. Sie haben bei Dr. Monika Steinrücke und ihrem Team ein "Stadtklimaanpassungskonzept" für Bochum in Auftrag gegeben. Am Morgen nach der nächtlichen Messfahrt fährt sie die Strecke noch einmal ab. Aber diesmal mit ihrem Finger auf einer digitalen Karte. Am sogenannten Map Table im Geografischen Institut entwirft das Forscherteam um Monika Steinrücke eine "Hitzekarte" von Bochum. Die verschiedenen Temperatur- und Klimabereiche der Stadt sind farblich gekennzeichnet. Lila eingefärbt ist das ganz "heiße Pflaster", die Hitzeinsel in der Mitte der Stadt. Entwickelt sich das Klima so, wie es die Prognosen vorhersagen, dann wird sich die Bochumer Hitzeinsel auf die angrenzenden Wohnbereiche ausweiten.

"Kleine Lösungen" helfen

Hausfassade mit gelbem und dunkelrotem Anstrich
Dunkle Fassadenfarbe absorbiert die Hitze.

Auf dem "Map Table" können die Forscher aber auch positive Szenarien entwerfen: Was würde sich ändern, wenn man zum Beispiel Schatten spendende Bäume pflanzen, Hausfassaden begrünen oder Wasserläufe integrieren würde? Die digitale Karte zeigt: Es würde sich einiges ändern. Das Stadtklima rutscht dann im Modell in der Klassifizierung von lila - extrem warmer Bereich - auf rot - mäßig warm - nach unten. "Natürlich können wir bestehende Stadtarchitektur nicht komplett umkrempeln", weiß die Klimatologin Monika Steinrücke, aber trotzdem gibt es genügend Dinge, die man beachten könnte und die keine Unsummen verschlingen. Hier hat die Froscherin mehrere Beispiele für ihre Stadt auf Lager.

Bei Neubauten könnte die Gebäudehöhe in der Planung den klimatischen Bedingungen angepasst werden und Belüftungsschneisen in die Architektur mit einbezogen werden. Oder es könnten helle Fassadenfarben bevorzugt werden. Sie verhindern, dass die Gebäude in Zukunft auch noch Klimaanlagen brauchen, die wiederum Abwärme produzieren. Auch an einen helleren Straßenbelag könnte bereits vor einem Bau gedacht werden. Bei der Wahl von Stadtbäumen gibt es einiges zu beachten. Am Stadtring wurden Platanen gepflanzt, aber das Baumkronendach ist so dicht zusammengewachsen, dass weder die warme Luft noch die Schadstoffe der Autos abziehen können. Eine andere Anordnung und ein anderer Schnitt der Bäume würden hier Abhilfe schaffen, rät Monika Steinrücke.

Bewegtes Wasser bringt Abkühlung

Thermografie-Bild vom Platz am Kuhhirten in Bochum
Sieben Grad Temperaturunterschied liegen zwischen dem kühlenden Wasser und dem heißen Asphalt.

Ein Positivbeispiel in Bochum: Nur ein paar Treppenstufen von der heißen Fußgängerzone entfernt, liegt der "Platz am Kuhhirten". Dort hat die Stadt quer über den Platz einen kleinen künstlichen Flusslauf integriert. Auf den Temperaturfotografien der Forscher ist gut zu erkennen, dass der Bereich des Wasserlaufs bei der Farbe Grün bleibt, also bei 22 Grad Celsius statt der 28 Grad Celsius, die der umgebende Asphalt hat.

Die Bochumer Stadtplaner wollen nun in den nächsten zehn Jahren die Hitzekarte ihrer Stadt in die Hand nehmen und bei jeder baulichen Veränderung abwägen, ob und wie etwas gebaut werden soll, damit es klimatisch günstig für die Stadtbewohner ausgeht - so der Plan.

Autorin: Anke Rau (WDR)

Stand: 30.01.2014 09:03 Uhr