SENDETERMIN Sa, 22.08.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Umwelthormone im Kinderblut

PlayW wie Wissen
Umwelthormone im Kinderblut | Video verfügbar bis 20.08.2020

Ob in Quietsche-Entchen, Gummistiefeln, Verlängerungskabeln oder Antirutsch-Beschichtungen: Weichmacher finden sich überall in unserem Alltag – und gelangen auch in unseren Körper. Das Problem ist: Viele Weichmacher machen nicht nur hartes Plastik weich. Sie wirken auch auf unser Hormonsystem und stehen unter Verdacht, die Fortpflanzungsfähigkeit zu gefährden. Eine aktuelle Studie beunruhigt die Experten: Kinder und Jugendliche in Deutschland haben besonders viele Weichmacher im Blut, Gesundheitsrisiken sind nicht auszuschließen. Doch die Wissenschaftler rätseln: Warum sind Kinder besonders betroffen?

Eine besondere Gefahr für Kinder

Im Blut von Erwachsenen nimmt der Gehalt an hormonähnlich wirkenden Weichmachern seit Jahren ab – dank immer strengerer Gesetze für deren Verwendung. Nicht so im Blut von Kindern und Jugendlichen. Sie sind drei- bis fünffach höher belastet als Erwachsene. Mehr als die Hälfte der zuletzt untersuchten Kinder und Jugendlichen in Deutschland hatte in Summe so viele Plastikinhaltstoffe im Körper, dass gesundheitliche Schäden nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können.

Eine Hand hält eine eingefrorene Blutprobe.
Kinderblut ist drei- bis fünffach stärker belastet als Erwachsenenblut.

Vor allem Jungen reagieren bis in die Pubertät hinein empfindlich auf hormonähnlich wirkende Weichmacher und drosseln ihre Testosteronproduktion. Einige Weichmacher stehen unter Verdacht, die Spermienzahl und -qualität von jungen Männern zu vermindern. Ein Problem bei der Risikobewertung einzelner Weichmacher ist der Cocktail-Effekt, der bislang nicht ausreichend bewertet wird: Verschiedene Weichmacher im Blut reagieren miteinander und verstärken ihre Wirkung.

Eine schwierige Spurensuche

Eine neue Studie des Umweltbundesamtes soll klären, warum Kinder und Jugendliche so stark durch Weichmacher belastet werden und wie sie besser geschützt werden können. Untersucht werden rund 20 Plastikrückstände, darunter die fünf Weichmacher, die am häufigsten eingesetzt werden

Ein Experte im Interview mit Studienteilnehmerin und ihrem Vater.
100 Fragen durchleuchten den Alltag der jungen Studienteilnehmer.

Die Spurensuche ist ein schwieriges Unterfangen. Die Forscher wählten 2500 Testhaushalte nach statistischen Merkmalen aus, aus 167 Städten und Dörfern, verstreut über das ganze Bundesgebiet, quer durch alle Bevölkerungsschichten und Einkommensgruppen. Aus allen 2500 Haushalten spenden Teilnehmer zwischen drei und 17 Jahren Blut und Urin und bekommen Besuch von einem Experten für Spurensicherung. Er sichert in ihrem Zuhause Trinkwasser- und Staubproben und interviewt sie anhand von über 100 Fragen zu ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Konsumverhalten. Allein 20 Fragen kreisen ein, wie viel Trinkwasser die Kinder und Jugendlichen zu Hause oder unterwegs zu sich genommen haben – rein, als Tee, Schorle oder Suppe. Auch der Gebrauch von Shampoo, Deo und Creme gilt als verdächtig und wird hinterfragt, ebenso wie der Genuss von Kaugummi und Fertigprodukten.

Eine heiße Spur

Der chemische Fingerabdruck der Weichmacher im Blut und Urin verrät den Experten, wie stark jedes einzelne Kind belastet ist. Der Vergleich mit den Konzentrationen der Chemikalien im Trinkwasser und Staub erlaubt, die Hauptquellen in der Umwelt zu identifizieren. Die Ermittler kombinieren die Auswertung der Fragebögen mit den Analysewerten, um so verdächtige Verhaltensweisen und Produkte einzukreisen.

Alle Spuren laufen im Umweltbundesamt in Berlin zusammen und sorgen zunächst einmal für eine gute Nachricht: Die Ergebnisse der Trinkwasseranalyse sind unauffällig. Dass hormonartig wirkende Plastikrückstände über Trinkwasser aufgenommen werden, ist in Deutschland höchst unwahrscheinlich. Die Auswertung der Fragebögen ergibt hingegen konkrete Hinweise, woher die Weichmacher im Blut stammen: Besonders belastet sind Kinder und Jugendliche, die sich häufig eincremen. Nach wie vor sind Weichmacher in den Plastikbehältern von Körperpflegeprodukten zugelassen, aus denen sie sich als fettliebende Stoffe besonders leicht lösen und über die Haut in den Blutkreislauf gelangen.

Ein Laborant bereitet eine Urinanalyse vor.
Weichmacher aus dem Plastik sammeln sich im Urin.

Eine weitere heiße Spur sorgt für eine Überraschung: Besonders hohe Belastungen finden sich bei Studienteilnehmern, die häufig Kaugummi, Eis und verpackte Fertigprodukte zu sich genommen haben. Eine Zusatzstudie bestätigt überdurchschnittlich hohe Weichmacherkonzentrationen in einer vegetarischen Fertiglasagne. Eigentlich dürfen die Plastikverpackungen nur geringste Mengen dieser Stoffe enthalten. Doch möglicherweise lösen sich die Weichmacher auch schon bei der Verarbeitung aus Schläuchen oder ähnlichem und gehen ins Essen über.

Kinder werden aus unterschiedlichen Quellen belastet

Das Fazit der Forscher vom Umweltbundesamt: Dass Kinder und Jugendliche drei- bis fünffach stärker mit Weichmachern belastet sind als Erwachsene, hat mehrere Gründe. Kinder nehmen mehr Schadstoffe auf als Erwachsene, da sie einen höheren Stoffwechsel haben. Bezogen auf ihr Körpergewicht essen, trinken und atmen Kinder mehr als Erwachsene. Aber auch ihre Körperoberfläche ist – bezogen auf ihr Körpergewicht – größer. Dadurch nehmen sie über ihre Haut mit Körperlotion oder Cremes im Verhältnis mehr Schadstoffe auf als Erwachsene.

Durch ihre geringe Körpergröße und ihr Verhalten, viele Gegenstände in den Mund zu nehmen, kommen Kinder auch stärker in Kontakt mit einer weiteren bedeutenden Quelle von Weichmachern: Staub. Der Grund: Weichmacher sind im Weich-PVC von Bodenbelägen, Kabeln, Spielzeugen und Gummistiefeln nicht fest gebunden. Über kurz oder lang dünsten sie aus dem Plastik aus oder sammeln sich durch Abrieb im Staub.

Vier junge Skater machen Pause.
Höheres Risiko durch höheren Stoffwechsel – und anderen Lifestyle.

Ein weiterer Grund ist der Lebensstil der Kinder und Jugendlichen. Auch wenn Eis und Kaugummi selbst nicht die unmittelbare Quelle der Weichmacher sein mögen, deuten sie auf die Vorliebe hin, verpackte Lifestyle-Produkte zu konsumieren. Solange die genaue Herkunft der Weichmacher aus verpackten Fertigprodukten nicht geklärt ist, hilft es, sich durch einen abwechslungsreichen Ernährungs- und Lebensstil abzusichern, so viel wie möglich selbst zu kochen und regelmäßig Staub zu wischen.

Autorin: Ulrike Wolpers (WDR)

Stand: 22.08.2015 15:40 Uhr