SENDETERMIN Sa, 04.10.14 | 16:00 Uhr

Der Siegeszug der Kartoffel

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Der Siegeszug der Kartoffel | Video verfügbar bis 03.10.2019 | Bild: ARD

Das wahre Gold der Inka

Bauern auf einem Kartoffelacker in den Anden
Die Heimat der Kartoffel sind die Anden. | Bild: DasErste

Die Menschen haben sie schon gegessen, bevor sie die ersten Städte gegründet haben: Kartoffeln. Vor über 10.000 Jahren bauen die Bewohner im Hochland der Anden auf Terrassenfeldern die ersten Knollen an. Mit der Kartoffel, wie wir sie heute kennen, hat diese Wildpflanze allerdings nicht viel gemeinsam. Die Knollen sind nur so groß wie Haselnüsse und wegen ihres hohen Solanin-Gehaltes schmecken sie kratzig. Viele Alternativen haben die Bergbewohner aber nicht. Denn Mais wächst nur in Höhen bis zu 3.000 oder 4.000 Metern.

Um die Knollen haltbar zu machen, entwickeln die Inka eine Art Gefriertrocknung. Sie breiten die Kartoffeln mehrere Wochen auf dem Boden aus. Die Sonne und die Nachtfröste entziehen ihnen dann alle Feuchtigkeit. So lassen sich die chunosjahrelang lagern. Die Erdäpfel sind aber nicht nur Nahrungs-, sondern auch Zahlungsmittel. Die Inka-Herrscher treiben sie von ihren Untergebenen als Steuern ein und bezahlen damit Arbeiter, die Straßen und Gebäude errichten. Außerdem dienen sie der Verpflegung von Soldaten, wodurch sie den Aufstieg und die Macht der Inka begründen.

Teufelszeug und Schweinefutter

Eine Bildcollage zeigt unter anderem einen Mann im Krankenbett nach Verzehr von Kartoffelblüten
Die Zubereitung von Kartoffeln will gelernt sein. | Bild: DasErste/Gemälde: Egbert van Hemskerck, Der Arzt am Krankenbett, Public Domain

Im 16. Jahrhundert lernen spanische Eroberer die Knolle kennen und bringen sie nach Europa. Leider haben sie vergessen, die Gebrauchsanleitung mitzuliefern. Vielen Testessern wird übel, weil sie die oberirdischen Früchte statt der Knollen probieren. Manche Kirchenmänner verdammen die Kartoffel sogar als Teufelszeug, weil sie nicht in der Bibel vorkommt. Gerüchte besagen auch, Kartoffeln würden Lepra oder gar die Pest verursachen. Auch geschmacklich können die Kartoffeln zunächst niemanden überzeugen. Sie landen deshalb in Schweinetrögen.

Es gibt aber auch Fürsprecher. Die Royal Society, Großbritanniens wissenschaftliche Gesellschaft, weist schon im Jahr 1660 darauf hin, wie wertvoll die Knolle im Kampf gegen den Hunger ist. Und der französische Pharmazeut Antoine Augustin Parmentier schenkt dem Königspaar Kartoffelblüten. Die Herrscher schmücken sich damit und die Begebenheit wird zu einem Gesprächsthema im ganzen Land. Trotzdem: Viele Jahre sind Kartoffeln nur in Botanischen Gärten als exotische Rarität begehrt.

Kampf gegen den Hunger

Der 'alte Fritz' besucht Kartoffelacker
Der Anbau von Kartoffeln soll Preußens Macht sichern. | Bild: Kartoffelmuseum in München

Auf den Speisezettel der Deutschen gelangt die Knolle ab dem 18. Jahrhundert. Als in Preußen mehrere Weizenernten ausbleiben und Hunger droht, forciert Friedrich der Große die Ausbreitung der Erdäpfel. Mit mehreren Kartoffelbefehlen ab dem Jahr 1746 versucht er, den Anbau der Kartoffeln in den Provinzen durchzusetzen. Friedrich lässt kostenloses Saatgut verteilen und verbreitet Informationen zum Anbau und zur Nutzung. Obwohl den Untertanen bei Nichtbeachtung harte Strafen drohen, bringen die Bemühungen nicht den erwünschten Erfolg. Die Legende besagt, dass der ‚Alte Fritz’ deshalb zu einer List greift. Auf königlichen Feldern lässt er Kartoffeln anpflanzen und sie von Soldaten bewachen. Das erregt die Neugier der Untertanen. Und so stehlen sie nachts die seltenen und offensichtlich kostbaren Pflanzen, um sie anschließend zuhause in ihre eigenen Gärten zu setzen.

Den endgültigen Durchbruch der Kartoffel bringen aber keine Befehle und Imagekampagnen, sondern Kriege und Hunger. Wer nichts anderes hat, überwindet seine Vorurteile und isst die ungeliebten Erdäpfel. Immerhin gedeihen sie auch in schlechtem Boden. Man benötigt zum Anbau wenig Werkzeug, und sie müssen nicht wie Getreide gedroschen und gemahlen werden.

Wirtschaftlicher Aufstieg

Collage zeigt, wie Händler Kartoffeln feilbieten
Auf Märkten sind Kartoffeln nicht mehr wegzudenken | Bild: Kartoffelmuseum in München

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Kartoffel so weit verbreitet, dass sie entscheidend zum wirtschaftlichen Aufstieg des Kontinents beiträgt. Sie liefert auf der gleichen Fläche zwei- bis viermal so viele Kalorien wie Getreide. Das Nahrungsangebot wächst, und mit ihm die Bevölkerung. Manche Länder wie zum Beispiel Irland werden sogar so abhängig von Kartoffeln, dass die Ausbreitung der Kartoffelfäule Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer dramatischen Hungersnot führt. Innerhalb weniger Jahre verliert das Land rund die Hälfte seiner Bevölkerung. Die Menschen sterben an Hunger oder wandern aus, vor allem in die Vereinigten Staaten.

Der Siegeszug der Kartoffeln ist aber nicht aufzuhalten. Vor allem in den Städten, die mit der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts regelrecht explodieren, wird die Kartoffel zu einem unentbehrlichen Grundnahrungsmittel. Denn für die arme Stadtbevölkerung ist Obst und Gemüse praktisch unerreichbar. Gleichzeitig ermöglicht das üppige Essensangebot genügend Nachschub für die europäischen Armeen und Kolonialtruppen. Deren Eroberungen in Übersee ziehen Millionen Auswanderer aus dem dicht bevölkerten Europa an.

So wird die einst verschmähte Knolle zu einem ebenso wichtigen Kraftstoff für die Industrialisierung und den wirtschaftlichen Aufstieg Europas wie die Kohle.

Autor: Peter Podjavorsek

Stand: 08.10.2014 10:42 Uhr