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Zuckersüchtiger Krebs

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Zuckersüchtiger Krebs | Video verfügbar bis 09.03.2018

Ohne Zucker gegen Krebs

Grafische Darstellung einer Krebszelle, die Zucker aufnimmt
Krebszellen lieben Zucker.

An der Universität Harvard geht ein internationales Forscherteam einem unheimlichen Verdacht nach: Die Wissenschaftler um Professor Lewis Cantley untersuchen, ob es wahrscheinlicher ist, an Krebs zu erkranken, wenn man viel Zucker isst. Und umgekehrt: Ob man mit einer Ernährung ohne Zucker den Krebs leichter besiegen kann. Die Studienlage dazu ist bisher ungenügend. Der Verdacht liegt jedoch nahe, denn eines wissen die Forscher ganz sicher: Tumorzellen lieben Zucker!

Warum Tumorzellen Zucker lieben

PET-Scan eines Patienten zeigt Zellen dunkel, in denen viel Zucker ist.
Im PET-Scan können Mediziner sehen, welche Zellen im Körper viel Zucker konsumieren.

Ein modernes Verfahren der Krebserkennung ist der PET Scan. Dabei spritzen die Ärzte ihren Patienten eine radioaktive Zuckerlösung und beobachten, welche Zellen ihn besonders stark konsumieren. Gehirn und Nieren verbrauchen immer viel Zucker. Wenn auf dem Scan aber sichtbar wird, dass auch andere Zellen des Körpers besonders gierig nach Zucker sind, ist das meist die Diagnose: Dort sitzt ein Tumor. Krebszellen konsumieren so viel Zucker, weil sie sich sehr oft teilen. Aus Zucker gewinnen sie Bausteine für neue Krebszellen. Im Gegensatz zu gesunden Zellen, die auch aus Fett oder Eiweißen Energie gewinnen können, sind viele Krebsarten außerdem auf Zucker als Energielieferanten angewiesen.

Wirkt Zucker also wie ein Treibstoff für viele Krebsarten? Das könnte erklären, warum Diabetes-Patienten mit hohem Blutzuckerspiegel besonders häufig an Krebs erkranken, sagt Professor Lewis Cantley.

Den Krebs aushungern

Zuckerwürfel
Kann man Krebszellen mit einer Ernährung ohne Zucker aushungern?

Wenn Zucker ein Treibstoff für viele Krebsarten ist, was passiert, wenn man dem Krebs den Zucker entzieht? Gesunde Zellen könnten sich dann auf Fett und Eiweiß als Energielieferanten umstellen. Die Krebszellen aber würden verhungern. In der Petrischale lässt sich das leicht zeigen, erklärt Prof. Lewis Cantley: "Ohne Zucker sterben die Krebszellen ganz schnell, sie sind abhängig vom Zucker."

Auf den Menschen lässt sich dieses Ergebnis jedoch nicht so einfach übertragen. Es ist nicht möglich, den Krebs so auszuhungern, wie es in der Petrischale gelingt, denn der Blutzuckerspiegel sinkt nicht auf Null. Auch dann nicht, wenn man keinen Zucker isst. Aber eine zuckerfreie Ernährung könnte zumindest dabei helfen, dem Krebs Treibstoff zu entziehen. So die Theorie. Aber funktioniert das auch?

Leben (fast) ohne Zucker

Weintrauben
Zucker ist auch in süßen Früchten

Zuckerfrei essen - der Fachbegriff dafür ist "Ketogene Diät". Um sie durchzuhalten, ist vor allem eines unverzichtbar: Disziplin. Denn viele alltägliche Lebensmittel sind bei einer ketogenen Ernährung tabu. Nicht nur Süßigkeiten, auch viele Früchte enthalten große Mengen Zucker. Weintrauben und Orangen zum Beispiel müssen vom Speiseplan gestrichen werden. Beeren hingegen sind vergleichsweise zuckerarm. Auch Lebensmittel, die viele Kohlehydrate enthalten, sind während einer ketogenen Diät nicht erlaubt, denn aus Kohlehydraten stellt der Körper Zucker her. Das bedeutet: Keine Kartoffeln, keine Nudeln, kein Müsli, kein gewöhnliches Brot.

Dafür viel Gemüse, Eier, Fisch und Fleisch, und Milchprodukte - am besten fettreiche, wie Mascarpone. Denn im Unterschied zu anderen Diäten ist fette und kalorienreiche Nahrung bei der ketogenen Diät nicht nur erlaubt, sondern unbedingt notwendig. Nur so können die Patienten ihren Energiebedarf decken.

Ketogene Ernährung

Verschiedene Lebensmittel liegn auf dem Band einer Kasse
Eine ketogene Diät erfordert viel Disziplin - schon beim Einkaufen.

Erst wenige Ärzte kennen die ketogene Diät und empfehlen sie Krebspatienten zur Unterstützung der Krebstherapie. Das liegt daran, dass es bisher kaum aussagekräftige Studien gibt. Diese fehlen, weil es sehr schwierig ist, eine ausreichende Zahl von Krebspatienten mit vergleichbaren Erkrankungen zu finden, die sich unter vergleichbaren Bedingungen über eine längere Zeit ketogen ernähren. Bisher gibt es deshalb keine Studie, die eine positive Wirkung der ketogenen Diät auf die Heilungschancen bei Krebs belegt. Eine Studie der Uni Würzburg konnte immerhin zeigen, dass Krebspatienten, die ketogen aßen, sich gut, sogar besser fühlten als vorher.

Die Umstellung für den Körper ist anfangs spürbar. Die meisten Menschen fühlen sich zu Beginn einer ketogenen Diät schlapp. Wenn sie konsequent durchgehalten wird, stellt sich der Körper jedoch um: Die gesunden Zellen nutzen dann nicht mehr Zucker als Energielieferanten, sondern Ketonkörper. Die werden in der Leber aus Fett hergestellt und können die Blut-Hirn-Schranke überwinden, also auch das Gehirn mit Energie versorgen.

Wirkt die ketogene Diät?

Viele Krebspatienten, die eine ketogene Diät beginnen, tun das auch, um sich das Gefühl zu geben, dem Krebs nicht ausgeliefert zu sein. Selber etwas tun zu können, hilft vielen Patienten sehr, erklärt Professor Marc Sütterlin von der Frauenklinik Mannheim. Er wird in den nächsten Wochen mit Kollegen der Reha-Klinik in Bad Kissingen eine neue Studie beginnen, die dazu beitragen soll zu erforschen, ob die ketogene Diät eine Krebstherapie unterstützen kann. "Wir können die Ketogene Diät derzeit nicht prinzipiell empfehlen", erklärt Sütterlin, "aber wir haben genug Hinweise darauf, dass die Ernährungsumstellung einen positiven Effekt haben könnte, dass es Sinn ergibt, sie weiter zu untersuchen."

Autorin: Christine Buth (NDR)

Adresse:
Universität Würzburg
Frauenklinik
Josef-Schneider-Straße 2
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Tel.: (0931) 201-0

Stand: 01.07.2015 13:49 Uhr