SENDETERMIN Sa, 29.11.14 | 16:00 Uhr

Munition im Meer

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Munition im Meer | Video verfügbar bis 28.11.2019

Sorglose Entsorgung

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende war, standen Sieger und Besiegte vor einem unvorstellbaren Arsenal an Waffen und Munition. Bestände, die dringend vernichtet werden mussten, so die übereinstimmende Meinung der Alliierten. Denn Deutschland sollte vollständig und endgültig entwaffnet werden.

Deshalb charterten die Militärverwaltungen und später auch deutsche Behörden alle noch schwimmfähigen Schiffe, um Bomben, Granaten, Minen usw. im Meer zu versenken. Eine gängige Art der Entsorgung für damalige Verhältnisse. Dafür wurden 18 sogenannte Munitionsversenkungsgebiete in Nord- und Ostsee eingerichtet, in deren Grenzen die gefährliche Ladung verklappt werden sollte. Sie sind noch heute in den Seekarten eingezeichnet. Doch die Kapitäne wurden damals pro Entsorgungsfahrt bezahlt, Schiffsdiesel war knapp und es gab keine Kontrollen. Also warfen die Besatzungen ihre Ladung oft schon auf dem Weg zu diesen Munitionsfriedhöfen über Bord.

Arsenal des Grauens

Alte Munition am Meeresgrund
Auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegt Munition aus dem 2. Weltkrieg.

Auf dem Grund von Nord- und Ostsee rottet seit Jahrzehnten ein Waffenarsenal, das nahezu alles an Vernichtungswillen und Heimtücke bereit stellt, das der Mensch bis dato erfunden hatte. Von der kleinsten Pistolenpatrone bis zur 2 Tonnen Bombe wurde alles verklappt. Sogar Hitlers Wunderwaffe, die V2-Rakete, findet sich im Schlick der Ostsee – neben Seeminen, Torpedos und zahllosen Granaten. Nach Schätzungen von Fachleuten liegen in der Ostsee rund 300.000 Tonnen Munition. In der Nordsee sind es sogar 1,3 Millionen Tonnen. Darunter befinden sich auch Chemiewaffen. So versenkte die deutsche Marine in den letzen Kriegswochen allein in Flensburg knapp 70.000 Granaten mit Tabun und Senfgas, um sie dem Zugriff der Alliierten zu entziehen. Die Sieger machten nach dem Krieg mit dieser Praxis weiter. Sarin, Phosgen, Soman, ... der Giftschrank der deutschen Waffentechnologie wurde im Meer versenkt. Sein Inhalt ist, je nach Kampfstoff, heute noch so gefährlich wie vor 70 Jahren – wenn er an die Oberfläche gelangt. Und das passiert immer wieder.

Des Wahnsinns Beute als Fang im Netz

Ein Stück Phosphor entzündet sich.
An der Luft entzündet sich Phosphor von selbst.

Seit Ende des Krieges kommt es zu Unfällen mit Senfgas. Meist sind es dänische Fischer, die östlich der Insel Bornholm ihre Schleppnetze über den Grund ziehen und dabei immer wieder Granaten "fangen". Deren Metallhülle ist im Laufe der Jahre durchgerostet. Sie gibt das Senfgas frei, das dann im Wasser gummiartige Klumpen bildet und bei Hautkontakt zu furchtbaren Verätzungen führt. Bei Fischen und anderen Wasserlebewesen verätzt Senfgas die Kiemen, die Tiere ersticken qualvoll. Immerhin ist der Stoff schwerer als Wasser, so dass er nicht an die Strände geschwemmt wird. Anders hingegen weißer Phosphor. Er wurde hauptsächlich in Brandbomben eingesetzt. Große Mengen davon gelangten bei Fliegerangriffen auf Penemünde und Usedom in die Ostsee. An den nahe gelegenen Stränden werden immer wieder kleine bernsteinartige Klumpen angespült. Mehrfach haben Touristen und Bernsteinsammler sie aufgehoben und eigesteckt – mit schrecklichen Folgen. Phosphor entzündet sich von selbst wenn er an die Luft gelangt. Die Körperwärme in den Hosentaschen reicht schon aus, um diese Reaktion auszulösen. Phosphor brennt sich mit 1300 Grad durch Haut und Fleisch bis auf die Knochen. Die Opfer erleiden schwerste Verbrennungen und zum Teil bleibende Schäden.

Auch ohne Explosion tödlich

Doch auch die konventionelle Munition ist gefährlich. Die meisten Minen und Bomben sind mit dem Sprengstoff TNT bestückt. Die Substanz gilt als krebserregend und erbgutschädigend. Die Auswirkungen auf die Unterwasserlebewesen sind noch nicht abschließend untersucht. Doch die Folgen für Menschen, die direkten Kontakt mit der Substanz hatten, lassen nichts Gutes erwarten: Nach dem Krieg gab es sogenannte Munitionsverwertungsbetriebe, die an Land verbliebene Granaten usw. "recycelten". Der Sprengstoff wurde herausgelöst und anschließend im Bergbau verwendet. Das Metall schmolz man ein. Zwar gab es auch damals schon Schutzkleidung, doch die meisten Arbeiter trugen sie nicht. Viele von ihnen erkrankten später an Krebs und starben. Genaue Zahlen über diese Todesfälle liegen nicht vor. Die Verwertungsbetriebe haben ihre Arbeit vor Jahrzenten eingestellt.

Giftige Grüße aus der Tiefe

Ein Bagger arbeitet an einem Strand.
Ein Strand musste nach Granaten abgesucht werden.

Aber der Sprengstoff im Meer ist noch vorhanden. Er wird immer wieder angespült. Im Sommer 2012 fanden zwei Kinder im Ostseebad Schönberg einen gelblich aussehenden Stein und nahmen ihn mit in die Ferienwohnung. Die Eltern wunderten sich, warum die Kleidung und Hände ihrer Söhne gelblich verfärbt waren und sich nicht reinigen ließen. Nach zwei Tagen stellte sich heraus, der "Stein" war ein 1,5 Kilo schwerer Brocken TNT, vermutlich aus einem Torpedo. Die Kinder hatten bereits erste Vergiftungserscheinungen. Im Frühjahr 2014 wurde im Ostseebad Rerik nahe Rostock ein ganzer Strandabschnitt gesperrt. Urlauber hatten dort eine Granate gefunden. Daraufhin siebten die Kampfmittelräumer mehrere Wochen mit schwerem Gerät den gesamten Strand durch. Sie fanden über 300 weitere Granaten. Dazu noch Zünder und andere Munitionsteile. Der Badestrand war gerade mit frischem Sand aufgespült worden. Vermutlich hatte ein Schwimmbagger mit seinem Saugrüssel nicht nur Sand sondern auch Munition vom Grund der Ostsee an den Strand befördert.

Mit oder ohne Zünder?

Ein alter Torpedo liegt an einem Strand
Auch Torpedos wurden nach dem Krieg im Meer entsorgt.

Die Fachleute vom Kampfmittelräumdienst unterscheiden zwischen versenkter und verlegter Munition. Bei den Entsorgungsfahrten wurden generell Sprengkörper ohne Zünder versenkt. Schließlich wollte man auf dem Meeresgrund keine scharfen Minenfelder anlegen. Doch neben dieser "unbezünderten" Munition, wie es im Fachjargon heißt, befinden sich auch diverse scharfe Altlasten in Nord- und Ostsee. Zum Teil handelt es sich um Fliegerbomben, die beim Anflug auf deutsche Küstenstädte versehentlich über dem Meer ausgeklinkt wurden. Zum Teil sind es Minen, die die Alliierten vor den kriegswichtigen Städten an Nord- und Ostsee auslegten, um den Schiffsverkehr zu behindern. Besonders hinterhältig sind die sogenannten Grundminen. Sie werden vom Schiff oder aus dem Flugzeug abgeworfen, sinken auf den Meeresgrund und "warten" auf ein Schiff, das darüber hinweg fährt. Ihre Zünder reagieren auf Motorengeräusche, auf die Änderung des Wasserdrucks oder auf das Magnetfeld des Stahlrumpfes. Explodiert so eine Mine, entsteht eine gewaltige Gasblase, die das Schiff erst anhebt, zerbricht und dann in Sekundenschnelle in einem gewaltigen Strudel untergehen lässt.

Manche dieser hinterhältigen Sprengkörper haben zudem Zählwerke eingebaut. Sie sollten erst beim dritten, siebten oder zwölften Schiff zünden. So wollten die Alliierten die großen, wichtigen Schiffe in der Mitte eines Konvois versenken und die kleinen, unwichtigen Geleitboote "aussparen". Bei einigen Tausend dieser Minen hat der Zündmechanismus oder das Zählwerk jedoch versagt. Sie lauern seit rund 70 Jahren am Meeresgrund. Oft in vielbefahrenen Gewässern wie der Kieler Förde, wo täglich die Fähren nach Skandinavien vorbei fahren. Niemand weiß, ob sie nicht doch eines Tages detonieren. Daher muss diese verlegte Munition unschädlich gemacht werden, sobald sie entdeckt wird. Zuständig dafür sind die Männer vom Kampfmittelräumdienst.

Einfach sprengen?

Explosion einer Bombe Unterwasser.
Eine Unterwassersprengung ist für Fische tödlich.

Bis vor einigen Jahren wurden entdeckte Blindgänger kompromisslos gesprengt, wenn sie in der Nähe der Fahrrinne oder eines Hafens gefunden wurden. Doch die gewaltige Druckwelle unter Wasser lässt nicht nur bei Fischen in der Nähe die Schwimmblase platzen, sie schädigt auch noch in über zehn Kilometern Entfernung das Gehör von sensiblen Meeressäugern wie dem Schweinswal. Sie können nicht mehr jagen und verhungern. Außerdem gelangen bei so einer Explosion größere Mengen an Giftstoffen ins Meer. Denn der alte Sprengstoff detoniert nicht mehr vollständig. Der Rest der giftigen TNT-Partikel verteilt sich großflächig im Meer.

Daher dürfen solche Minen nur noch dann gesprengt werden, wenn eine unmittelbare Gefahr für die Schifffahrt besteht. Und auch dann gibt es die Auflage, einen Blasenschleier einzusetzen. Dabei wird auf dem Meeresgrund um den Sprengkörper herum ein Schlauch verlegt, aus dem ein dichter Vorhang aus Luftblasen aufsteigt. Der bricht den Schall und mindert die Druckwelle. Allerdings benötigt man dazu Spezialschiffe mit gigantischen Kompressoren. Die Kosten für solche Einsätze betragen meist einige Hunderttausend Euro.

Kleine Sprengung – großer Aufwand

Eine entschräfte Bombe wird abtransportiert
Die Bomben werden abtransportiert.

Die Männer vom Kampfmittelräumdienst in Schleswig-Holstein gehen daher seit 2012 einen anderen Weg. Wird ein Blindgänger gefunden, tauchen sie hinunter und bringen eine spezielle Schneidladung an. Sie trennt durch eine kleine Explosion den Zündmechanismus vom Rest des Sprengstoffes. Heben und an Land entsorgen können die Kampfmittelräumer den Blindgänger anschließend dennoch nicht. Denn durch den gewaltigen Wasserdruck und die lange Zeit am Meeresgrund hat sich der Sprengstoff chemisch verändert. Er ist instabil geworden. Bereits die Druckveränderung auf dem Weg an die Wasseroberfläche könnte ausreichen, um die Explosion auszulösen. Daher hängen die Kampfmittelräumer die entschärften Minen, Bomben usw. an ein Seil und schleppen sie in fünf bis zehn Metern Wassertiefe ins nächst gelegene Munitionsversenkungsgebiet. Dort kommt die gefährliche Fracht auf den großen Haufen zum Rest der versenkten Munition.

Schleswig-Holstein ganz alleine

Eine Bergungsmethode für die großen Sprengkörper gibt es derzeit nicht. Zwar haben auch andere Staaten rund um den Erdball ihre Munition im Meer versenkt, doch die einhellige Meinung der politisch Verantwortlichen ist: Eine Bergung wäre zu teuer und möglicherweise auch zu riskant. Daher muss die Munition bleiben wo sie ist. Das ist auch seit Jahrzehnten die unveränderte Haltung der Bundesregierung. Doch ein kleines Bundesland will sich nicht damit abfinden. Schleswig-Holstein hat mit der Nord- und Ostsee gleich zwei belastete Meere vor der Tür. Der grüne Umweltminister Robert Habeck hat nun eine Initiative ins Leben gerufen, die das Problem angeht. Schleswig-Holstein will als erstes Land der Welt einen Roboter entwickeln, der unter Wasser die Sprengkörper findet, ein Loch in die Stahlhülle schneidet und dann mit einem Rüssel den giftigen Sprengstoff heraussaugt. Übrig bliebe nur ungefährlicher Metallschrott der einfach geborgen werden kann. Es gibt zwar schon konkrete Pläne aber noch keine vorzeigbaren Ergebnisse. Die Zeit drängt, denn spätestens wenn die Metallhüllen der Bomben, Torpedos, Minen und Granaten durchgerostet sind, gibt es keine Möglichkeit mehr, sie zu finden. Alle derzeit verfügbaren Verfahren detektieren das Metall der Munitionskörper auf dem Meeresgrund. Eine Methode, die den reinen Sprengstoff unter Wasser aufspüren könnte, die gibt es nicht.

Autor: Björn Platz

Stand: 11.11.2015 13:23 Uhr

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