SENDETERMIN So, 25.08.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Geheimnisvolle Steine - das deutsche Stonehenge

Geheimnisvolle Steine - das deutsche Stonehenge | Video verfügbar bis 25.08.2018

Das Megalithgrab von Stöckheim (Sachsen-Anhalt)

Das Megalithgrab von Stöckheim ist der Sage nach die letzte Ruhestätte des Riesen Goliath.

Allein der Deckstein des Megalithgrabes von Stöckheim in Sachsen-Anhalt ist satte 28 Tonnen schwer. Früher konnten sich die Menschen die Entstehung solch gigantischer Anlagen nicht erklären und erfanden fantasievolle Legenden. In Stöckheim soll es kein geringerer als der mythische Riese Goliath gewesen sein, der die Steine aufeinandergeschichtet hat. Nach seiner Niederlage gegen David im Heiligen Land schleppte er sich sterbend nach Norddeutschland und errichtete das gewaltige Grabmal, aus dem er bis heute in manchen Nächten emporsteigt.

Die Wirklichkeit ist jedoch genauso spannend wie die Sage. Professor Johannes Müller von der Universität Kiel erforscht das Geheimnis der Megalithgräber im Rahmen eines Großprojektes, das Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt umfasst. Man weiß bereits, dass die Monumente im Zusammenhang mit einer gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzung stehen, dem womöglich größten kulturellen Wandel in der Geschichte der Menschheit: der sogenannten neolithischen Revolution. Das bedeutet, dass sich die Lebensweise der Menschen komplett umstellte, aus Jäger und Sammlern wurden Ackerbauern und Viehzüchter.

Die Veränderungen erreichten Nordeuropa erst recht spät um 3.900 vor Christus. Doch welche Bedeutung hatten die Großbauten für die Menschen?

Grabungen im Wald: das "Königsgrab"

Grabung im Großsteingrab Lüdelsen (Bild: Uni Kiel)

Mitarbeiter der Uni Kiel graben erstmals seit 70 Jahren ein unberührtes Großsteingrab aus

Seit 2007 erforschten Johannes Müller und seine Mitarbeiter das sogenannte Königsgrab bei Lüdelsen, eine eindrucksvolle 35 Meter lange Anlage aus 60 riesigen Steinen. Das Grab ist Teil einer Gruppe von sechs Monumenten und gehört zu den wenigen Megalithsetzungen in Norddeutschland, die nicht von Schatzsuchern zerstört worden sind. Die Grabungskampagne brachte eindrucksvolle Ergebnisse: Es handelte sich nicht nur um eine Grabstätte, sondern um einen Kultort, der über viele Jahrhunderte immer wieder umgebaut, von den Menschen aufgesucht und als Ort religiöser Riten genutzt wurde, am intensivsten zwischen 3.700 und 3.300 vor Christus. Ursprünglich handelte es sich nur um einen Erdhügel, die Megalithen kamen erst später hinzu und mindestens einmal wurde das Grab noch aufgeschüttet. Von Kulthandlungen zeugen Feuerstellen und Reste von Keramik. Knochen haben sich wegen der sauren Böden in der Altmark leider nicht erhalten. Johannes Müller geht davon aus, dass das Grabmal der Ahnenverehrung diente - es enthielt ursprünglich mehrere Bestattungen. Er glaubt auch, dass die Bauten als Prestigeobjekt in Konkurrenz mit anderen errichtet wurden, da der Kraftaufwand für den Bau immens gewesen sein muss.

Steinzeitmenschen: Meister der Physik

Transport eines Megalithen auf ein Grab

Mit Hilfe von Hebelwirkung konnten die Menschen schon in der Steinzeit schwere Lasten bewegen.

Wie haben es die Steinzeitmenschen geschafft, so riesige Steine zu bewegen? Dass das nicht einfach war, erlebten Johannes Müller und seine Mitarbeiter am eigenen Leibe. Sie versuchten, eines der sechs Gräber von Lüdelsen mit menschlicher Arbeitskraft zu rekonstruieren. Nachdem 60 freiwillige Helfer kaum etwas erreicht hatten, wurde das THW mit schwerem Gerät zu Hilfe geholt. Eine Erklärung, wie die Menschen im Neolithikum die Gräber erbauten, hat der Experimentalarchäologe Harm Paulsen aufgrund eigener Versuche entwickelt. Seiner Meinung nach kannten sie auch schon 3.500 vor Chrirstus die gängigsten Gesetze der Physik wie Hebelkraft und Energieübertragung und wussten sie geschickt zu nutzen. Die Felsblöcke wurden seiner Ansicht nach auf einem Holzschlitten, der sich auf Rollen bewegte, an Ort und Stelle gebracht. Am besten in der kalten Jahreszeit auf gefrorenem Boden. Um die Steine auf das Grab zu befördern, füllte man das Grab mit Erde auf und baute eine Rampe. Dann wurde ein A-Balken als Hebel eingesetzt. Wenn genügend Leute an einem Seil an der Spitze zogen, wurde am Querbalken ausreichend Energie frei, um auch einen sehr schweren Stein ziehen.

Der Beginn des Besitzes

Doch warum der ganze Aufwand? Johannes Müller und sein Team haben naturwissenschaftliche Methoden herangezogen, um der Frage auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis von Pollenanalysen: 60 Prozent der Landschaft waren im 4. Jahhrtausend vor Christus bereits offen, gerodet und bebaut für die Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht kamen vergleichsweise spät in den Norden Europas, doch in einer Phase, die mit bahnbrechenden technischen Erfindungen einherging: Pflug und Rad. Dadurch konnten die frühen Bauern viel größere Ackerflächen bewirtschaften als zuvor und die Produktivität extrem steigern. Die Megalithanlagen befinden sich häufig weithin sichtbar inmitten solcher Felder. Johannes Müller glaubt, dass sie als Landmarken dienten und die Territorialansprüche von Gruppen ausdrückten. So deutet er die geheimnisvollen gigantischen Kultanlagen auch gleichzeitig ganz profan als die ersten Zeichen irdischen Besitzstrebens.

Autorin: Tamara Spitzing (SWR)

Megalith/Megalithkultur:
Aus dem griechischen: großer Stein. Megalithanlagen kommen in unterschiedlichen Kulturen und Zeitphasen in verschiedener Funktion vor: als Dolmen oder Hinkelstein (einzelne freistehende Steine), als Gräber oder als monumentale Anlagen mit kultischer Funktion (z.B. Stonehenge). Auch heute gibt es lebendige Megalithkulturen, beispielsweise in Indonesien.

Lesetipps
Die alten Steine
Michael Schmidt
Hinstorffverlag 1998
ISBN 3356007963
155 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 85,00 Euro

Stand: 25.08.2013 19:14 Uhr