SENDETERMIN So, 24.02.13 | 17:00 Uhr

Internetsucht - Die Sucht der Zukunft?

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Internetsucht - Die Sucht der Zukunft? | Video verfügbar bis 24.02.2018
In einem Auge spiegeln sich drei Computer-Bildschirme
Der ständige Blick auf den Bildschirm - ab wann ist es Sucht?

"On", so nennen es Jugendliche, wenn sie online sind. Das hört sich an, wie "auf Droge sein". Fast 100 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland, so schätzen Experten, haben mittlerweile Zugang zum Internet, sei es über Laptop, PC oder Smartphone. Und mit dem immer verfügbaren Internet ist es wie mit anderen Suchtstoffen. Je mehr davon da ist, desto mehr wird konsumiert, bis zu einem ungesunden Maße, dann wird Internet zur Sucht. Durch die Verbreitung von Smartphones und Tablets ist das Internet tragbar geworden, jeder ist im Alltag online: in der Bahn, beim Frühstück. Psychologe Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck warnt, es wird immer schwerer erkennbar, wann jemand "online" oder "offline" ist. Dadurch wird es zukünftig auch schwerer sein, festzulegen ob jemand zu oft oder zu lange im Internet ist und ob er somit suchtgefährdet ist.

Ist es wirklich so schlimm?

Die sogenannte PINTA-Studie der Drogenbeauftragten des Bundes im Ministerium für Gesundheit aus dem Jahr 2011 bestätigt: Immer mehr junge Menschen sind suchtgefährdet. Etwa ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland werden in der PINTA-Studie als internetabhängig eingestuft. Das entspricht rund 560.000 Menschen. Rund 2,5 Millionen Deutsche im Alter zwischen 14 bis 64 Jahren werden als problematische Internetnutzer angesehen. Junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren sind die größte Gruppe in der Studie: Rund 14 Prozent gelten als problematische Internetnutzer, über zwei Prozent sind sogar abhängig.

Mädchen sind eher süchtig nach sozialen Netzwerken

Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand
Jederzeit online sein - kein Problem mit Smartphones.

Bisher galten vor allem die Jungen unter den Jugendlichen als gefährdet in eine Onlinesucht zu verfallen. Online-Rollenspiele wie "World of Warcraft" werden dabei als suchtfördernd eingeschätzt. Doch inzwischen holen die Mädchen auf. Seit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke, vorneweg Facebook, wird deutlich: Mädchen können durch chatten, posten und liken genauso internetsüchtig werden, wie Jungen durchs Computerspielen.

Die Experten der PINTA-Studie fanden heraus, dass in der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen deutlich mehr Mädchen (4,9 Prozent) als Jungen (3,1 Prozent) internetabhängig sind. 77 Prozent der auffälligen Mädchen nutzen vorwiegend soziale Netzwerke im Internet und eher selten Onlinespiele. Die jungen Männer nutzen zwar etwas seltener soziale Netzwerke mit rund 65 Prozent, aber deutlich häufiger Onlinespiele: knapp 35 Prozent der gefährdeten Jungen im Vergleich zu sieben Prozent der Mädchen.

Facebook ab 18?

Eine Frau tippt auf ihrem Smartphone.
Ständiger Austausch mit den Freunden kann auch zur Sucht werden.

Fast alle Jugendlichen sind bei Facebook angemeldet. Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck, Verfasser der PINTA-Studie, und Professor Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen in Hamburg sagen, dass Facebook das bietet, was Mädchen und junge Frauen suchen: Bestätigung. Gerade junge Frauen, die schüchtern sind oder ein geringes Selbstwertgefühl haben, holen sich über die sozialen Netzwerke die Aufmerksamkeit, die sie im Alltag nicht bekommen. Was sich Jungen an Bestätigung nach wie vor über das Spielen, den Wettkampf holen, kompensieren Mädchen über die Kommunikation. Durch kostenlose Onlinespiele mit unzähligen Schwierigkeitsstufen werden auch Jungen, die nicht so gern chatten, zu Facebook gelockt.

Wer 13 Jahre jung ist, darf sich bei Facebook anmelden, das sehen Psychologen kritisch. Denn bei den meisten Jugendlichen ist die Persönlichkeitsfindung in dem Alter längst nicht abgeschlossen, eher erst mit 18, 19, 20 Jahren. Doch Gründer Mark Zuckerberg möchte die Altersschwelle weiter senken, denkt daran, bereits Kinder zu Facebook zuzulassen. Kinderschutzorganisationen in Amerika sind dagegen.

Was sind Suchtmerkmale?

Jemand sitzt vor einem Computerspiel
Computerspielen wird wichtiger als Körperpflege.

Psychologen in Deutschland sprechen von der Internetsucht als Sucht der Zukunft, auch weil die Forschung noch ganz am Anfang steht. Die Experten sind sich noch nicht ganz einig, ob es überhaupt das Krankheitsbild "Internetsucht" als Verhaltenssucht gibt. Gleichwohl sind die Symptome sehr eindeutig, ähnlich wie bei stoffgebundenen Süchten wie Tabak oder Alkohol.

Internetsüchtige leben fast nur noch in der virtuellen Welt des Internets, sie verlieren die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie im Internet verbringen, leiden unter Entzugserscheinungen wie Missstimmung, Angst, Reizbarkeit oder Langeweile, wenn sie nicht online sind.

Abhängige nutzen das Internet, um schlechten Gefühlszuständen zu entrinnen, und nehmen dabei auch negative Konsequenzen in Kauf. Sie gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, vernachlässigen soziale Kontakte und verwahrlosen sogar körperlich. Wenn mehrere von diesen Kriterien gleichzeitig vorliegen, spricht man von einer Internetabhängigkeit.

Wer etwa 30 bis 35 Stunden in der Woche zum reinen Vergnügen online ist, ist suchtgefährdet, so ein Grenzwert, den manche Experten nennen. Wer schlaflos ist, weil er selbst nachts nicht vom Internet loskommt, hat ebenfalls ein Suchtproblem.

Wege aus der Sucht

Immer mehr Unikliniken oder Krankenhäuser erweitern ihr Therapiespektrum mittlerweile. Internetsucht ist zumindest in der Praxis ein akzeptierter Suchtbegriff. Doch nach Expertenmeinung bedarf es weiterer Studien, vor allem um präventive Maßnahmen zu bestimmen, wie etwa die Sucht schon im Ansatz verhindert werden kann. Die meisten Therapien gehen dahin, in mehrwöchigen stationären Klinikaufenthalten Internetabhängigen wieder eine Kontrolle über ihr Onlineverhalten zu vermitteln, indem Abhängige dazu gebracht werden, zum Beispiel nur noch eine Stunde am Tag online zu sein und sich andere Beschäftigungen zu suchen.

Autor: Julian Prahl (NDR)

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) veranstaltet ein Symposium zum Thema:
"Verloren im Netz? Verhaltenssüchte und ihre Folgen"

Adressen:
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Zentrum für Psychosoziale Medizin
Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters
Martinistraße 52
20246 Hamburg 
Tel.: (040) 7410 59307

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP)
Universität Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel.: (0451) 500 2871

Stand: 07.11.2014 11:49 Uhr