SENDETERMIN So, 23.06.13 | 17:00 Uhr

Die Jedermann-Kartografen

Die Jedermann-Kartografen | Video verfügbar bis 23.06.2018
Kartenausschnitt aus OpenStreetMap von Berlin
Nicht nur für Berlin: OpenStreetMap ist weltweit ein Erfolg.

Sie zählt zu den erfolgreichsten Karten-Angeboten im Internet - und stellt die Arbeit professioneller Kartografen auf den Kopf: die OpenStreetMap. Eine kostenlose und für jeden frei verwendbare virtuelle Weltkarte mit einem einzigartigen Entwicklungs-Ansatz: Alle erhobenen Daten werden von Freiwilligen gesammelt und in eine Datenbank eingepflegt. Der Zuspruch ist gewaltig, weltweit beteiligen sich über eine Million Menschen an OpenStreetMap.

Ein Projekt wird Wirklichkeit

Angefangen hat alles in London. Im Juli 2004 gründete der Brite Steve Coast das OpenStreetMap-Projekt. Seine Idee: Ähnlich organisiert wie das Online-Lexikon Wikipedia sollen Freiwillige Geo-Daten für eine Karten-Anwendung sammeln, die sich in Funktion und Optik nur wenig von kommerziellen Angeboten wie etwa Google Maps unterscheidet. Im Gegensatz dazu darf sie aber völlig kostenlos verwendet und weiter bearbeitet werden. Wer also beispielsweise einen Karten-Ausschnitt auf der eigenen Homepage verwenden oder auch Teile der OpenStreetMap-Karte ausdrucken und vervielfältigen möchte, darf dies ohne Einschränkungen tun. Dies gilt auch für kommerzielle Anbieter. Die Darstellung der U- und Busfahrpläne in Hamburg basieren beispielsweise auf OpenStreetMap-Daten. Zwei Jahre nach Projektgründung, im März 2006, ging OpenStreetMap online und entwickelte sich rasch zu einer der detailliertesten Karten im Internet. Mit aktuell mehr als drei Milliarden GPS-Punkten und über 170 Millionen verzeichneten Straßen und Wegen.

Geo-Daten sammeln leicht gemacht

Junger Mann beim "Mappen".
Mit einem GPS-Gerät kann jeder zum Kartografen werden.

Bevor eine Straße, ein Gebäude oder ein Platz in der OpenStreetMap erscheint, müssen die Rohdaten erfasst werden. Am Einfachsten geht das mit einem GPS-Tracker - oder einem Smartphone mit GPS-Empfang. Die Geräte speichern permanent die genauen Geo-Koordinaten des Benutzers ab, und legen quasi wie Hänsel und Gretel im Märchen eine Spur - nur anstatt aus Brotkrümeln aus GPS-Signalen. In einem zweiten Schritt müssen die aufgezeichneten Daten an einen Computer übertragen und auf der OpenStreetMap-Seite weiter bearbeitet werden. Denn ob es sich bei den hochgeladenen Daten um eine Autobahn, eine Kreisstraße oder etwa einen Feldweg handelt, ist zunächst nicht erkennbar. Deshalb müssen die noch rohen Geo-Daten mit weiteren Informationen versehen werden - erst dann erscheint ein Feldweg auf der OpenStreetMap auch tatsächlich als Feldweg. Darüber hinaus können auch zusätzliche Angaben wie zum Beispiel die Öffnungszeiten eines Restaurants oder der Post-Filiale angegeben werden, die dann je nach Kartenansicht dargestellt werden.

Auch ohne GPS-Gerät mitmachen

Wer kein GPS-Gerät hat, kann trotzdem mitmachen. Etwa durch das Abzeichnen von kostenlos zur Verfügung gestellten Luftbilden oder auch einer tatsächlichen Ortsbegehung. Noch fehlende Informationen wie etwa Hausnummern, Bushaltestellen, Taxistände oder Schulen können dann einfach per Hand in vorgefertigte OpenStreetMap-Karten, sogenannte Walking-Papers, eingetragen und anschließend am Computer auf OpenStreetMap übertragen werden.   

Kartenqualität oftmals besser als bei kommerziellen Anbietern

Professor Alexander Zipf am Computer.
Professor Alexander Zipf untersucht die Qualität der Karten von OpenStreetMap.

Jeder kann bei OpenSteetMap mitmachen – und jeder kann ungefiltert seine Daten einstellen. Eine Kontrollinstanz, die die Daten auf ihre Richtigkeit hin überprüft, gibt es nicht. Trotzdem, so Professor Alexander Zipf von der Universität Heidelberg, sei die Qualität der OpenStreetMap-Karte in vielen Bereichen sogar besser als bei kommerziellen Anbietern. Der Grund ist einfach: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gebiet von mehreren Usern kartografiert und bearbeitet wird, sei mittlerweile sehr hoch. Fehler würden auf diese Weise sehr schnell auffallen und korrigiert werden. Wie gut die OpenStreetMap-Karte tatsächlich ist, hängt letztlich stark von der gewünschten Anwendung ab. Liegen bei der Navigation für den Pkw beispielsweise die kommerziellen Anbieter in ihrer Detailliertheit noch vor der OpenStreetMap, sieht es bei Fahrrad- oder Wanderwegen schon ganz anders aus. "OpenStreetMap ist besonders den Bereichen gut, die von kommerziellen Anbietern bislang vernachlässigt wurden. Etwa wenn es darum geht, die besten Mountainbike-Touren in der Region zu finden. Da arbeiten dann Interessierte zusammen, die bislang auf gutes Kartenmaterial verzichten mussten und erstellen für ihre Zwecke die optimale Karte auf Basis der OpenStreetMap", sagt Professor Zipf.  

Schnelle Hilfe im Katastrophenfall

Kartenausschnitt aus OpenStreetMap von Fukushima
Innerhalb von Stunden nach der Katastrophe von Fukushima waren die aktuellen Zerstörungen in OpenStreetMap eingearbeitet.

Dass OpenStreetMap mehr ist, als ein Hobby-Kartografen-Projekt, zeigte sich bei Naturkatastrophen wie in Fukushima im März 2011. Nach einem Erdbeben und einem Tsunami wurden unzählige Straßen zerstört, waren plötzlich unpassierbar. Die Folge: Eben noch aktuelles Kartenmaterial ist von einer Sekunde auf die andere unbrauchbar. "Am Beispiel Fukushima lässt sich gut darstellen, was für ein enormes Potenzial in OpenStreetMap steckt", so Professor Alexander Zipf. Schon kurz nach der Katastrophe hätten sich weltweit Hunderte von Freiwilligen zusammengeschlossen und die aktuellen Zerstörung und Überflutungen in die OpenStreet Map eingearbeitet. Binnen Stunden konnten so beispielsweise die Rettungskräfte auf aktualisiertes Kartenmaterial zurückgreifen.

Kartenausschnitt aus OpenStreetMap von Haiti
Nach dem Erdbeben auf Haiti wurde mit OpenStreetMap innerhalb von zwei Tagen eine komplett neue Karte vom Katastrophengebiet erstellt.

Wie das geht? Satellitenaufnahmen, die vor der Katastrophe aufgenommen wurden, werden mit aktuellen Aufnahmen nach den Zerstörungen verglichen. Die Änderungen können dann eingetragen werden - ortsunabhängig und in Echtzeit. Wie schnell OpenStreetMap in Fällen wie diesen sein kann, hat das Projekt bereits im Januar 2010 beim verheerenden Erdbeben auf Haiti gezeigt. In nur zwei Tagen wurde hier quasi aus dem Nichts eine Karte geschaffen. Denn anders als im hochindustrialisierten Japan, war im Entwicklungsland Haiti die OpenStreetMap vor dem Unglück praktisch ein weißer Fleck.

Eine Stufe, ist eine zu viel - die Onlinekarte Wheelmap.org

Raúl Krauthausen in seinem Elektro-Rolli.
Kommt gut voran Dank OpenStreetMap: Raúl Krauthausen.

Welchen praktischen Nutzen auf OpenStreetMap basierte Anwendungen haben können, zeigt das Projekt Wheelmap.org. Initiator Raúl Krauthausen hat Glasknochen und benutzt deshalb einen elektrischen Rollstuhl. Die Schwierigkeit: Häufig ist es der letzte Meter vor dem Ziel der unüberwindbar ist - wie etwa die Stufen in ein Geschäft. "Oft rief man dann vorher in einem Laden an und hat gefragt: Können bei Ihnen auch Rollstuhlfahrer rein. Und dann sagen die oft: Ja, ja natürlich - wir haben nur drei Stufen am Eingang. Kein Problem. Aber drei Stufen am Eingang ist für jemanden im Rollstuhl ein Problem." 2010 hatte Raúl Krauthausen dann die Idee: Eine Karte für Rollstuhlfahrer, die Dank eines einfachen Ampel-Systems anzeigt, ob ein Ort barrierefrei ist oder nicht. "Vor OpenStreetMap wäre ein solche Anwendung überhaupt nicht möglich gewesen - zu teuer, zu kompliziert, einfach nicht umzusetzen. Erst der freie Zugriff auf das Datenmaterial hat uns Rollstuhlfahrern ein großes Stück persönlicher Freiheit zurückgegeben", ist sich Raúl Krauthausen sicher. OpenStreetMap macht's möglich.  

Autor: Niels Nagel (NDR)

Stand: 05.11.2013 17:07 Uhr