SENDETERMIN So, 06.04.14 | 17:00 Uhr

Multiresistente Keime in Ratten

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Multiresistente Keime in Ratten | Video verfügbar bis 05.04.2019

Multiresistente Keime in Ratten

Eine Ratte in der Kanalisation
Ratten leben in der Kanalisation.

243.507 Kanaldeckel gibt es in Berlin. Darunter liegt die Autobahn der Ratten - die Kanalisation. Über das dicht verzweigte Netz der Rohre und Kanäle können die Tiere fast jeden Punkt der Stadt erreichen. Doch sie bleiben nicht unten, sie kommen auch nach oben und können dort mit uns in Berührung kommen - und genau das kann zu Problemen führen: Ratten tragen Krankheitserreger in sich, die auch für den Menschen gefährlich werden können.

Schädlingsbekämpfer auf Rattenjagd

Auf der Suche nach den Ratten, die die Kanalisation bewohnen.
Schädlingsbekämpfer durchsucht Gänge der Kanalisation mit Taschenlampe

Bekämpfen können die Berliner Wasserbetriebe die Ratten nur mit Gift. Die Köder werden in Schächte gehängt, ganz dicht an den engen Rohren. Nicht großflächig, sondern genau dort, wo ein starker Rattenbefall festgestellt wurde. In den späten 1970ern wurden die Ratten bereits einmal resistent gegen die Gifte, die der Mensch gegen sie hatte. Das droht erneut, wenn nicht sparsam mit den derzeit eingesetzten Giften der zweiten Generation umgegangen wird. Ihr Einsatz ist professionellen Schädlingsbekämpfern vorbehalten, denn sie können auch andere Tiere gefährden und sich in der Umwelt anreichern. Zugelassen sind sie nur deshalb, sagt das Umweltbundesamt, weil eine wirkungsvolle Alternative fehlt, Nagetierbekämpfung aber für den Infektionsschutz unabdingbar ist.

Ratten als Krankheitsüberträger

Rattenbefall muss beim Gesundheitsamt gemeldet werden - nicht nur in Berlin. Denn für den Menschen können die Tiere gefährlich werden: Ratten können mehr als 70 Krankheiten übertragen, darunter Salmonellen, Rattenbandwurm, Borreliose und das Hantavirus. Und Ratten können multiresistente Keime tragen, die gefürchtet sind, weil viele Antibiotika gegen sie nicht mehr wirken.

Dr. Sebastian Günther in der Kanalisation
Dr. Sebastian Günther, Mikrobiologe

Dr. Sebastian Günther, Mikrobiologe an der FU Berlin, hat Ratten aus der Berliner Kanalisation auf solche gefährlichen Erreger untersucht. Er fand in jeder sechsten Ratte multiresistente E. coli, die beim Menschen viele Krankheiten auslösen können, darunter Durchfall, Lungenentzündung und Blutvergiftung. Multiresistente Erreger werden auch "Krankenhaus-Keime" genannt, weil sie sich dort besonders verbreitet haben. Der Mikrobiologe vermutet, dass Krankenhaus-Abwässer auch bei der Ansteckung der Ratten eine Rolle spielen könnten. Seine Studie zeigt: In unmittelbarer Nähe zu einem Krankenhaus trugen besonders viele Ratten den Keim: jede dritte. "Das ist etwas, das in Zukunft genauer erforscht werden muss," sagt Dr. Sebastian Günther, "Wir sehen die Ratten als Indikatortiere. Wir sehen, da ist etwas vorhanden: Die multiresistenten Keime kommen im urbanen Umfeld auch außerhalb der Krankenhäuser vor." Über Kot und Urin der Ratten könnten die gefährlichen Keime auch auf Menschen übertragen werden. Doch ob das passiert und wie oft - dazu gibt es bisher keine Untersuchungen. Denn alle Wissenschaftler, die sich mit Ratten beschäftigen, haben ein großes Problem: Sie kommen nur sehr selten an Untersuchungsobjekte heran.

Studienobjekt Ratte

Eine Ratte
Die Ratten werden von Nahrungsresten angezogen.

Ratten sind scheue und clevere Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten. Sie senden einander Duftbotschaften und verständigen sich so über geeignete Futterquellen. Es gibt immer einen Vorkoster. Würde ein Tier gleich nach dem Verzehr eines Giftköders eingehen, könnten die Schädlingsbekämpfer sicher sein, dass kein anderes Tier in weitem Umkreis den Köder noch probiert. Rattengifte wirken deshalb mit Verzögerung, töten erst drei bis vier Tage nach Verzehr. Den sterbenden Tieren bleibt genug Zeit, um sich in die entlegensten Ritzen zu verkriechen, wo sie kein Schädlingsbekämpfer einsammeln und an einen Forscher übergeben kann. Auch Dr. Sebastian Günther hatte für seine Studie nur 200 Proben, 1.000 wären jedoch nötig, um wirklich epidemiologische Aussagen treffen zu können, sagt der Wissenschaftler. "Es gibt noch viele offene Fragen", sagt Günther. "Bisher wissen wir viel zu wenig, über die Tiere, die unsere Städte mindestens so zahlreich besiedeln, wie wir selber..."

Tipps für ein rattenfreies Haus

Eine Ratte in einem Rohr
Ratten nutzen die Kanalisation, um bis in Wohnungen vorzudringen

Ratten nutzen die Kanalisation als Autobahn - wohnen aber nicht dort unten, sondern ganz in unserer Nähe. Angezogen werden sie vor allem von leicht zugänglichem Futter. Die Gesundheitsämter empfehlen deshalb: Müllsäcke in die Tonnen, nicht einfach an die Straße legen, Kellerfenster sichern und bloß kein Essen die Toilette hinunter spülen! Wenn der Hausanschluss nicht entsprechend gesichert ist, kann der Geruch der Nahrung Ratten sonst aus der Kanalisation bis in das Abwasserrohr im Haus locken. Dort angekommen schaffen es die Kletterkünstler sogar ohne Probleme bis in den vierten Stock! Es passiert sicher nicht jeden Tag, dass plötzlich eine Ratte in der Toilettenschüssel auftaucht - aber es passiert.

Autorin: Christine Buth (HR)

Stand: 06.04.2014 16:56 Uhr